Bericht

Finanzvermögen des privaten Sektors stark angestiegen (Statistiken Q1/06)

Quartalsergebnisse der Gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung

Wien, 23. 1. 2006. (Michael Andreasch)

Finanzierungsüberschuss des privaten Sektorsbetrug 6,3 Mrd EUR in den ersten drei Quartalen 2005

Der positive Finanzierungssaldo des privaten Sektors (nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften, private Haushalte und private Organisationen ohne Erwerbszweck) in den ersten drei Quartalen 2005 war mit einem Überschuss von 6,3 Mrd EUR um 3,8 Mrd EUR höher als im Vergleichszeitraum 2004.1)

 

Treibende Kraft hinter dieser Expansion in den ersten drei Quartalen waren einerseits die privaten Haushalte, die eine Geldvermögensbildung von 14,5 Mrd EUR bei einer gleichzeitigen Neuverschuldung von 6,6 Mrd EUR zu verzeichnen hatten. Ihr finanzieller Überschuss war damit rund 18% höher als jener in den ersten drei Quartalen 2004. Andererseits war der Nettoverpflichtungsaufbau der Unternehmen in der aktuellen Beobachtungsperiode mit einem Wert von 1,5 Mrd EUR gegenüber 4,1 Mrd EUR in der Vergleichsperiode 2004 deutlich geringer.

 

Der private Sektor lieferte damit einen wesentlichen Beitrag zum Nettokapitalabfluss (entweder direkt oder über den inländischen Finanzsektor) an das Ausland.

 

Die Preiseffekte aus Wertpapierveranlagungen und Beteiligungen führten in den ersten drei Quartalen 2005 zu einem signifikanten Anstieg des Geldvermögens des privaten Sektors sowie der Verpflichtungen der Unternehmen.

 

Im dritten Quartal 2005 hatte der private Sektor mit 620 Mio EUR einen gegenüber den beiden vorangegangenen Quartalen deutlich geringeren Finanzierungsüberschuss.



Sichteinlagen, inländische Rentenfonds und Lebensversicherungen dominierten die Geldvermögensbildung der privaten Haushalte im dritten Quartal 2005

Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte2) wuchs nicht zuletzt aufgrund der Auswirkungen des Steuerpakets schneller als die – im langjährigen Vergleich – unterdurchschnittlichen Konsumausgaben, wodurch sich die Sparquote3) im Jahr 2005 weiter erhöht haben dürfte. Da aber auch die Sachvermögensbildung der privaten Haushalte, insbesondere die Wohnbauinvestitionen, relativ schwach wuchs, flossen die verfügbaren Finanzmittel in die Geldkapitalbildung. Diese erreichte in den ersten drei Quartalen 2005 einen Wert von 14,5 Mrd EUR; das entspricht einem Plus von 18% gegenüber der Vergleichsperiode des Vorjahres. 

 

Im dritten Quartal 2005 erhöhten die privaten Investoren ihr Geldvermögen aus Neuinvestitionen um 3,9 Mrd EUR, wovon 1,6 Mrd EUR (40%) auf die Erhöhung ihrer Einlagen- und Bargeldbestände zurückzuführen waren. Der größte Wachstumsbeitrag kam, wie schon im ersten Halbjahr 2005, von der Erhöhung der Sichteinlagen, während Spareinlagen nur noch durch die kapitalisierten Zinsen stiegen.

 

Die Wertpapierinvestitionen waren im dritten Quartal 2005 mit Neuveranlagungen (einschließlich der wieder veranlagten Erträge) in Höhe von 1 Mrd EUR deutlich geringer als im ersten Halbjahr (3,9 Mrd EUR). Allerdings verringerte sich auch das Angebot der Neuemissionen und dies insbesondere bei inländischen Aktien. Private Haushalte erwarben primär inländische Investmentzertifikate. Drei von vier Euro der gesamten Wertpapierinvestitionen im dritten Quartal 2005 flossen in diese Kategorie, wobei – ungeachtet der anhaltend positiven Entwicklung auf den Aktienmärkten – vor allem Zertifikate von Rentenfonds erworben wurden. Zum 30. September 2005 hatten die privaten Haushalte inländische Investmentzertifikate in Höhe von 37,1 Mrd EUR in ihrem Besitz. Vom gesamten veranlagten Kapital aller inländischen Fonds besaßen Privatinvestoren 29% und waren damit die größte Anlegergruppe.4) 

 

Neben Investmentzertifikaten erwarb der private Haushaltssektor im dritten Quartal 2005 auch Wohnbauanleihen in Höhe von 380 Mio EUR, die bis zu einer Verzinsung von 4% KESt-befreit sind.

 

In den Daten für die ersten drei Quartale 2005 wird die seit einigen Jahren zunehmende Bedeutung der privaten Pensionsvorsorge in der Geldvermögensbildung besonders sichtbar. Die Ansprüche gegenüber Versicherungen und Pensionskassen stiegen in diesem Zeitraum um insgesamt 4,8 Mrd EUR; davon entfielen auf zusätzliche Ansprüche aus Lebensversicherungen 3,6 Mrd EUR und gegenüber Pensionskassen 440 Mio EUR. Die Erhöhung dieser Ansprüche machte damit 28% der gesamten Geldvermögensbildung der österreichischen Haushalte aus. Die entsprechenden Forderungen erreichten zum Ende des dritten Quartals 2005 einen Wert von 63,5 Mrd EUR, der knapp weniger als ein Fünftel des gesamten Geldvermögens darstellte. 

 

Zum 30. September 2005 hatten die Österreicher ein Geldvermögen in Höhe von 351,1 Mrd EUR, das inden ersten neun Monaten um 21,2 Mrd EUR (6,4%) anstieg, wovon rund ein Drittel in Höhe von 6,6 Mrd EUR auf Kurssteigerungen durch die positive Performance von Aktien und Investmentzertifikaten entfiel. Die buchmäßigen Kursgewinne erreichten somit 45% der Geldvermögensbildung und lagen um 2,6 Mrd EUR über dem Jahresergebnis von 2004. Bei möglicher Realisierung dieser Bewertungsgewinne steht den Privatanlegern damit neben dem verfügbaren Einkommen ein zusätzliches Potenzial5) für Konsumzwecke oder Investitionen zur Verfügung. Aufgrund der Konzentration des Wertpapierbesitzes innerhalb des Haushaltssektors kommt dieses Potenzial insbesondere einkommensstärkeren Investorenschichten zugute.

 

Die Kreditaufnahmen der Haushalte waren, wie bereits im zweiten Quartal, zwischen Juli und September 2005 mit einem Volumen von 2,7 Mrd EUR anhaltend hoch. In den ersten drei Quartalen 2005 stieg die Neuverschuldung um 6,6 Mrd EUR. Die zusätzlichen Mittel wurden in den ersten neun Monaten zu 43% in Fremdwährungen aufgenommen, die aber im Jahresverlauf weniger schnell wuchsen als die Gesamtverpflichtungen. Im dritten Quartal 2005 lag ihr Anteil erstmals – seit dem dritten Quartal 2001 – wieder unter 40%. Private Haushalte stockten vor allem die Wohnbaukredite um 3,4 Mrd EUR (drittes Quartal 2004: 1,4 Mrd EUR) und die Konsumkredite um 2,2 Mrd EUR (drittes Quartal 2004: 900 Mio EUR) auf. Die Verschuldung der privaten Haushalte stieg seit Jahresanfang 2005 um 5,9% auf 126,4 Mrd EUR. Die Nettovermögensposition aus Finanztiteln erreichte zum 30. September 2005 einen Wert von 224,7 Mrd EUR; sie erhöhte sich seit Jahresanfang um 6,7%.



Geringer Finanzierungsbedarf der Unternehmen in den ersten drei Quartalen 2005

Die lebhafte Exportkonjunktur dürfte im zweiten Halbjahr 2005 die Investitionstätigkeit, die im ersten Halbjahr nicht zuletzt aufgrund des Auslaufens der fiskalischen Investitionsförderung stagnierte, wieder beleben. Die gute Gewinnentwicklung wird vermutlich zu einem Anstieg der Innenfinanzierungsquote führen. Dementsprechend lag der Nettofinanzierungsbedarf, trotz nach wie vor sehr günstiger Finanzierungskonditionen, in den ersten drei Quartalen mit einem Wert von 1,5 Mrd EUR unter den Vergleichswerten der vergangenen vier Jahre.

 

Die nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften nahmen im dritten Quartal 2005 Finanzmittel in Höhe von 3,2 Mrd EUR auf. Insgesamt erreichte der Verpflichtungsaufbau in den ersten neun Monaten 12,6 Mrd EUR. Die Außenfinanzierung erfolgte in diesem Zeitraum zur Hälfte durch zusätzliche Kreditaufnahmen, zu 40% über Eigenkapitalfinanzierungen und zu 10% durch Emissionen von kurz- und langfristigen Wertpapieren.

 

Die Verpflichtungsposition der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften betrug zum 30. September 2005 350,5 Mrd EUR. Die Erhöhung um 11,5% (36 Mrd EUR) gegenüber dem Jahresultimo 2004 ist nur zu einem Drittel auf die Neuverschuldung zurückzuführen. Die gute Performance des inländischen Aktienmarktes erhöhte den Wert der Unternehmensbeteiligungen und damit die Verpflichtungen der Unternehmen in den ersten neun Monaten – allein aus Preiseffekten – um 18 Mrd EUR. Dieser Preisanstieg beeinflusste wesentlich den Rückgang des Verhältnisses der Schulden aus Fremdfinanzierung zum Eigenkapital auf eine Quote von 143%. Die Nettovermögensposition der Unternehmen war zum 30. September 2005 mit 166,6 Mrd EUR negativ.

 

In den ersten drei Quartalen 2005 betrug die Geldvermögensbildung der Unternehmen 11,1 Mrd EUR und erhöhte das Geldvermögen seit Jahresanfang um 6,7%. Der Forderungsaufbau lag damit deutlich über den Vergleichswerten der Jahre 2001 bis 2004. Dieses starke Wachstum resultierte vor allem aus dem Ankauf vonInvestmentzertifikaten (2,4 Mrd EUR) und verzinslichen Wertpapieren (2,7 Mrd EUR) sowie aus dem Erwerb von Aktien und zusätzlichen Beteiligungen (insgesamt 3,7 Mrd EUR).

 

 



Rückfragehinweis:

Statistik-Hotline

Tel.: (+43-1) 404 20-5555

1) Redaktionsschluss: 30. Dezember 2005.

2) Einschließlich der privaten Organisationen ohne Erwerbszweck.

3) 2004: 9,0%; Dezemberprognose für 2005: 10,2% (OeNB), 9,4% (WIFO) und 9,7% (IHS).

4) Siehe dazu auch die Analyse zu „Wertpapierportefeuilles privater Haushalte in Österreich“ in diesem Heft.

5) Die Kursgewinne entsprechen rund 6% des verfügbaren Einkommens privater Haushalte.

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