

Seinen ersten Malunterricht erhält Albin Egger-Lienz bei seinem Vater Georg Egger, einem Kirchenmaler und Fotografen. Von 1884 bis1893 studiert er an der Münchner Akademie unter Karl Raupp, Gabriel von Hackl und Wilhelm Lindenschmitt. Im Katalog zur Münchner Jahresausstellung im Glaspalast 1891 taucht zum ersten Mal der Doppelname Egger-Lienz auf. 1899 heiratet er und übersiedelt mit seiner Frau nach Wien. Ab 1900 ist er Mitglied des Künstlerhauses in Wien und von 1908 bis 1910 Mitglied der Wiener Secession. Eine Berufung an die Akademie der bildenden Künste in Wien wird 1910 durch den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand vereitelt, neuerliche Berufungen in den Jahren 1919 und 1925 nimmt er nicht an. Bei der Entwicklung seines monumentalen, expressiven und symbolhaften Stils sind ihm Franz von Defregger und insbesondere Ferdinand Hodler mit seiner linear vereinfachenden Malweise Vorbilder. In seinen monumentalen Bildern beschäftigt sich Egger-Lienz mit den Themenkreisen des Krieges, des bäuerlichen Lebens und existenziellen Themen wie etwa dem Tod, oft gibt es mehrere Fassungen von einem Motiv. 1912/13 folgt er seiner Berufung als Professor an die Hochschule für bildende Kunst in Weimar. Bei der 1912 in Dresden stattfindenden Großen Kunstausstellung fühlt sich Egger-Lienz nicht hinreichend als „monumentaler“ Künstler gewürdigt und löst den sogenannten „Hodlerstreit“ aus, in dem er gegen Ferdinand Hodler, Max Klinger und Lovis Corinth Stellung bezieht. Darauf kündigt er 1913 seinen Vertrag mit der Hochschule und zieht nach St. Justina bei Bozen. Große Erfolge hat er bei der 1922 stattfindenden Biennale in Venedig und einer Personalausstellung im Wiener Künstlerhaus 1925. (BNO)

Maße: 61,5 x 89,5 cm
Technik: Öl auf Malkarton
Signatur: signiert Mitte unten: Egger Lienz
Ein Hirte, in einer anderen Fassung durch den neben sich liegenden Hirtenstab als solcher erkennbar, liegt, auf beide Hände gestützt, auf dem Boden und beugt sich über eine Quelle, um aus ihr zu trinken. Die diagonal gelagerte Figur bestimmt die Komposition des auf wenige Formen reduzierten Gemäldes und suggeriert durch ihre Lage und die Verkürzung eine gewisse räumliche Tiefe. Die linke Ferse des Hirten ragt ein wenig über den hohen Horizont hinaus und verbindet die Erde mit dem scharf abgesetzten Himmel. Die Farben, das Ockergelb des ausgetrockneten Bodens und das Blau des diesigen Himmels sowie die durch die Mittagssonne verursachten starken Schatten lassen auf einen heißen Sommertag schließen.
Über „Die Quelle“, von der es zahlreiche Fassungen und Wiederholungen gibt, schrieb Egger-Lienz in einem Brief am 31. Juli 1923 an Otto Kunz: „Dann ein Wasser trinkender Hirtenknabe. Da verwächst der Mensch total mit der Erde. Es könnte ein Schaf od. Rind sein, welches in heiser Sonnengluth zum Wasser strebt.“1) Der auf dem Boden liegende Hirte wird zum Symbol für die Einheit von Mensch und Erde und die Wasser spendende Quelle zum Sinnbild für das Leben.
Die Bildkomposition und die Formen sind so weit auf das Wesentliche reduziert und verdichtet, dass es zu dieser für Egger-Lienz typischen Monumentalität und Symbolhaftigkeit kommt. Dabei ging es ihm nicht primär um die Form. Hinter seinem Streben nach Unmittelbarkeit und elementarer Einfachheit steht das Anliegen, dem den Dingen immanenten Gedanken den größtmöglichen Ausdruck zu verleihen. Egger-Lienz notierte dazu: „…so muß eben wieder das größte Tun der Form den Impuls, das Wachstum verleihen, doch so, dass der Gedanke gänzlich Form geworden ist.“2) (BNO)

Maße: 67,8 x 97 cm
Technik: Öl auf Malkarton
Signatur: signiert rechts unten: Egger Lienz
Fünf Bäuerinnen und Bauern haben sich zum Mittagessen an einen Tisch gesetzt. Vornübergebeugt, die Arme auf den Tisch gestützt, essen sie schweigend aus einer offenbar gemeinsamen, für den Betrachter nicht sichtbaren Schüssel. Der Raum ist mit einem Tisch und Holzbänken karg ausgestattet. Durch das Fenster am linken oberen Bildrand, in dessen Nische sich einer der Männer niedergelassen hat, fällt mittägliches Licht in den Raum, das an vielen Stellen im Bild, in den Gesichtern, auf den faltenreichen weißen Hemden der Männer, auf der Schürze der Frau und auf dem Tischtuch reflektiert wird. Neben dem starken Licht-Schatten-Kontrast verleiht die kräftige, lebhafte Pinselschrift dem statisch und monumental wirkenden Bild Lebendigkeit. Die auf wenige Braun- und Weißtöne reduzierte Farbpalette setzt der Künstler mit großem Gefühl für Farbschattierungen und Lichtwirkung ein.
Bei der Beschreibung des Raumes und bei der Charakterisierung der Figuren geht Egger-Lienz kaum auf Details ein. Sein Anliegen ist nicht die spezifische Darstellung bestimmter Personen oder Orte, sondern die Schaffung eines Typus, des kräftigen, von der schweren Arbeit gebeugten Bauern. Die formale Vereinfachung erlaubt die völlige Konzentration auf das Wesentliche – das gemeinsame Versunkensein während des Essens. Durch diese Reduktion auf den elementaren Vorgang des Essens wird ein eigentlich alltägliches Geschehen zu etwas Bedeutendem, Großen, beinahe Religiösen erhoben.
Der mit seiner Tiroler Heimat zutiefst verbundene Egger-Lienz widmete sich sein Leben lang auch Themen aus dem Alltag der Bauern. Versuche, ihn als reinen Bauernmaler und Heimatkünstler abzutun, werden ihm jedoch nicht gerecht. Sein Werk – geprägt von seinem Streben nach Ursprünglichkeit und seinem Hang zu Pathos und Monumentalität – ist keiner der Stilrichtungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts eindeutig zuzuordnen.
„Das Mittagessen“ liegt laut Wilfried Kirschl3) in zwei Fassungen von 1908 und 1910 sowie in zahlreichen, nach der zweiten Fassung angefertigten Repliken vor. Das Gemälde aus der Sammlung der Oesterreichischen Nationalbank ist eine um 1920 gemalte Replik. (BNO)
1) Kirschl (1996, S. 404).
2) Sotriffer (1983, S. 73).
3) Kirschl (1996).