Bericht

Österreichs Außenwirtschaft erreicht ruhigeres Fahrwasser (Statistiken Q2/10)

Ergebnisse der Zahlungsbilanz 2009

Wien, 30. 4. 2010 (Mag. Dr. Patricia Walter, Mag. Matthias Fuchs)


Die österreichische Volkswirtschaft konnte trotz der Wirtschaftskrise und massiver Einbrüche im Außenhandel 2009 einen Leistungsbilanzüberschuss von 6,3 Mrd EUR oder 2,3% des BIP erwirtschaften. Die globale Rezession traf vor allem den österreichischen Güterverkehr, der einnahmen- und ausgabenseitig um je ein Fünftel einbrach. Die Abwärtsdynamik setzte bereits 2007 ein, im Schlussquartal 2008 waren die Exporteinnahmen erstmals rückläufig. Der Export von Maschinen und Fahrzeugen litt besonders unter dem schwierigen Konjunkturumfeld. Etwas stabiler verhielt sich der internationale Dienstleistungshandel, der je rund 10% der Bruttovolumina einbüßte, per saldo aber immer noch einen Überschuss von mehr als 11 Mrd EUR auswies. Neben dem Reiseverkehr, der mit einem Plus von 6,2 Mrd EUR erneut ein gutes Ergebnis erreichte, war auch das breite Spektrum übriger Dienstleistungen mit einem Einnahmenüberschuss von 5,5 Mrd EUR ein wichtiges Standbein der Außenwirtschaft.


Dank des Leistungsbilanzüberschusses blieb Österreich auch 2009 per saldo Kapitalexporteur und konnte damit zur weiteren Verringerung seiner Nettoverpflichtungen gegenüber dem Ausland beitragen. Im Vergleich zu den Vorjahren sind jedoch die zugrundeliegenden Kapitalströme mit dem Ausland aktiv- und passivseitig massiv eingebrochen. Das Ausmaß der internationalen Finanzverflechtung hat sich dadurch verringert. Geändert hat sich im Vergleich zu 2008 auch die funktionale Struktur des Kapitalexports: Das Wertpapiergeschäft, das 2008 per saldo noch einen Kapitalzufluss aus dem Ausland von rund 27 Mrd EUR ergab, drehte erstmals seit 2005 wieder in einen Kapitalexport (–7 Mrd EUR). Gleichzeitig brach der Nettokapitalzufluss aus grenzüberschreitenden Krediten und Einlagen massiv ein.


1 Österreich erzielt trotz Krise deutlichen Leistungsbilanzüberschuss

Das Welthandelsvolumen erfuhr im Jahr 2009 den größten Einbruch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs (–12%). Kreditfinanzierte Investitions- und Konsumausgaben verringerten sich weltweit, zudem forcierten Arbeitsteilung und internationale Produktionsketten die Übertragungseffekte der Finanzkrise. Österreichs Außenwirtschaft konnte sich unter diesen schwierigen Bedingungen dennoch behaupten und neuerlich einen Leistungsbilanzüberschuss erzielen. Der Aufwärtstrend, der seit Mitte der 1990er-Jahre zu verzeichnen war, erfuhr jedoch eine Zäsur (Grafik 1): Der Leistungsbilanzüberschuss sank gegenüber dem Spitzenwert im Jahr 2007 um ein Drittel auf 6,3 Mrd EUR. In Relation zum BIP entspricht das einer Verringerung von rund 3,5% auf 2,3%. Die zugrundeliegenden Handelsströme nahmen um 14% auf rund 262 Mrd EUR ab und fielen damit unter die 100-Prozent-Marke des BIP. Im Vergleich dazu wurde die Außenwirtschaft des Euroraums wesentlich härter getroffen: Die Leistungsbilanz der 16 Mitgliedstaaten kippte ins Minus (2008: –1,5% des BIP; 2009: –0,7%).


Zusammensetzung und Entwicklung der Leistungsbilanz

2 Außenhandel kippte bereits Ende 2008 ins Minus

Für Österreich als kleine, offene Volkswirtschaft im Zentrum Europas war der Außenhandel der Stimulus der heimischen Konjunkturentwicklung in den vergangenen Jahren. Dazu trugen eine gute preisliche Wettbewerbsposition angesichts moderater Lohn- und Gehaltsrunden sowie die Nutzung des gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraums durch die österreichischen Unternehmen und deren frühe Ausrichtung auf die Wachstumsmärkte in Zentral-, Ost- und Südosteuropa bei. Im Jahr 2009 erfolgte jedoch ein Rückgang der Güterexporte um 20%, der zum bestimmenden Faktor der schrumpfenden Wirtschaftsleistung in Österreich wurde (–1,8%). Angesichts des hohen Anteils ausländischer Vorleistungen an den heimischen Exportgütern nahmen gleichzeitig auch die Importe in ähnlichem Ausmaß ab (–18%), was die negative Entwicklung des Außenbeitrags bremste.

 

Die Abschwächung im Außenhandel begann bereits im Jahr 2007, im Schlussquartal 2008 waren die Exporteinnahmen erstmals rückläufig (Grafik 2). Die Talsohle wurde im zweiten Quartal 2009 überschritten, seitdem erholen sich die Handelsströme. Ein positiver Wachstumspfad wurde jedoch noch nicht wieder erreicht. Die Erholung kann auf die Wachstumseffekte der weltweit koordinierten und umfassenden fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen zurückgeführt werden. Ein selbsttragender und nachhaltiger Wirtschaftsaufschwung wird von Wirtschaftsforschern jedoch bislang nicht geortet.

 
Seit Beginn der Ostöffnung hat Österreichs Industrie die Absatzchancen in Zentral-, Ost- und Südosteuropa erfolgreich genutzt. Im Jahr 2008 konnte der Abschwung im Außenhandel durch die Nachfrage aus diesen Ländern abgefedert werden. Exporte in die Slowakei, nach Bulgarien und Rumänien, Südosteuropa sowie in die europäischen GUS-Staaten (Russland, Ukraine, Weißrussland) wuchsen weiter dynamisch. Im Jahr 2009 geriet die Region jedoch stärker als erwartet in den Sog der Wirtschafts- und Finanzkrise, wofür die außenwirtschaftliche Abhängigkeit von der EU, die zum Teil hohe Fremdverschuldung sowie die sinkenden Rohstoffpreise Rechnung trugen. Es folgte eine Unterbrechung der aufholenden Entwicklung, die auf den österreichischen Export durchschlug. Angesichts des weiter bestehenden Aufholpotenzials in Zentral-, Ost- und Südosteuropa ist jedoch mittelfristig eine Rückkehr auf einen höheren Wachstumspfad als in Westeuropa zu erwarten.


Entwicklung der Handelsströme im Verlauf der Krise

Eine Ausnahme vom globalen Nachfrageabschwung im Jahr 2009 bildete der Handel mit China. Österreich konnte seine Güterexporte im engeren Sinn um 8% steigern. Damit kletterte China seit Mitte der 1990er-Jahre von Rang 20 der wichtigsten Exportdestinationen Österreichs auf Rang 11. Der Exportanteil blieb mit 2,2% jedoch gering. Die asiatische Wirtschaftsmacht führte die umfangreichsten Maßnahmen zur Bekämpfung des Wirtschaftsabschwungs durch und hat als erstes Land die Rezession überwunden. Mittelfristig warnen Wirtschaftsforscher jedoch vor einer Überhitzung der chinesischen Wirtschaft. 

 


3 Produktgruppen unterschiedlich von Nachfrageeinbruch betroffen

Der stärkste Rückgang im Warenhandel betraf den österreichischen Exportschlager, Maschinen und Fahrzeuge sowie bearbeitete Waren als Vorleistungen für die Industrie (Grafik 3). Die Automobilindustrie ist besonders hart von der weltweiten Rezession getroffen worden, ebenso brachen die Ausrüstungsinvestitionen ein. Bereits 2007, zu Beginn der Finanzkrise, hatte ein Nachfragerückgang eingesetzt. Die Einbußen bei Lebensmitteln und konsumnahen Fertigwaren waren vergleichsweise moderat, die medizinisch-pharmazeutische Industrie konnte sogar Exportgewinne verbuchen.


Entwicklung des Exports nach Warenkategorien

4 Dienstleistungshandel erweist sich als krisenresistenter

Der Export von Dienstleistungen (ohne Reiseverkehr) ist seit Mitte der 1990er-Jahre dynamisch gewachsen, bis zum Beginn der Wirtschaftskrise im Durchschnitt um 10% p. a. Die daraus folgenden Einnahmenüberschüsse haben wesentlich zum außenwirtschaftlichen Erfolg Österreichs beigetragen. Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise konnte sich der Dienstleistungshandel besser behaupten als jener der Güter: Die Abschwungsphase stellt sich kürzer und weniger ausgeprägt dar (Grafik 2).

 
Im Jahr 2008 ist die Nachfrage aus den EU- und Nachbarstaaten Tschechische Republik, Ungarn und Polen weiter dynamisch gewachsen, ebenso die Nachfrage aus den Drittstaaten Schweiz und Russland, den Golfstaaten sowie den südostasiatischen Tigerstaaten. Ein hoher Nachholbedarf nach modernen Dienst- und Bauleistungen sowie die Entwicklung zu Dienstleistungsgesellschaften dürften dazu beigetragen haben. Im Jahr 2009 war jedoch auch im Dienstleistungsverkehr ein weltweiter Nachfragerückgang zu verzeichnen. Als Puffer für die heimische Außenwirtschaft wirkten die vergleichsweise stabilen Einnahmen aus dem wichtigsten Handelspartnerland, Deutschland (Grafik 4).

 

Das Angebot traditioneller Dienstleistungsarten, allen voran der Transport, hat im österreichischen Dienstleistungsverkehr die größte Bedeutung. Danach folgen technisch-innovative Dienstleistungen (Architektur- und Ingenieur-, EDV-, Informations- und Telekommunikationsleistungen sowie Leistungen der Forschung und Entwicklung). Deren Export wuchs in den letzten Jahren dynamisch, bis zum Beginn der Rezession im Durchschnitt um 15% p. a. Damit fand eine Modernisierung des österreichischen Außenhandels statt, die im Zusammenhang mit der Internationalisierung der Unternehmensstandorte und dem Produktzyklus im Warenverkehr sowie der Auslagerung von Dienstleistungen aus den Mutterunternehmen steht.


Die zehn wichtigsten Exportdestinationen im Dienstleistungsverkehr im Jahr 2009

5 Finanzdienstleistungen besonders hart durch Krise getroffen

Finanzdienstleistungen, die bis zum Ausbruch der Krise dynamisch gewachsen sind, haben 2009 naturgemäß den stärksten Einbruch erfahren (Grafik 5). Es folgten Einnahmen aus dem Warentransport sowie der Personenbeförderung im Flugverkehr, und auch die Bauaufträge im Ausland waren rückläufig. Demgegenüber konnte sich der Export von technologischem Know-how auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten behaupten. Ebenfalls nur leicht rückläufig waren die wissensbasierten Dienstleistungen (Rechts- und Wirtschaftsdienste, Werbung, Marktforschung, persönliche Dienstleistungen).


Entwicklung des Exports nach Dienstleistungsarten

6 Tourismus als Stütze der österreichischen Außenwirtschaft

Nach Angaben der Welttourismusorganisation brachte das Jahr 2009 den stärksten Einbruch des internationalen (grenzüberschreitenden) Tourismus seit 50 Jahren. Die Anzahl der Ankünfte sank von 920 auf 880 Millionen (–4,3%). Mit einem Minus von „nur“ 2,7% bei den Ankünften ausländischer Gäste (21,3 Millionen) hat sich die österreichische Tourismuswirtschaft relativ gut behauptet und Marktanteile gewonnen. Die Anzahl der Ausländernächtigungen sank um 3,3% (auf knapp 90 Millionen), die Einnahmen gingen etwas stärker, um 5,2% auf 13,9 Mrd EUR, zurück. Hoteliers reagierten mit Preisnachlässen auf die Suche der knapp kalkulierenden Gäste nach günstigen Angeboten.


Die Reiseverkehrsausgaben der Österreicher im Ausland beliefen sich im Jahr 2009 auf 7,7 Mrd EUR und waren damit annähernd gleich hoch wie im Jahr 2008. Der Überschuss betrug somit 6,2 Mrd EUR; das sind zwar  800 Mio EUR weniger als im Jahr 2008, der Reiseverkehr ist damit jedoch nach wie vor eine wesentliche Stütze der österreichischen Leistungsbilanz.

Die höchsten Rückgänge hatte der heimische Tourismus bei Einnahmen aus Russland, dem Vereinigten Königreich und den USA zu verzeichnen. Dabei handelt es sich einerseits um die Finanzzentren, von denen die Krise ihren Ausgang nahm und die am stärksten davon betroffen waren; andererseits sind gesunkene Einnahmen aus dem Rohölhandel sowie die Aufwertung des Euro in Rechnung zu stellen. Die Einnahmen aus dem wichtigsten Herkunftsmarkt, Deutschland, blieben hingegen annähernd stabil. Nur leichte Einbußen waren aus den Niederlanden zu verzeichnen, Umsatzsteigerungen gab es aus Italien, Belgien, Frankreich und vor allem aus der Tschechischen Republik. Damit konnte Österreich als Reiseverkehrsland von seiner zentralen Lage in Europa aufgrund des Trends zu Nahreisen in wirtschaftlich schwierigen  Zeiten profitieren.



7 Österreich durch Leistungsbilanzüberschuss weiterhin Kapitalexporteur

Angesichts des Leistungsbilanzüberschusses blieb Österreich im Jahr 2009 Nettokapitalexporteur (Grafik 6). Die heimische Volkswirtschaft reduzierte dadurch ihren Nettoverpflichtungsbestand gegenüber dem Ausland um 4 Mrd EUR. Im Zuge der Finanzkrise sind jedoch die zugrundeliegenden Kapitalströme regelrecht  eingebrochen.


Entwicklung der Kapitalbilanz

Der Nettokapitalimport aus dem Wertpapiergeschäft, der 2008 noch 26,9 Mrd EUR erreichte, drehte in einen Kapitalexport (6,7 Mrd EUR). Das ist vor allem auf die deutlich geringere kurzfristige Finanzierung der österreichischen Banken sowie des öffentlichen Sektors zurückzuführen: Der Staat sorgte aus diesem Titel für einen Verpflichtungsabbau von knapp 1,9 Mrd EUR; das entspricht gegenüber 2008 einem Rückgang von fast 9 Mrd EUR. Die Banken reduzierten dieses Segment um rund 8,3 Mrd EUR (2008: Aufbau von 1,7 Mrd EUR). Gleichzeitig kam auch die langfristige Wertpapierfinanzierung der Banken, die 2008 noch 7,9 Mrd EUR erreichte, de facto zum Stillstand.

 

Nachdem die österreichischen Investoren im Jahr 2008 in hohem Umfang aus Investments in ausländische Aktien ausgestiegen waren und Kapital zurückgeführt hatten (5,7 Mrd EUR), zeigten sie 2009 wieder mehr Risikobereitschaft und veranlagten 4,4 Mrd EUR in ausländische Titel.

 

Spiegelbildlich zum Einbruch der Nettoverpflichtungen aus Wertpapieren reduzierten sich 2009 die Nettoforderungen aus dem klassischen Bankgeschäft mit Krediten und Einlagen auf weniger als ein Zehntel des Volumens 2008: Einem Forderungsaufbau von 38 Mrd EUR im Jahr 2008 folgte eine Rückführung von Finanzmitteln in Höhe von 25 Mrd EUR.

Im Einklang mit der weltweiten Entwicklung sind auch die österreichischen Direktinvestitionen geradezu eingebrochen. Die UNCTAD rechnet – basierend auf den Ergebnissen der ersten drei Quartale 2009 – mit einem Rückgang der weltweiten Direktinvestitionen um 40%. Die OECD kommt im Rahmen einer Analyse von „Mergers and Acquisitions“ sogar auf einen Einbruch um beinahe 60%.


Die österreichischen Direktinvestitionen im Ausland betrugen 2009 nur noch 2,7 Mrd EUR, das sind 85% weniger als im Vorjahr. Es handelt sich um den niedrigsten Wert seit zehn Jahren. Davon entfielen 2,2 Mrd EUR auf den Eigenkapitalerwerb und ebenso viel auf wieder veranlagte Gewinne. Konzerninterne Kreditforderungen wurden um 1,8 Mrd EUR zurückgefahren.


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Oesterreichische Nationalbank

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Mag. Günther Thonabauer 

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