Bericht

Österreichs Außenwirtschaft im ersten Quartal 2010 (Statistiken Q3/10)

Leistungsbilanzplus leicht unter dem Niveau des ersten Quartals 2009

Wien, 11. 8. 2010 (Mag. Dr. Patricia Walter)


Zu Beginn des Jahres 2010 konnte für Österreich ein ähnlich hoher Leistungsbilanzüberschuss wie im ersten Quartal 2009 verzeichnet werden (3,2 gegenüber 3,5 Mrd EUR im Vorjahresquartal1). Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass Österreichs Außenwirtschaft im Vergleichszeitraum stark in den Sog der Finanz- und Wirtschaftskrise geraten war. Im Vergleich zum ersten Quartal 2008 zeigte sich im ersten Quartal 2010 ein Rückgang des außenwirtschaftlichen Ergebnisses um rund ein Drittel bzw. – im Verhältnis zum BIP – von 7,4% auf 4,8%.

 

Die Bilanz aus dem Handel mit Gütern ist im ersten Quartal 2010 im Jahresabstand weiter ins Minus gerutscht (–1,1 Mrd EUR), während der Handelsüberschuss bei Dienstleistungen hoch blieb (5,5 Mrd EUR). Das Defizit, das Österreich aus grenzüberschreitenden Erwerbs- und Vermögenseinkommen sowie Laufenden Übertragungen verzeichnet, entwickelte sich in etwa stabil (–1,1 Mrd EUR).



Regionale Unterschiede bei insgesamt schleppender Erholung im Handel

 Im ersten Quartal 2009 waren die Güterexporte laut Zahlungsbilanz2) um rund ein Viertel und damit stärker als die Importe (–20%) zurückgegangen. Im ersten Quartal 2010 erholten sich die österreichischen Exporte nur geringfügig um 2%. Zwar hat der Außenhandel zu Jahresbeginn weltweit an Fahrt gewonnen, die österreichischen Absatzmärkte entwickelten sich aber uneinheitlich; hinzu kam der bis Dezember 2009 andauernde Aufwertungstrend des Euro. Die Importe zogen um 3% an, wobei der nach der Baisse im Jänner 2009 erfolgte Preisauftrieb bei Rohöl in Rechnung zu stellen ist.

 

Laut Statistik Austria sind die österreichischen Warenexporte3) in die EU-27, die rund 72% des Gesamtexports betragen, im ersten Quartal 2010 im Jahresabstand um 3,8% gestiegen. Der Aufschwung der deutschen Exportindustrie schlug positiv bei den österreichischen Güterexporteuren zu Buche; die Ausfuhren in das wichtigste Handelspartnerland nahmen um 8% oder 7,5 Mrd EUR zu. Zugewinne konnten auch gegenüber anderen wichtigen Zielländern verbucht werden, wie Frankreich (+9%), den Niederlanden, Spanien und Schweden sowie gegenüber den osteuropäischen Nachbarstaaten Slowakei (+10,5%), Slowenien, Ungarn und der Tschechischen Republik. Die höchsten Zuwachsraten, die jedoch dem Volumen entsprechend weniger Bedeutung hatten, wurden gegenüber Estland (+25%), Zypern und Portugal verzeichnet. Weiter rückläufig zeigte sich hingegen der Warenexport nach Italien und Griechenland, in das Vereinigte Königreich sowie nach Polen, Bulgarien und Rumänien.

 

Gegenüber Drittstaaten nahmen die Warenexporte im ersten Quartal 2010 um 4,1% zu. Wichtige Antriebskräfte des Aufschwungs waren die Schweiz (+8%), China (+33%), Japan, die Türkei, die Ukraine, Kanada, Südafrika, Australien, des Weiteren Korea, Singapur und Taiwan. Der Warenexport in die USA ist hingegen weiter zurückgegangen und gegenüber Russland zeigt sich bislang eine sehr verhaltene Entwicklung.

 

Die Erholung im Warenexport betraf die beiden wichtigsten Ausfuhrkategorien, Maschinen und Fahrzeuge sowie „Bearbeitete Waren“ – hauptsächlich nicht edle Metalle und Metallwaren – im Ausmaß von je knapp 5%. Chemische Erzeugnisse wurden um rund 9% vermehrt im Ausland abgesetzt, Nahrungs- und Genussmittel hingegen nur um knapp 3%.



Einnahmenentwicklung aus technisch-innovativen Dienstleistungen gedämpft

Der Rückgang im grenzüberschreitenden Austausch von Dienstleistungen (ohne Reiseverkehr) war im ersten Quartal 2009 im Vergleich zum Güterhandel wesentlich moderater ausgefallen. Die Exporteinnahmen sind um 8% gesunken, die Importaufwendungen um 10%. Im ersten Quartal 2010 zeigte sich die Erholung mit +1% bei den Exporten bzw. +3% bei den Importen jedoch noch verhaltener.

 

Das Anziehen im Güterhandel schlug sich im ersten Quartal 2010 in einer Belebung der wichtigsten Dienstleistungsart, dem grenzüberschreitenden Transport, nieder; ebenso erholte sich der Transithandel von den Einbußen im Vergleichszeitraum 2009. Weiterhin rückläufig entwickelten sich die Bauleistungen.

 

Versicherungs- und Finanzdienstleistungen, die im Jahr 2009 eingebrochen sind, zeigen Anzeichen einer Erholung. Die Einnahmen der österreichischen Banken aus dem Provisions- und Finanzmittlergeschäft im Ausland sind deutlich gestiegen (+12%) und die heimischen Direktversicherungen konnten den Rückgang an Einnahmen, insbesondere in der grenzüberschreitenden Lebensversicherung, wieder wettmachen.

 

Die Gruppe jener Dienstleistungsarten, die als „technisch-innovativ“4) bezeichnet werden können, hat im Jahr 2009 dem negativen Sog der Finanz- und Wirtschaftskrise trotzen können und weiterhin Zuwächse verzeichnet. Im ersten Quartal 2010 sind hingegen die Einnahmen und Aufwendungen aus Leistungen der Forschung und Entwicklung sowie Architektur-, Ingenieur- und sonstigen technischen Dienstleistungen zurückgegangen. Dabei schlugen Auftragsrückgänge und Umstrukturierungen internationaler Konzerne in Österreich zu Buche.

 

Aus wissensintensiven Dienstleistungen5) verzeichnete Österreich im ersten Quartal 2010 allgemein Einnahmenrückgänge. Ausgabenseitig ist zu beobachten, dass zwar die Nachfrage nach Unternehmensberatung zurückgegangen ist, jedoch alle übrigen Leistungskategorien, insbesondere Werbung und Marktforschung, verstärkt im Ausland nachgefragt wurden. Die negative Bilanz, die Österreich bei wissensintensiven Dienstleistungen verbucht, hat sich damit im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise weiter manifestiert.

 

Nach dem Einnahmenrückgang im ersten Quartal 2009 hat sich der Dienstleistungsexport in die EU-27 zu Jahresbeginn 2010 noch nicht wieder erholt (–1%). Die relativ stabile Nachfrage aus Deutschland hatte im Vergleichszeitraum als Puffer gegen den allgemeinen Abwärtstrend gewirkt; im ersten Quartal 2010 gaben jedoch die Einnahmen aus dem wichtigsten Absatzmarkt um 7% oder knapp 130 Mio EUR nach. Demgegenüber hat sich die Nachfrage aus anderen EU-Staaten erholt, insbesondere aus Frankreich (+19%), Italien, der Slowakei, Ungarn, der Tschechischen Republik, Rumänien und dem Vereinigten Königreich. Tendenziell trugen dafür der Aufschwung im internationalen Transport durch die Belebung des Güterhandels und der Transithandel bei. Darüber hinaus schlugen länderspezifische Besonderheiten zu Buche, unter anderem die Auslandsaktivitäten österreichischer Versicherer in Osteuropa.

 

Der Dienstleistungsexport in Staaten außerhalb der EU hat im ersten Quartal 2010 um 4% zugenommen. Dazu trug vor allem die breite Belebung der Nachfrage aus der Schweiz bei (+20%) und darüber hinaus Einnahmenzuwächse aus Japan, den USA, Russland und der Ukraine. Die dynamische Entwicklung in den Dienstleistungsbeziehungen mit China, die noch im Vorjahr verzeichnet werden konnte, wurde im ersten Quartal 2010 unterbrochen, wovon Architektur-, Ingenieur- und andere technische Dienstleistungen betroffen waren.



Voraussichtlich leichtes Minus bei Reiseverkehrseinnahmen der Wintersaison 2009/10

Die Reiseverkehrseinnahmen stiegen im ersten Quartal 2010 um 3%. Im Vergleichszeitraum 2009 war ein Minus zu verbuchen gewesen, die Einnahmen blieben jedoch auf hohem Niveau. Damit hat sich der Tourismus in Österreich neuerlich als vergleichsweise krisenresistent und als eine Stütze der Außenwirtschaft erwiesen.

Der Einnahmenzuwachs im eingehenden Reiseverkehr ist auf private Urlaubsreisen zurückzuführen, wozu auch der frühe Osterferientermin im Jahr 2010 beigetragen hat. Die Einnahmen aus Geschäftsreisen haben sich noch nicht wieder erholt. In Summe konnte Österreich im ersten Quartal 2010 ein Plus an Einnahmen aus dem wichtigsten Herkunftsmarkt, Deutschland, lukrieren (+5% bzw. +143 Mio EUR) und auch aus Russland sowie aus der Schweiz gab es deutliche Zugewinne. Weiterhin rückläufig waren hingegen Einnahmen aus den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich.

Für die gesamte Wintersaison 2009/10 (November bis April) liegen zwar noch keine Zahlen über die Einnahmenentwicklung vor, doch die Nächtigungszahlen der Statistik Austria zeigen, dass sich die ausländischen Gästenächtigungen gegenüber der Vergleichssaison 2008/09 leicht verringert haben (–1,1%). Bei den Einnahmen ist trotz der höheren Auslastung von Vier- und Fünfsternebetrieben ein etwas deutlicheres Minus zu erwarten, da die inländischen Hotelbetriebe mit Preisnachlässen auf die Finanz- und Wirtschaftskrise reagiert und die Touristen ihr Ausgabeverhalten eingeschränkt haben dürften.

Im Gegensatz zum eingehenden Reiseverkehr haben sich die Ausgaben der Österreicher für Auslandsreisen im ersten Quartal 2010 um 3% verringert; diese Entwicklung war zur Gänze auf Geschäftsreisen zurückzuführen. In Summe betrachtet gab es die höchsten Rückgänge gegenüber Deutschland sowie den osteuropäischen Staaten (Ungarn, Rumänien und Slowenien). Zuwächse wurden vor allem bei Reisen in die USA verzeichnet, wofür noch die günstige Entwicklung des Wechselkurses des Euro gegenüber dem US-Dollar im Jahr 2009 Ausschlag gegeben haben dürfte, und Italien hat als Reiseverkehrsland die Vorjahresverluste wieder wettmachen können.



Verleger, Herausgeber und Hersteller:

Oesterreichische Nationalbank

Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit

Mag. Günther Thonabauer 

Tel.: (+43-1) 404 20-6666

1) Vergleichsquartal des Vorjahres, falls nicht anders bezeichnet.

2) Warenhandel im engeren Sinn einschließlich Lohnveredelung, Reparaturverkehr, Hafendiensten, nicht monetärem Gold, Zuschätzungen für illegale sowie Hilfslieferungen, abzüglich Korrekturen um Transport-, Versicherungs- und Steuerbestandteile.

3) Warenhandel im engeren Sinn zuzüglich Lohnveredelung und Hafendiensten.

4) Kommunikationsleistungen, EDV- und Informationsleistungen, Patent- und Lizenzgebühren, Leistungen der Forschung und Entwicklung, Architektur-, Ingenieur- und sonstige technische Dienstleistungen.

5) Rechts- und Wirtschaftsdienste, Unternehmensberatung, Werbung und Marktforschung, persönliche Dienstleistungen.

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