Neuzeit

An der Schwelle zur Neuzeit – Innovatives Land Tirol


Tiroler Münzreform

Schwazer Bergbuch, 1556

Schwazer Silberbergbaugebiet am Falkenstein, Schwazer Bergbuch von 1556, Wiener Ausgabe (ÖNB) 

Pfundner, Hall

Pfundner, o.J., Hall 

Sechser, Hall, Ferdinand I.

Sechser, Hall, Ferdinand I.
(1521 bis 1527) 

Halbguldiner, 1484, Hall

Halbguldiner, 1484, Hall,
Erzherzog Sigmund
(1446 bis 1490) 

Das Tiroler Münzwesen hatte auch nach der Vereinigung mit Österreich 1363 seine Eigenständigkeit behalten. Bedingt durch die Währungskrise in den Nachbarländern Bayern, Salzburg und Österreich war es in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts auch in Tirol zu einem Wertverfall des Kreuzers gekommen. Eine Stabilisierung gelang erst in den Jahren 1450 bis 1460 unter Erzherzog Sigmund (1446 bis 1490). Die erfolgreiche Konsolidierung der Währung bildete die Grundlage für eine Modernisierung des Münzwesens, die nachhaltige Auswirkungen auf das gesamte europäische Geldwesen der frühen Neuzeit haben sollte.

 

Den Anstoß dazu gab der durch die rasche Zunahme des europäischen Nord-Südhandels ausgelöste wirtschaftliche Aufschwung, an dem Tirol als Transitland profitieren wollte. Da Versuche, mit eigenen Goldprägungen der ausländischen Konkurrenz zu begegnen, mangels ausreichender Goldvorkommen unbefriedigend geblieben waren, machte Sigmund die bessere Auswertung der Silbervorkommen von Schwaz zum Ziel seiner Reformbestrebungen. Der Ertrag dieser Minen, der seit den 70er-Jahren des 15. Jahrhunderts außerordentlich gestiegen war, sollte nicht länger das venezianische Münzwesen alimentieren oder für die Tilgung der Schulden aus der verschwenderischen Hofhaltung des Landesherrn verwendet, sondern für die Prägung eigener höherwertiger Münzen genutzt werden. 

 

1477 verlegte Sigmund die Münzstätte von Meran nach Hall und begann dort 1482 mit der Ausprägung des „Pfundners“, einer Münze im Wert von 12 Kreuzern, die nach dem Vorbild von Venedig gestaltet war. In Venedig wurden seit 1472 größere Silbernominale hergestellt - zuerst die nach dem herrschenden Dogen benannte „Lira Tron“, dann der „Grossoni“, mit dem Kopfbild des Münzherrn auch als „Testone“ bezeichnet. Der Tiroler Pfundner war die erste, mit einem realistischen Porträt des Landesherrn ausgestattete Münze im deutschsprachigen Raum. Sigmund ließ von dieser Münze auch ein Halbstück, den „Sechser“ prägen. 1484 nahm man die Produktion einer Silbermünze im Wert eines halben Guldens auf, des Halbguldiners oder halben Guldengroschen. 



Guldiner und Taler

Guldiner 1486, Erzherzog Sigmund

Guldiner 1486, Hall,
Erzherzog Sigmund (1446 bis 1490) 

Guldiner 1504, L. v. Keutschach

Guldiner 1504 – „Rübentaler“, Leonard von Keutschach (1495 bis 1519) 

Taler, Wien, Ferdinand I.

Taler, Wien,
Ferdinand I. (1521 bis 1564) 

Kern der Münzreform von Erzherzog Sigmund von Tirol war die Prägung des „Guldiners“ 1486. Die neue Münze wurde auch unter den Bezeichnungen „Guldengroschen“ oder – nach ihrem Gewicht (1 Unze = 31,5 g) – „Unzialis“ in größeren Mengen ausgeprägt. Als Äquivalent für den rheinischen Goldgulden konzipiert, vervollständigte sie die Reihe der Silbernominale und fand binnen kurzer Zeit zahlreiche Nachahmungen. Als erster folgte der Salzburger Erzbischof Leonhard von Keutschach (1495 bis 1519) dem Beispiel Halls und ließ – vermutlich in der Haller Münzstätte – die als „Rübentaler“ bekannten Großsilbermünzen schlagen. Um 1500 begannen die Sachsen mit der Ausgabe eines Silberguldens und um 1520 nahmen die Grafen Schlick im Böhmischen Joachimstal die Prägung von Guldengroschen auf. Von den im Joachimstal in großen Mengen hergestellten Guldengroschen leitet sich der noch im heutigen Dollar nachklingende Name Taler ab, der zu einer Art Oberbegriff für Großsilbermünzen wurde. 

 

Österreich blieb anfänglich bei der Bezeichnung „Gulden“. Die ersten Guldenprägungen aus Hall spielten eine vergleichsweise geringe Rolle im europäischen Geldverkehr, zumal der Taler bald eine eigenständige Entwicklung nahm. Mit der Prägung einer Großsilbermünze, die für die Bedürfnisse einer wachsenden Wirtschaft und weltweiter Geldgeschäfte geeignet war, hatte Tirol jedoch die Grundlage für den Übergang zum neuzeitlichen Geldwesen geschaffen.



Münzstätten: Maschinelle Prägung

Hall in Tirol mit der Münzstätte Sparberegg, Schwazer Bergbuch 1556

Hall in Tirol mit der Münzstätte Sparberegg,
Schwazer Bergbuch 1556 

Walzenprägung

Walzen für Walzenprägung und beprägter Zain mit Vorder- und Rückseiten des Doppeltalers Rudolf II. (1575 bis 1612), 1604 Hall 

Hall in Tirol entwickelte sich im Spätmittelalter zu einer der wichtigsten Münzstätten. Zwar gelangte nur etwa ein Drittel des in Schwaz geförderten Silbers nach Hall, die übrigen zwei Drittel gingen in den Export, dennoch war der Umfang der Ausprägungen – überwiegend kleinere Silbermünzen – beachtlich. Dem Landesherrn, Erzherzog Sigmund, der Münzreiche, brachte die Münzstätte reiche Einkünfte, die er zur Finanzierung seiner aufwendigen Hofhaltung dringend benötigte. Der Verbundenheit mit dem Münzwerk verlieh der Fürst kurz vor seinem Tod noch einmal Ausdruck, als auf seinen Wunsch in einer Schüssel 400 Guldiner herbeigeholt wurden, „weil sein Gnad noch einmal in ain silber greifen wolt“.

 

Die Haller Münzstätte – im Unterschied zu den anderen österreichischen Münzstätten fest in landesfürstlicher Hand – zeichnete sich nicht nur durch die Ausprägung neuer und besonders qualitätsvoller Münzsorten aus, sie war auch in technischen Belangen innovativ. Mit dem Einsatz neuer Produktionsverfahren – 1523 eine neue Methode der Zainbehandlung, 1532 ein neuer Schmelzofen – konnte die Qualität der Prägungen verbessert und die Produktion rationalisiert werden. Mitte des 16. Jahrhunderts begann man mit Prägemaschinen zu experimentieren, 1571 ging das Haller Walzenwerk in Betrieb. Es wurde zum Vorbild für eine Reihe europäischer Münzstätten.

 

Die Prägung mit Hammer und Amboss wurde nach und nach durch maschinelle Fertigung ersetzt. Münzstätten, die über Wasserkraft verfügten, waren nun im Vorteil. Die Münzstätten in den habsburgischen Ländern wurden nach dem Tod Ferdinands I. (1564) auf dessen drei Söhne aufgeteilt. Maximilian II. erhielt die böhmischen, schlesischen und ungarischen Münzstätten, Erzherzog Karl die innerösterreichischen in Graz und Klagenfurt, Erzherzog Ferdinand jene in Hall und im vorderösterreichischen (elsässischen) Ensisheim.