Architektur des Geldes
Die Baugeschichte der Oesterreichischen Nationalbank ist vom allgemein architekturtheoretischen Aspekt her bemerkenswert, da die Nationalbank in fast jeder Stilepoche ein signifikantes Bauwerk errichtet hat: sie erstreckt sich vom ersten klassizistischen Bankpalais, das 1823 in der Herrengasse errichtet wurde, bis zum 1998 fertiggestellten Geldzentrum in der Garnisongasse. Zusammenfassend läßt sich sagen: Zur Sicherung der architektonischen Qualität wurde bei allen wesentlichen Bauvorhaben die beste Lösung bezüglich Funktionalität, Stil und städteplanerischen Anforderungen im Rahmen eines Architektenwettbewerbes gesucht.
Gründung
Die „k.k. privilegirte oesterreichische Nationalbank“ wurde am 1. Juni 1816 durch Kaiser Franz I. gegründet. Die private Aktiengesellschaft wurde zunächst im Gebäude der Bancodeputation in der Singerstraße 17–19 untergebracht.
Um die Eigenständigkeit der Notenbank zu unterstreichen und den beginnenden Wirtschaftsaufschwung zu signalisieren sowie auf Grund der Zunahme der Geschäftstätigkeit und den daraus resultierenden Platzproblemen wurde die Erbauung eines neuen, eigenen Bankgebäudes erwogen.
Das erste repräsentative Gebäude
Das erste Gebäude der „k.k. privilegirten oesterreichischen Nationalbank“ wurde von 1819 bis 1823 in der Herrengasse 17 erbaut. Das klassizistische Bankpalais kann als erster spezifischer Bankbau in Wien angesehen werden.
Mit der fortschreitenden Industrialisierung des Kaiserreichs expandierten die Geldgeschäfte und erforderten den Ankauf der Nachbargebäude in der Bankgasse 3, 1849, und Herrengasse 15, 1857. Ein neues, größeres Gebäude wurde notwendig, als man die Absicht hatte, die Notenbank und die Börse in einem Haus zu vereinigen.
Das Bank- und Börsengebäude
Der als kombiniertes Bank-, Börse- und Geschäftsgebäude geplante, später „Palais Ferstel“ genannte Komplex an der Freyung wurde 1860 fertig gestellt und gilt als ein Hauptwerk der romantischen Phase des frühen Wiener Historismus.
Hier ist ein neues räumliches Konzept ersichtlich: Geldwirtschaft sollte nicht mehr hinter massiven Eisentoren passieren, sondern in einem Bau, der auch der Öffentlichkeit zugänglich war; im Raumprogramm forderte man neben Geschäftslokalen auch ein Kaffeehaus – das später berühmt gewordene Cafe Central.
Die ständige Expansion der Oesterreichisch-ungarischen Bank ab 1878, hatte zur Folge, dass umliegende Gebäude angekauft wurden und sich die Räumlichkeiten der Notenbank Anfang des 20. Jahrhunderts auf sieben verschiedene Häuser verteilten. Auf Grund der Raumnot beschloss man die Herrengasse zu verlassen und auf dem ehemaligen Areal der Alserkaserne ein neues Bankpalais mit einer separaten Banknotendruckerei zu errichten.
Der geplante „Palast des Geldes“
1909 kaufte die Oesterreichisch-ungarische Bank das Areal der Alserkaserne, um dort ein neues, repräsentatives Bankpalais sowie ein Gebäude für die Banknotendruckerei zu erbauen.
Der Entwurf von Leopold Bauer, ein Schüler von Otto Wagner, wurde 1911 zum Siegerprojekt gekürt. Geplant war ein „Palast des Geldes“, ein Prachtbau mit turmartigem Aufbau in Hochhausdimension sowie ein Nebengebäude für die Banknotendruckerei. Beide Gebäude sollten mit einer dekorativen Brücke verbunden werden.
An diesem Bauprojekt ist die Einwirkung zweier gravierender geschichtlicher Ereignisse nachvollziehbar. Die Expansion der Oesterreichisch-ungarischen Bank schlug sich in dem von Gigantomanie geprägten Entwurf von Leopold Bauer nieder, der an der Alserstraße verwirklicht hätte werden sollen. Im Sommer 1913, ein Jahr vor Beginn des Ersten Weltkrieges, konnte mit dem Bau des als reinen Zweckbau konzipierten Druckereigebäudes begonnen werden. Doch der Zerfall der Monarchie hatte auch auf das Bauvorhaben Konsequenzen und führte zu einer Verkleinerung des geplanten Nationalbankgebäudes.
Das Hauptgebäude am Otto-Wagner-Platz
In Folge der Liquidierung der Oesterreichisch-ungarischen Bank musste sich die Nationalbank bei ihrem Bauprojekt beschränken. Das als Banknotendruckerei geplante Nebengebäude, welches während des Ersten Weltkrieges noch im Rohbau fertig gestellt worden war, wurde in ein Hauptgebäude umgestaltet. Mit der Bauleitung und weiteren Planung beauftragte man nicht mehr Leopold Bauer sondern das Architektenteam Ferdinand Glaser und Rudolf Eisler. Dieses am 22. März 1925 fertig gestelltes Gebäude „… von zweckmäßiger Einrichtung und Solidität in allen Teilen …“ (Neue Freie Presse vom 19. März 1925) wird bis heute als Hauptsitz der Oesterreichischen Nationalbank genutzt und blieb in seinem äußeren Erscheinungsbild bis heute fast unverändert.
Der Großbrand, 1979, zerstörte fünf Geschoße und hatte wesentliche architektonische Folgen auf das Innere des Gebäudes. Der Wiener Architekt Carl Appel wurde mit der Wiederherstellung sowie mit dem Aufbau eines Dachgeschoßes betraut.
Nebengebäude 50er-Jahre
Während der 50er-Jahre entstanden neue Gebäude der Oesterreichischen Nationalbank am Otto-Wagner-Platz in Wien. 1950 bis 1956 wurden von dem Architektenteam Erich Boltenstern und Eugen Wachberger ein Verwaltungsgebäude und ein Wohnhaus für Bankmitarbeiter errichtet sowie eine Garage unter der Grünfläche im Otto-Wagner-Platz eingebaut.
Das Geldzentrum
In den 80er-Jahren stand die Oesterreichische Nationalbank neuerlich vor einem Platzproblem, wie bereits mehrmals im Laufe Geschichte.
Nach der Entscheidung über die Errichtung eines neuen, zusätzlichen Gebäudes in unmittelbarer Umgebung Hauptgebäudes wurde im Rahmen eines internationalen geladenen Wettbewerbes der Entwurf des Architekten Wilhelm Holzbauer von einer Fachjury, im Oktober 1991, ausgewählt: das primäre Ziel war es, einen Zweck orientierten, gut funktionierenden Verwaltungs- und Industriebau zu entwickeln, der sich architektonisch in das Stadtbild des Bezirkes integrieren sollte. Am 19. Juni 1998 konnte das Geldzentrum, welches das derzeit letzte architektonische Projekt der Oesterreichischen Nationalbank darstellt, feierlich eröffnet werden.