Bericht

Finanzverhalten der privaten Haushalte im ersten Quartal 2010 (Statistiken Q3/10)

Wien, 11. 8. 2010 (Michael Andreasch)


Wirtschaftliches Umfeld

Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte1)2) fiel im ersten Quartal 2010 geringer aus als im Vergleichszeitraum 2009. Auf Jahresbasis (kumuliert über die letzten vier Quartale) betrug das Einkommen 168,2 Mrd EUR und war damit um knapp 700 Mio EUR geringer als der Jahreswert 2009. Diese Entwicklung wurde stark vom geringeren Nettovermögenseinkommen (erhaltene Vermögenseinkommen abzüglich bezahlter Zinsen aus Krediten) getrieben. Die unterschiedliche Entwicklung der Neugeschäftszinsen der inländischen Banken im Fall von Einlagen und Konsumkrediten war dabei maßgeblich. Während die Einlagenzinsen im ersten Quartal 2010 um bis zu 34 Basispunkte gegenüber dem Ultimo 2009 zurückgingen und Neugeschäftszinsen auf Wohnbaukredite und sonstige Kredite leicht abnahmen, verzeichneten die Zinsen auf Konsumkredite bereits Anstiege um 49 Basispunkte. Der leichte Rückgang des verfügbaren Einkommens und der gleichzeitig moderate Anstieg der Konsumausgaben in den letzten vier Quartalen senkte auch die Sparquote, die auf Jahresbasis von 11% im vierten Quartal 2009 auf 9,8% im ersten Quartal 2010 fiel.

 

Der HVPI veränderte sich im Jahresabstand im März 2010 um 1,8% (im Dezember 2009 betrug die Inflation noch 1,1%). Die Arbeitslosigkeit war im März 2010 mit 4,2% gegenüber Dezember 2009 leicht rückgängig.

 

Die eigene Einschätzung der privaten Haushalte zeigt in derBefragung zum Konsumentenvertrauen3),dass die finanzielle Situation im ersten Quartal 2010 – nach einer Verbesserung in den letzten Monaten des Vorjahres – per saldo wieder ins Negative drehte. Hand in Hand mit dieser Entwicklung hielten es weniger private Haushalte für ratsam, in der allgemeinen Wirtschaftslage des ersten Quartals zu sparen. Die Bereitschaft zum Sparen fiel damit – im Vergleich zur Entwicklung 2009 – noch deutlicher unter den langjährigen Durchschnitt. Dieser Rückgang korreliert mit der Entwicklung der Sparquote. 


Geldvermögensbildung

Die Höhe der Geldvermögensbildung im ersten Quartal 2010 reflektiert die Entwicklung dieser Ersparnisbildung. Private Haushalte veranlagten – gegenüber 1,7 Mrd EUR im vierten Quartal 2009 – 2,5 Mrd EUR in Finanzanlagen4), aber deutlich weniger als im ersten Quartal 2009 (4,5 Mrd EUR). Damit fiel die Geldvermögensbildung kumuliert in den letzten vier Quartalen mit 11,9 Mrd EUR erheblich geringer aus als in den letzten drei Jahren.

 

Maßgeblichen Anteil an diesem geringen, transaktionsbedingten Wachstum hatte die Entwicklung der Einlagenbestände. Während die Bargeldbestände schätzungsweise um rund 0,3 Mrd EUR im ersten Quartal 2010 zunahmen, verringerten sich die Einlagenbestände trotz der aufgelaufenen und kapitalisierten Einlagenzinsen um knapp 0,6 Mrd EUR5). Dafür zeichnete ausschließlich der Rückgang täglich fälliger Gelder verantwortlich, während Veranlagungen in gebundene Gelder leicht zulegten. Dies stellt eine teilweise Gegenbewegung zum Aufbau der täglich fälligen Gelder im vierten Quartal 2009 dar. Nach Kategorien gingen sowohl Sicht- als auch Termineinlagen zurück. Der Auflösung von Spareinlagen stand eine nahezu betragsgleiche Erhöhung aus kapitalisierten Einlagenzinsen gegenüber. Der Rückgang der Einlagenbestände fand im Umfeld sehr niedriger Leitzinsen und leicht fallender Interbankgeldsätze gegenüber dem Ultimo 2009 statt, die auf die Bankenzinssätze im Kundenneugeschäft wirkten. Die moderat gestiegene Inflation führte zu einer negativen Realverzinsung der Einlagenbestände im ersten Quartal 2010.

 

Gegenläufig operierten die Haushalte bei Veranlagungen in handelbare Wertpapiere6). Insgesamt erwarben private Investoren handelbare Wertpapiere im Ausmaß von 1,3 Mrd EUR, wobei eine Umschichtung von Einlagen zu höher verzinsten und risikoreicheren Wertpapieren nicht ausgeschlossen werden kann. Diese „Nettokäufe“ waren schon im vierten Quartal 2009 festzustellen, nachdem seit der Verschärfung der Finanzkrise durch Lehman Brothers tendenziell die „Nettoverkäufe“ überwogen. Im ersten Quartal 2010 erwarben private Haushalte vorwiegend inländische langfristige Bank- und Unternehmensanleihen, ausländische börsennotierte Aktien sowie Investmentzertifikate. Dabei bevorzugten die Anleger Zertifikate von Geldmarkt-, Renten- und Gemischten Fonds.

 

Das Wertpapierportefeuille der Privatanleger stieg somit transaktionsbedingt um 1,5%. Zusätzlich führten höhere Wertpapierkurse vor allem bei Bankanleihen, Unternehmensaktien und Investmentzertifikaten in Höhe von 2,4 Mrd EUR zu einem preisbedingten Wachstum des Wertpapierbestands um 2,7%. Der aktuelle Marktwert Ende März 2010 betrug 91,9 Mrd EUR.

Die für die langfristige Absicherung verwendeten Ansprüche7) aus Lebensversicherungen und gegenüber betrieblichen Pensionskassen stiegen transaktionsbedingt im ersten Quartal 2010 um 1,3 Mrd EUR an und stellen nachhaltig eine wichtige Säule in der Geldvermögensbildung dar.

 

Das gesamte Geldvermögen erreichte zum Ultimo März 2010 einen Wert von 445,5 Mrd EUR (160% des BIP) und stieg gegenüber dem Jahresultimo 2009 um 1,3%. Mit knapp 50% waren Bargeld- und Einlagenbestände die wichtigsten Finanzanlagen privater Haushalte. Handelbare Wertpapiere und Ansprüche gegenüber Lebensversicherungen sowie Pensionskassen hatten Ende März 2010 einen Anteil von knapp mehr als 20% bzw. 18%.



Finanzierung

De facto kam es im ersten Quartal 2010zu keiner Neuverschuldung, wenn man alle Kreditarten in Summe betrachtet. Nach Kreditarten aufgeteilt, nahmen private Haushalte für Wohnbau- und Investitionszwecke Kredite in Höhe von rund 250 Mio EUR bzw. 80 Mio EUR auf, während Konsumkredite um mehr als 400 Mio EUR netto getilgt wurden.

 

Die Verpflichtungen der privaten Haushalte erreichten zum Ultimo März 2010 einen Wert von 147,4 Mrd EUR bzw. 53% des BIP. Das Wachstum der Verpflichtungen von weniger als 1% war schwerpunktmäßig auf die höhere Bewertung der Kredite in Schweizer Franken zurückzuführen. Wohnbaukredite waren mit 96,1 Mrd EUR die wichtigste Verschuldungsart.

 

Die Nettovermögensposition erhöhtesich von 293,9 Mrd EUR zum Jahresultimo 2009 um 1,5% auf 298,2 Mrd EUR zum Ultimo März 2010. 



Finanzvermögen und Verpflichtungen der privaten Haushalte   
 KapitalbewegungenVermögen und Verpflichtungen
zum Ultimo
 Q1 10Q4 09Q2 09 bis Q1 101Dez. 09Mär.10
  
 in Mrd EURAnteil in %
  
Bargeld0,30,21,015,716,03,6
Einlagen−0,60,33,1206,4205,846,2
   im Inland−0,60,32,9201,6200,945,1
     Nach Kategorien:      
     Sichteinlagen−0,42,27,544,143,79,8
     Termineinlagen−0,2−0,7−3,35,85,51,2
     Spareinlagen0,0−1,2−1,3151,7151,734,1
     Nach Laufzeit:      
     Täglich fällige Einlagen−1,03,29,259,158,113,0
     Gebundene Einlagen0,4−2,9−6,4142,5142,932,1
   im Ausland0,00,00,24,94,91,1
Verzinsliche Wertpapiere0,40,30,339,140,29,0
   inländischer Emittenten0,30,20,033,734,57,7
   ausländischer Emittenten0,10,10,35,45,71,3
Börsennotierte Aktien0,30,00,313,314,43,2
   inländischer Emittenten0,00,0−0,18,38,82,0
   ausländischer Emittenten0,20,00,45,05,61,3
Investmentzertifikate0,60,71,935,637,48,4
Beteiligungen0,00,10,228,428,56,4
Lebensversicherungsansprüche1,00,43,164,866,014,8
Pensionskassenansprüche0,30,31,115,816,53,7
Sonstige Finanzinvestitionen0,1−0,61,020,620,84,7
Geldvermögensbildung/Geldvermögen2,51,711,9439,9445,5x
nachrichtlich:      
handelbare Wertpapiere21,31,02,588,091,920,6
  
Kredite−0,10,21,3144,7146,1100,0
   Nach dem Verwendungszweck:      
   Wohnbaukredite0,30,31,695,596,165,8
   Konsumkredite und sonstige Kredite−0,3−0,1−0,349,250,034,2
   Nach dem Kreditgeber:      
   Inländische Banken−0,20,31,1122,7123,984,8
   Staat, Versicherungen und Ausland0,1−0,10,222,022,215,2
Finanzierung/Verpflichtungen−0,10,21,3146,0147,4x
  
Finanzierungssaldo/Nettogeldvermögen2,61,410,6293,9298,2x
  
 


Verleger, Herausgeber und Hersteller:

Oesterreichische Nationalbank

Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit

Mag. Günther Thonabauer 

Tel.: (+43-1) 404 20-6666

1) Redaktionsschluss: 2. Juli 2010.

2) Realwirtschaftliche Indikatoren, wie verfügbares Einkommen, Konsum, Ersparnisbildung und Sachvermögensbildung sind nur für den Haushaltssektor (einschließlich der Privaten Organisationen ohne Erwerbszweck) verfügbar. Die Daten zu den Finanzanlagen erfassen private Haushalte einschließlich selbstständig Erwerbstätige nicht aber Private Organisationen ohne Erwerbszweck sowie Privatstiftungen.

3) Quelle: Gfk Austria GmbH.

4) Einschließlich der kapitalisierten Einlagenzinsen sowie der aufgelaufenen und noch nicht durch Kuponzahlungen abgedeckten Zinsen aus Wertpapierveranlagungen.

5) Bemerkenswert ist, dass hingegen Private Organisationen ohne Erwerbszweck inklusive Privatstiftungen ihre Einlagen um 370 Mrd EUR erhöhten (ein Zuwachs der Einlagenbestände um fast 6 %).

6) Verzinsliche Wertpapiere einschließlich Bundesschatzscheinen, börsennotierter Aktien und Investmentzertifikaten.

7) Einschließlich der Verwendung als Tilgungsträger für endfällige Kredite (rund 80 % der Tilgungsträger sind Lebensversicherungen; Details siehe Finanzmarktstabilitätsbericht 17).

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