Greta Freist studiert an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Rudolf Bacher und Rudolf Jettmar. Später arbeitet sie gemeinsam mit Gottfried Goebel, ihrem Lebenspartner, und Heimito von Doderer in einem Atelier, das auch zu einem literarischen Treffpunkt wird. Die Künstlerin emigriert mit Goebel 1936 nach Paris, wo es zur ersten Ausstellung im Salon d’Automne kommt. Nach schwierigen Kriegsjahren wird 1950 in ihrem Atelier die französische Sektion des Internationalen Art Club gegründet. Die Künstlerin durchlebt viele Stilrichtungen, so den magisch gefärbten Realismus (La danseuse, 1938), den sie einerseits zum Surrealen (Die Taube, 1939), andererseits in Richtung Abstraktion abwandelt. Von etwa 1949 bis 1967 malt sie abstrakt, dann wendet sie sich – inspiriert von einer Spanienreise – wieder einer figurativen, phantastischen Malweise zu, nunmehr mit zeitkritischer Aussage – sie will die Entmenschlichung der Welt zum Ausdruck bringen. Von 1988 bis zu ihrem Tod widmet sie sich wieder der Abstraktion. Sie nimmt an zahlreichen Ausstellungen in Paris teil; 1959 findet in der Galerie Inge Ahlers in Mannheim eine Kollektivausstellung ihrer Werke statt. In Wien ist sie auf der Ausstellung Querschnitt 1956 in der Wiener Secession vertreten, 1961 widmet ihr das Kulturamt der Stadt Wien eine Ausstellung, 1976 die Galerie Peithner-Lichtenfels. Sie ist Mitglied der Künstlergruppe „Der Kreis“ und nimmt auch an deren Ausstellungen teil. (EOD)
Greta Freist
Weikersdorf in NÖ 1904–1993 Paris
La danseuse
1938

Maße: 99,2 x 72,2 cm
Technik: Öl auf Leinwand
Signatur: signiert und datiert rechts oben: Freist 38
Greta Freists Frühwerk steht vor allem unter dem Aspekt der Selbstthematisierung, zuerst noch mit Zweifel an ihrer Identität als Frau und Künstlerin, dann mit einer ruhigen, abgeklärten Form der Darstellung. „La danseuse“ ist das dritte von drei Selbstporträts, die innerhalb von zwei Jahren entstehen. Sie präsentiert sich als Tänzerin auf einer Bühne, in graziöser Tanzschritthaltung. Um die Hüften hat sie ein zartes, durchsichtiges Spitzentuch geschlungen. In der linken Hand hält sie zwischen zwei Fingerspitzen einen blauen Schleier. Es ist, als hätte sie gerade ihre Vorstellung beendet und setzte zur Verbeugung vor dem Publikum an, bevor der seitliche, schwere Bühnenvorhang fällt. Das Bild ist ganz im Sinne der Neuen Sachlichkeit komponiert, die Tänzerin scheint emotional unbeteiligt – allenfalls zeigt sie ein leises, fast ironisches Lächeln auf den Lippen – ja fast unerreichbar fern und zeitlos schön. Elias Canetti beschrieb Greta Freist als eine „tiefschwarze, aufreizend schöne Person, die so verführerisch wirkte wie eine frühe indische Yakschini…“. [1] Heimito von Doderer hielt über sie fest: „Ihr hübsches Gesicht enthielt zwei Tier-Augen, groß und dunkel; es führten zwei Tunnels gleichsam in dieses Antlitz hinein, zwei Tunnels, die innen glänzend ausgelegt erschienen …“. [2] Die Künstlerin geht mit diesem Akt an die Grenzen der Selbstdarstellung, einerseits präsentiert sie sich als ausdrucksstarke, erotische Frau, andererseits als potenzieller Warenkörper, unantastbar, aber dennoch Prisma der Wünsche und Begierden. Greta Freist hat dieses Bild nicht in ihrem Atelier in Paris gemalt, sondern im Atelier des befreundeten Malers Arnulf Neuwirth, als sich dieser auf Reisen befand. Folgende Episode ist dazu überliefert: Nackt vor einem Spiegel stehend malte Greta Freist an diesem Bild, als sie vom obigen Raum ein schnarchähnliches Geräusch hörte. Neuwirth war unbemerkt heimgekehrt und Greta Freist bat ihn – erschreckt – nicht nach unten zu blicken. Sie liebte dieses Bild außerordentlich und verkaufte es erst 1954. (EOD)
[1]Canetti (1985).
[2]Doderer (1951).
La famille d’un peintre
1938

Maße: 100 x 81 cm
Technik: Öl auf Leinwand
Signatur: signiert und datiert: Freist Grete 38
„… Gegen die Annahme, es wäre ein Wunschbild, spricht, daß Freist ärmliche Verhältnisse verabscheute. Und dann, beweiskräftiger noch, dies von ihr selbst Mitgeteilte: Frau und Junge haben Goebels Profil." (Gottfried Goebel, Künstler, Gefährte G. Freists). „Auch für Frau und Kind mußte er sitzen." Daraus ergibt sich eine über die bloße Deutung hinausgehende Bedeutung für sie, eine, die das Bild zum privaten Sinnbild insofern erheben mußte, als sie sich in der real eingeführten Beziehung selbst gesetzt, verobjektiviert und damit ihr beider Verhältnis determiniert hat.Verrät das Bild nun die Erwartung, Mutter sein zu wollen, Familie zu haben, stumme Dienerin zu sein? Oder markiert es die malerische Kompensation einer bestehenden Pression, sei’s einer allgemeinen Erwartung oder der Goebels im besonderen? Für die Annahme der letzten Version spricht, daß Freist durch die identische Profilwahl die im Familienverband unweigerlich passierende „Vermännlichung" als tatsächliche antizipiert hat. Sie zeigt die darin sich unabdingbar ereignende Aneignung der „Reproduktionsmittel" (=Familie) durch den pater familias! Freist hat diese Projektion gleichsam aus sich herausgemalt. Aus ihrer Lebensgeschichte sind – eine Familie betreffend – keine direkten Anhaltspunkte überliefert. Goebels Distinguiertheit und Noblesse hätte sich darüber jedwede Mitteilung verbeten; sie wiederum hielt sich an die altbekannte Devise: „Male, Maler, rede nicht!" … Die biographischen Momente sind für Greta Freist, wie für so viele Malerinnen, signifikant und verdeutlichen, daß sie die Beziehung mitreflektierte und zu verändern wußte, auf eine Art, als führte sie insgeheim über die Werke den Dialog mit allem-pars pro toto-mit Goebel. Die drei Muscheln etwa, die sie in ihrem Familienbild malt, überleben als Motiv in einigen von seinen wie ihren Stilleben."
S. Forsthuber, L. Plakolm im Ausstellungskatalog "Greta Freist" des Niederösterreichischen Landesmuseums, 1991, medium 13, Publikationsreihe der Blau-Gelben Galerie
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