Bericht

Finanzverhalten der privaten Haushalte in den ersten drei Quartalen (Statistiken Q1/09)

Wien, 23. 02. 2009. (Michael Andreasch)

Private Haushalte sind entsprechend den Daten aus der Gesamtwirtschaftlichen Finanzierungsrechnung mit einem Nettofinanzvermögen von rund 272 Mrd EUR zum Ultimo September 2008 die mit Abstand wichtigsten Kapitalgeber der österreichischen Volkswirtschaft. Ihr Vermögensaufbau dient – über das Bankensystem und die Kapitalmärkte – als Refinanzierungsmittel für die Kapital aufnehmenden volkswirtschaftlichen Sektoren. Gleichzeitig tragen die Konsumausgaben der privaten Haushalte mit einem Anteil von mehr als 50% zur Wertschöpfung in Österreich maßgeblich bei.

 

Die Konsumausgaben 2008 (mit einem nominellen Wachstum von 4,3% in den ersten drei Quartalen gegenüber der Vorjahresperiode) – und dementsprechend auch die Geldvermögensbildung und Schuldenaufnahme – der privaten Haushalte fanden in den ersten neun Monaten des Jahres 2008 in folgendem Umfeld statt:

  • Das verfügbare Nettoeinkommen verzeichnete einen nominellen Zuwachs von 6,4% auf Jahresbasis, während die Inflationsrate in der Größenordnung von mehr als 3,5% lag. Im Schlussquartal 2008 ging die Inflationsrate allerdings wieder zurück.

  • Die Arbeitsmarktsituation war in den ersten neun Monaten im Vergleich zu den Vorjahren (noch) entspannter. Die Arbeitslosenquote lag zuletzt unter 3,5%, sie stieg allerdings infolge der anhaltenden Finanzkrise und des Überschwappens auf die Realwirtschaft zum Jahresende 2008 wieder an.

  • Die Kundenzinssätze für Bankeinlagen sowie die Finanzierungskosten für aufgenommene Kredite, nicht zuletzt angeheizt durch die Verteuerung der Refinanzierung auf dem Interbankenmarkt1), stiegen im Lauf des Jahres 2008 weiter an. Im September 2008 lag der Zinssatz für neu getätigte Bankeinlagen mit Bindungsfrist bis ein Jahr bei 4,59%, jener für Wohnbaukredite bei 5,54%. Mit dem Rückgang des Interbankenmarktsatzes im vierten Quartal 2008 auf das Niveau des dritten Quartals 2006 reduzierten sich auch die Kundenzinssätze der Banken wieder.

  • Infolge der Finanzkrise verminderte sich der Wert der Veranlagungen österreichischer Privatanleger in handelbare Wertpapiere um etwa 13,3% (als preisbedingte2) Veränderung des Marktwerts des Portefeuilles zwischen Jahresultimo 2007 und September 2008). Insbesondere die hohen Kursverluste auf den internationalen Aktienmärkten im Oktober 2008 drückten den Marktwert der von Privatanlegern gehaltenen Wertpapiere weiter. Das Aktienportefeuille an inländischen Titeln ging von 12,2 Mrd EUR zum Ultimo 2007 bis zum Jahresende 2008 preisbedingt um zwei Drittel zurück (bis Ende September betrug der Rückgang rund 40%).

  • Auch der Wert der indirekten Wertpapierveranlagungen über Lebensversicherungs- und Pensionskassenansprüche ging in den ersten drei Quartalen 2008 um 1,4 Mrd EUR preisbedingt zurück.

Die Indikatoren zum Konsumentenvertrauen3) spiegeln diese Entwicklungen in den Einschätzungen der privaten Haushalte wider. Die finanzielle Situation hat sich demnach zwischen Dezember 2007 und Herbst 2008 weiter verschlechtert, wenngleich für das vierte Quartal 2008 eine leichte Verbesserung von den befragten Konsumenten gesehen wird. Gleichzeitig halten Österreicher laut Umfrageergebnissen das Sparen in der allgemeinen schwierigen Wirtschaftslage für ratsam. Für das vierte Quartal 2008 nimmt allerdings die hohe Zustimmung leicht ab.

 

Tatsächlich erhöhten private Haushalte ihre Ersparnisbildung in den ersten neun Monaten des Jahres 2008 auf rund 13% des verfügbaren Einkommens4)und verwendeten den größten Teil zur Veranlagung in Finanztitel5). In absoluten Zahlen ausgedrückt: Private Haushalte veranlagten zwischen Jänner und September 2008 14,8 Mrd EUR gegenüber 13,6 Mrd EUR im Vergleichszeitraum 2007. Österreicher veranlagten – wie schon 2007 – auch in den ersten neun Monaten 2008 verstärkt ihre Ersparnisse in Bankeinlagen, nämlich 9,8 Mrd EUR, das sind 67% der gesamten Geldvermögensbildung.

 

Vorläufige Daten für das vierte Quartal 2008 zeigen eine Fortsetzung des Trends in Richtung Einlagenerhöhung. Gemäß den aktuell verfügbaren Daten aus der Bankenstatistik stiegen im Oktober und November die inländischen Bankeinlagen der privaten Anleger um rund 1,5 Mrd EUR.

 

Nach Einlagenkategorien gegliedert, veranlagten die österreichischen Haushalte bei inländischen Banken vor allem in Termineinlagen. Die Zuwächse in den ersten drei Quartalen 2008 betrugen rund 3,5 Mrd EUR (auf einen Einlagenstand von 10,5 Mrd EUR oder 5,5% des gesamten Einlagenbestands), gefolgt von Spareinlagen in Höhe von 1,9 Mrd EUR. Die aufgelaufenen Spareinlagenzinsen erhöhten den Bestand um zusätzliche 2,9 Mrd EUR auf 145,8 Mrd EUR (76% der inländischen Bankeinlagen privater Haushalte). Private Anleger investierten vor allem in Produkte mit einer Bindungsfrist bis zu einem Jahr, da Banken die Zinsen in diesem Segment besonders stark erhöhten. Zusätzlich dürften neue Bankprodukte Privatanleger im dritten Quartal 2008 veranlasst haben, erstmals seit Jahresende 2006 wieder verstärkt in inländische Bankeinlagen mit einer Bindungsfrist von mehr als einem Jahr und maximal zwei Jahren zu veranlagen.

 

Im Wertpapierbereich stellt sich das Anlageverhalten folgendermaßen dar:

Über alle Wertpapierkategorien (verzinsliche Wertpapiere, wie z. B. Anleihen, börsennotierte Aktien und Investmentzertifikate) in Summe betrachtet war in den ersten drei Quartalen 2008 ein Nettoerwerb durch private Anleger in Höhe von knapp 2,1 Mrd EUR bei insgesamt – im Vergleich zu 2007 – geringeren Bruttoumsätzen im Ausmaß von 62,5 Mrd EUR zu verzeichnen. Im selben Zeitraum gingen die Marktwerte ihrer Wertpapierportefeuilles preisbedingt um 12,7 Mrd EUR oder 13% auf 85,4 Mrd EUR zurück.

Die Käufe bzw. Verkäufe von handelbaren Wertpapieren wurden von Privatanlegern allerdings sehr selektiv vorgenommen:

  • Verzinsliche Wertpapiere wurden in den ersten drei Quartalen 2008 um insgesamt 14,6 Mrd EUR gekauft und gleichzeitig um 10,3 Mrd EUR verkauft. Die Bruttoumsätze machten 71% der Bestände in Höhe von 37,4 Mrd EUR aus. Der im Vergleich zu 2007 stärkere Nettoerwerb6) in Höhe von 4,2 Mrd EUR (gegenüber 2,7 Mrd EUR im Jahr 2007) ist vor allem auf eine Ausdehnung der Bruttokäufe von Bankanleihen zurückzuführen.

  • Börsennotierte Aktien wurden netto um 0,3 Mrd EUR erworben. Den größten Anteil hatten Unternehmens- und Versicherungsaktien (in diesem Zusammenhang ist besonders die Kapitalerhöhung derWiener Städtischen Versicherung AG im Mai 2008 hervorzuheben).

  • Die Bruttotransaktionen in Aktien beliefen sich auf 8,8 Mrd EUR (Kauforders) bzw. 8,5 Mrd EUR (Verkauforders) zwischen Jänner und September 2008, womit die Umsätze gegenüber 2007 um rund ein Drittel geringer ausfielen. Käufe und Verkäufe in Summe machten in diesem Zeitraum 108% des Bestands aus. Der Rückgang des Marktwerts der im Besitz von Privatanlegern befindlichen Aktien (insbesondere Bankaktien bzw. Aktien von Immobiliengesellschaften) als Konsequenz der Finanzmarktturbulenzen betrug 7,0 Mrd EUR oder 37% des Vermögensbestands zum Ultimo 2007. Zum Ultimo September 2008 betrug der Marktwert des Aktienportefeuilles 12,2 Mrd EUR. Die vorläufigen Daten für das vierte Quartal 2008 zeigen weitere Kursverluste, insbesondere im Oktober. Der Marktwert des Aktienportefeuilles an inländischen Titeln ging bis zum Jahresende 2008 preisbedingt um zwei Drittel zurück.

  • Die größten Nettoverkäufe wurden von Privatinvestoren bei Investmentzertifikaten vorgenommen (2,4 Mrd EUR). Schwerpunktmäßig wurden inländische Wertpapiere abgegeben. Ausschlaggebend für die – im Vergleich zu 2007 – höheren Nettoverkäufe waren die höheren Rückgänge bei den Kauforders im Vergleich zu den ebenfalls abfallenden Verkauforders. Wie bei den Aktien mussten Privatanleger im Jahr 2008 Kursverluste hinnehmen. Zwischen Jänner und September 2008 gingen die Marktwerte preisbedingt um 4,9 Mrd EUR (oder 11%) zurück. Nettoverkäufe und buchmäßige Kursverluste ließen den Kurswert zum Ultimo September 2008 auf 35,8 Mrd EUR schmelzen.

Die privaten Unternehmer erhöhten ihre Anteile an nicht börsennotierten Aktiengesellschaften und GmbHs zwischen Jänner und September 2008 um 0,3 Mrd EUR. Der Vermögensbestand erreichte Ende September 2008 einen Eigenkapitalanteil von 32,9 Mrd EUR.

 

Die transaktionsbedingte Erhöhung der Ansprüche aus Lebensversicherungen und gegenüber Pensionskassen betrug in den ersten drei Quartalen 2008 1,7 Mrd EUR. Gleichzeitig ging der Wert der indirekten Wertpapierveranlagungen aus Lebensversicherungs- und Pensionskassenansprüchen im selben Zeitraum um 1,4 Mrd EUR preisbedingt zurück. Der aktuelle Wert der gesamten Ansprüche zum Ultimo September 2008 betrug 76 Mrd EUR.

 

Die sonstigen Vermögenserhöhungen bis September 2008 machten rund 1 Mrd EUR aus und stammen im Wesentlichen aus der Erhöhung der noch nicht abgerechneten Ansprüche aus Kranken- und Schadensversicherungen und der Erhöhung der Ansprüche gegenüber Betrieblichen Vorsorgekassen.

 

Das Finanzvermögen der privaten Haushalte erreichte zum Ultimo September 2008 einen Wert von 418,5 Mrd EUR, das ist weniger als ein Prozent mehr als zum Ultimo 2007, da die Geldvermögensbildung durch Kursverluste aus direkten und indirekten Wertpapierveranlagungen nahezu kompensiert wurde.

 

Betrachtet man die Entwicklung der finanziellen Verpflichtungen der privaten Haushalte, so ergibt sich folgendes Bild:

Private Haushalte nahmen in den ersten drei Quartalen 2008 (Neuverschuldung minus Tilgungen) Kredite in Höhe von 3,3 Mrd EUR auf und damit rund 0,7 Mrd EUR weniger als im Vergleichszeitraum 2007. Trotz des Rückgangs gegenüber 2007 war die Finanzierung von Wohnraumbeschaffung und -erhaltung der Motor dieses moderaten Kreditwachstums. Gemäß den aktuell verfügbaren Daten aus der Bankenstatistik überstiegen die Tilgungen im Oktober und November 2008 die Neuverschuldungen privater Haushalte per saldo um rund 0,9 Mrd EUR.

Die gesamte Verschuldung der österreichischen Kreditnehmer betrug zum Ultimo September 2008 146,7 Mrd EUR, davon waren 124,9 Mrd EUR gegenüber inländischen Banken aushaftend. Der hohe Anteil der Wohnbaukredite in der Neuverschuldung spiegelt sich auch im Schuldenstand mit einer Quote von 63% wider. Drei Viertel der Verschuldung sind in Euro denominiert, die restlichen 25% sind vor allem auf Kreditfinanzierungen in Schweizer Franken zurückzuführen.

 

Von dem gesamten aushaftenden Kreditvolumen in Fremdwährungen in Höhe von 36,1 Mrd EUR sind 74% endfällig und haben einen Tilgungsträger in Form von Investmentzertifikaten oder Versicherungspolizzen. Neben dem Zins- und Wechselkursrisiko, dem die Kreditnehmer ausgesetzt sind, kommen durch die derzeit schlechte Performance der Tilgungsträger zusätzliche Risiken für die Abdeckung der Kreditschuld hinzu. Die Restlaufzeitstruktur dieser Kredite macht deutlich, dass der überwiegende Teil der endfälligen Kredite ab 2018 fällig wird.

 




Finanzvermögen und Verpflichtungen der privaten Haushalte 
 Kapitalbewegungen
kumuliert über die
ersten drei Quartale
Vermögen und Verpflichtungen
zum Ultimo
 20072008Dez. 07Sep. 08Anteil
 in Mrd EURin %
 
Bargeld–0,4–0,213,713,33,2
Einlagen9,69,8184,7195,346,7
   im Inland9,49,5180,719145,6
     Nach Kategorien:     
     Sichteinlagen2,21,233,434,68,3
     Termineinlagen2,53,5710,52,5
     Spareinlagen4,64,8140,2145,834,8
     davon aufgelaufene Spareinlagenzinsen2,22,932,90,7
     Nach Laufzeit:     
     Täglich fällige Einlagen12,444,64711,2
     Gebundene Einlagen8,47,213614434,4
   im Ausland0,20,344,31
Verzinsliche Wertpapiere2,74,233,837,48,9
   inländischer Emittenten2,33,829,432,77,8
   ausländischer Emittenten0,40,54,44,71,1
Börsennotierte Aktien–1,30,318,912,12,9
   inländischer Emittenten–0,50,212,27,41,8
   ausländischer Emittenten–0,806,74,71,1
Investmentzertifikate–0,3–2,443,135,88,6
Beteiligungen0,30,331,632,97,9
Lebensversicherungsansprüche2,31,561,26214,8
Pensionskassenansprüche0,40,214,4143,3
Sonstige Finanzinvestitionen0,3114,715,73,7
Geldvermögensbildung/Geldvermögen13,614,8416,1418,5x
 
Kredite43,3142,1146,6100
   Nach dem Verwendungszweck:     
   Wohnbaukredite3,93,387,491,662,5
   Konsumkredite und sonstige Kredite0,2054,75537,5
   Nach dem Kreditgeber:     
   Inländische Banken4,12,9120,7124,985,2
   Staat, Versicherungen und Ausland–0,10,421,321,714,8
Finanzierung/Verpflichtungen43,3142,1146,7x
 
Finanzierungssaldo/Nettogeldvermögen9,511,5274271,8x
 


Verleger, Herausgeber und Hersteller:

Oesterreichische Nationalbank

Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit

Mag. Günther Thonabauer 

Tel.: (+43-1) 404 20-6666

1) Entwicklung des Drei-Monats-LIBOR.

2) Wechselkursänderungen sowie die Änderungen der Wertpapierpreise.

3) Quelle: GfK Austria GmbH.

4) Laut der im Dezember 2008 veröffentlichten Prognose der Oesterreichischen Nationalbank beträgt die Sparquote im Gesamtjahr 2008 12,8%.

5) Empirische Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Ersparnisbildung und Geldvermögensbildung in Österreich zeigen für die Untersuchungsperiode 1981 bis 2007 eine hoch signifikante positive Korrelation.

6) Werte einschließlich aufgelaufener und noch nicht ausbezahlter Zinserträge.

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