Bericht

Langfristige Finanzanlagen und Kursgewinne erhöhten das Geldvermögen privater Haushalte (Statistiken Q2/06)

Ergebnisse der sektoralen Finanzierungskonten aus der Gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung für das vierte Quartal und das Jahr 2005

Wien, 21. 4. 2006. (Michael Andreasch)

Finanzierungskonditionen und private Inlandsnachfrage

1)Die Zinssätze für Neukredite des privaten Sektors bei inländischen Banken stiegen von 3,12% im September 2005 auf 3,36% im Dezember 2005, wobei Banken teilweise die Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank (EZB) vom 1. Dezember 2005 bereits vorwegnahmen. Die Einlagenzinsen im Neugeschäft stiegen zur selben Zeit von 2,01% auf 2,33%. Da die Zinskonditionen, bezogen auf die ausstehenden Kredite und Einlagen, weniger stark reagierten, schlug diese Änderung jedoch auf das Nettozinseinkommen wesentlich weniger stark durch. Gemäß den Ergebnissen der Umfrage über das Kreditgeschäft2) im Jänner 2006 verfolgten die österreichischen Banken im vierten Quartal 2005 eine zurückhaltende Kreditpolitik gegenüber Unternehmen und privaten Haushalten. Die Richtlinien für Unternehmenskredite sowie für Konsumkredite an private Haushalte wurden etwas verschärft, die Standards für Wohnbaukredite hingegen leicht gelockert.

 

Die Sekundärmarktrendite für langfristige staatliche Schuldverschreibungen stieg zwischen September und Dezember 2005 von 3,10% auf 3,36% und reflektierte ebenfalls die Leitzinserhöhung. Der österreichische Aktienindex (ATX) erhöhte sich im Schlussquartal 2005 um 6,1% auf 3.667 Punkte, wodurch im Gesamtjahr 2005 die Marktkapitalisierung der im ATX enthaltenen Aktien bewertungsbedingt um 51% anwuchs. Im Jahr 2005 schütteten die inländischen Unternehmen Dividenden in Höhe von 1,2 Mrd EUR – und damit um 38% mehr als im Jahr 2004 – aus. Die Dividendenrendite fiel dennoch von 2,17% (2004) auf 1,89% (2005).

 

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im vierten Quartal 2005 gegenüber dem Vergleichsquartal 2004 um 4,1% in der nominellen Rechnung. Die Konsumausgaben der privaten Haushalte erhöhten sich im selben Vergleichszeitraum um 2,8%. Für das gesamte Jahr 2005 bedeutet dies eine nominelle Steigerung des Konsums um 3,5%, wobei die realen Ausgaben nur um 1,4% wuchsen. Die privaten Haushalte steigerten trotz der positiven Einkommenseffekte der Steuerreform ihre Ausgaben nur moderat. Ebenso wurden die stark gestiegenen buchmäßigen Kursgewinne aus den Wertpapierveranlagungen nicht realisiert und daher nicht für den Konsum verwendet.

 

Ebenfalls moderat entwickelten sich die Investitionen, die nominell im vierten Quartal 2005 um 2,1% gegenüber dem vierten Quartal 2004 anwuchsen. Im gesamten Jahr 2005 stiegen diese um 3,2%, real allerdings nur um 1,1%. Besonders schwach entwickelten sich Anlageinvestitionen, vor allem durch rückläufige Fahrzeuginvestitionen, während innerhalb der Bauinvestitionen die Nichtwohnbauten treibende Kraft für das Wachstum waren.

 



Wertpapierinvestitionen und Lebensversicherungen dominierten die Geldvermögensbildung der privaten Haushalte

Die Sparquote3) im Jahr 2005 dürfte sich aufgrund des unterschiedlichen Wachstums von Einkommen und Konsum weiter erhöht haben. Die gebildeten Ersparnisse wurden, wie schon in den ersten neun Monaten 2005 zu beobachten war, vor allem in Finanzanlagen investiert. Die Geldvermögensbildung erreichte im Schlussquartal 2005 einen Wert von 3,8 Mrd EUR. 

 

Private Haushalte4) kauften im vierten Quartal 2005 Anteile von gemischten Fonds in der Größenordnung von 850 Mio EUR, wovon der größte Teil auf neu aufgelegte Investmentzertifikate mit Kapitalgarantie entfiel. Hingegen waren Rentenfonds mit einem Kaufvolumen von 270Mio EUR, nicht zuletzt aufgrund der Kursverluste auf den Anleihemärkten, weniger stark gefragt als noch in den ersten drei Quartalen. Im Segment der verzinslichen Wertpapiere wurden vor allem steuerbegünstigte Wohnbauanleihen um rund 290 Mio EUR erworben. Die Aktienkäufe waren trotz des Engagements an der Großemission der Wiener Städtischen Versicherung im Dezember 2005 gering.

 

Die Ansprüche aus Lebensversicherungen erhöhten sich nach ersten Berechnungen im Schlussquartal 2005 transaktionsbedingt um 1,1 Mrd EUR. Wesentliche Ursachen für das hohe Wachstum sind die seit einigen Jahren zu beobachtende, generell zunehmende Bedeutung der privaten Pensionsvorsorge, die Verwendung als Tilgungsträger für endfällige Fremdwährungskredite, aber auch – als Einmaleffekt – die Verschlechterung in den Konditionen für Neuabschlüsse ab dem Jahr 2006. Dies drückt sich sehr deutlich in den Prämien aus: Für das Gesamtjahr 2005 rechnet der Versicherungsverband mit einem Wachstum des Prämienaufkommens von 15,5% gegenüber dem Vorjahr. Die Ansprüche gegenüber Pensionskassen stiegen im vierten Quartal 2005 um 270 Mio EUR.

 

Die Jahreswachstumsrate der Geldvermögensbildung erreichte damit einen Wert von 5,5%, wobei 2,1 Prozentpunkte auf langfristige Wertpapierveranlagungen (Kapitalmarktpapiere, Aktien und Investmentzertifikate ohne Geldmarktfondsanteile) und 1,6 Prozentpunkte auf die Erhöhung der Ansprüche gegenüber Lebensversicherungen und Pensionskassen entfielen. Die geldmarktorientierten Veranlagungen in Form von Einlagen, Geldmarktpapieren und Geldmarktfondsanteilen sowie die Veränderung des Bargeldbestands blieben hingegen mit einem Beitrag von 1,6 Prozentpunkten deutlich unter dem Durchschnittswert der letzten vier Jahre.

 

Das Geldvermögen der privaten Haushalte stieg zum Jahresultimo 2005 im Jahresabstand um 8% (26,5Mrd EUR) auf einen Marktwert von 356,4 Mrd EUR. Dieser Wert entspricht fast dem 1,5fachen Wert des BIP. Rund 70% des Vermögenszuwachses entfielen auf die Geldvermögensbildung im Jahr 2005. Zusätzlich profitierten die privaten Haushalte von den Kursanstiegen auf den europäischen Aktienmärkten, die den Marktwert der handelbaren Wertpapiere im Besitz von Privatinvestoren um 7,5 Mrd EUR erhöhten.

 

Während die Geldvermögensbildung weiterhin sehr lebhaft war, war die Nachfrage nach Krediten durch private Haushalte im vierten Quartal 2005 mit einer Neuverschuldung in Höhe von 1,3 Mrd EUR schwach. Aber auch die restriktivere Angebotsseite durch inländische Banken spiegelt sich in den Daten für das vierte Quartal wider. Die Finanzmittel wurden überwiegend für die Beschaffung von Wohnraum verwendet. Der Effektivzinssatz für Wohnbaukredite im in Euro denominierten Neugeschäft stieg zwar zwischen September und Dezember 2005 von 3,79% auf 3,97%, war aber dennoch historisch niedrig. Der Zinsabstand zu Fremdwährungskrediten verringerte sich zum Jahresende sogar. Die Verschuldung zum Jahresultimo 2005 betrug 132,8 Mrd EUR. Die Verschuldungsquote (in Relation zum BIP) in Höhe von 53% lag damit weiter unter dem Durchschnittswert des Euroraums.

 



Finanzierungsbedarf der Unternehmen primär durch Eigenkapitalfinanzierungen und Anleihen abgedeckt

Die Investitionstätigkeit war im vierten Quartal 2005 mit einem Zuwachs von nominell 2,1% gegenüber dem vierten Quartal 2004 moderat. Die größten Impulse gingen von den Nichtwohnbauten innerhalb der Bauinvestitionen aus. Von diesen Branchen kommt auch ein größerer Finanzierungsbedarf. Großvolumige Wertpapieremissionen tätigten sowohl die ASFINAG als auch die ÖBB-Infrastruktur Bau AG, die im vierten Quartal Anleihen in der Größenordnung von 3 Mrd EUR platzierten, wovon der größte Teil ins Ausland abgesetzt wurde.

 

Die Zinssätze für Neukredite von Unternehmen bei inländischen Banken erhöhten sich zwischen September und Dezember 2005 von 2,92% auf 3,23% deutlicher als jene für Kredite an private Haushalte. Gleichzeitig verfolgten die österreichischen Banken im vierten Quartal 2005 eine zurückhaltende Kreditpolitik gegenüber Unternehmen. Die Kreditnachfrage der inländischen Unternehmen war im vierten Quartal 2005 mit rund 400 Mio EUR – im Vergleich zu den Kreditfinanzierungen der letzten acht Quartale – unterdurchschnittlich. Darüber hinaus dürfte die gute Gewinnentwicklung, die sich unter anderem durch höhere Dividendenzahlungen bemerkbar machte, die Finanzierung über neues Eigenkapital erleichtert haben. Die Nettoausweitung der begebenen Anteilsrechte erreichte im vierten Quartal 2005 einen Wert von 1,2Mrd EUR. Insgesamt lag der Finanzierungsbedarf der Unternehmen bei 4,9 Mrd EUR.

 

Die Verpflichtungsposition der nichtfinanziellen Kapitalgesellschaften betrug zum 31. Dezember 2005 349,9 Mrd EUR; die Verpflichtungsquote lag damit bei 142% des BIP. Die Erhöhung um 11,3% (35,5 Mrd EUR) gegenüber dem Jahresultimo 2004 ist zur Hälfte auf die Neuverpflichtungen zurückzuführen. Die gute Performance des inländischen Aktienmarktes erhöhte den Wert der Unternehmensbeteiligungen und damit die Verpflichtungen der Unternehmen im Jahr 2005 – allein aus Preiseffekten – um 21 Mrd EUR. Die Nettovermögensposition der Unternehmen war zum Jahresultimo 2005 mit 165 Mrd EUR negativ.

 

 



Verleger, Herausgeber und Hersteller:

Oesterreichische Nationalbank

Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit

Mag. Günther Thonabauer 

Tel.: (+43-1) 404 20-6666

1) Redaktionsschluss: 31. März 2006.

2) Details siehe Analysebeitrag "Zurückhaltende Kreditpolitik der österreichischen Banken" in diesem Heft.

3) 2004: 9,0%, Frühjahrsprognose 2006 für 2005: 9,5% (WIFO) und 9,6% (IHS).

4) Einschließlich der Privaten Organisationen ohne Erwerbszweck.

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