

Als Kind kann Carl Moll auf Grund anämischer Krankheitsphasen einige Jahre die Schule nicht besuchen; es entstehen erste Zeichnungen und Aquarelle. Nach dem Tod seines Vaters beginnt er als 16-Jähriger mit Privatunterricht bei Carl Haunold. Nach dem Abschluss der Realschule 1879 studiert er an der Akademie der bildenden Künste bei Christian Griepenkerl. Ab 1881 wird Carl Moll Privatschüler Emil Jakob Schindlers, mit dem sich enger familiärer Kontakt entwickelt. 1890 debütiert Moll bei der 19. Jahresausstellung im Wiener Künstlerhaus, 1894 wird er Mitglied der Wiener Künstlergenossenschaft. Im Jahr 1895 heiratet er Anna, die Witwe des 1892 verstorbenen Schindler. 1897 gründet Moll gemeinsam mit Gustav Klimt, Joseph Maria Olbrich, Josef Hoffmann, Koloman Moser und anderen Künstlern die Wiener Secession, Rudolf von Alt wird Ehrenpräsident. Gustav Klimt als Präsident und Moll als Vizepräsident übernehmen die Leitung. In dieser Funktion organisiert Moll zahlreiche bedeutende Ausstellungen. 1903 tritt Carl Moll mit seinem graphischen Oeuvre an die Öffentlichkeit, vor allem mit seinen Holzschnitten. Er zählt gemeinsam mit Josef Hoffmann und Koloman Moser zu den Mitbegründern der Wiener Werkstätte. Von 1904 bis 1912 ist Moll künstlerischer Leiter der berühmten Wiener Galerie Miethke. 1931 erhält Moll die Goldene Staatsmedaille und wird Ehrenbürger der Stadt Wien. In der Nacht auf den 13. April 1945 begeht Moll gemeinsam mit seiner Tochter Maria und deren Mann Selbstmord. (GKE)

Maße: 34,2 x 35 cm
Technik: Öl auf Holz
Signatur: monogrammiert links unten CM
Während eines Sanatoriumsaufenthalts seiner Frau Anna im Sommer 1938 malte Moll in Waidhofen an der Ybbs „ein paar Studien, meiner Frau zur Erinnerung“1). Mit Spachtel und Pinsel gestaltete er diese Ansichten sehr spontan und großzügig, ja fast flüchtig. Trotz der heiteren Motive vermitteln die Farben eine gewisse Düsternis, man vermeint Molls Unruhe und Angst um Anna zu spüren. Ihr Tod im selben Jahr ist für ihn ein schwerer Verlust, von dem er sich nur langsam erholt und der sich auch in einer Verdunkelung seiner Palette niederschlägt.
Unser Motiv zeigt den Marktplatz mit dem Stadtturm, der ehemals Teil des ältesten Befestigungsgürtels war. 1534 war der Turm auf 50 Meter erhöht worden. Die Zeiger seines nördlichen Zifferblattes zeigen zum Andenken an die erfolgreiche Abwehr der Türken im Jahr 1532 immer auf dreiviertel zwölf.
Moll ist einer der wichtigsten Vertreter der Kunst der Wiener Jahrhundertwende und darüber hinaus. Bei der Motivwahl bevorzugte er Landschaften, Interieurs, Ansichten von Plätzen und Häusern, die er gern in quadratischem Format festhielt.
In sechs Jahrzehnten hat Moll ein sehr umfangreiches Oeuvre geschaffen. Aus der Tradition der österreichischen Landschaftsmalerei kommend knüpft er an den Stimmungsimpressionismus seines Lehrers Emil Jakob Schindler an und entwickelt ihn behutsam fort. Über Jugendstil und Secessionismus gelangt Moll schließlich zu fast expressiver Moderne. Er war ein interessierter, offener Künstler, dem Neuen aufgeschlossen, ohne die Tradition ganz zu verwerfen. Trotz ständiger Weiterentwicklung fügen sich die einzelnen Phasen seines Schaffens harmonisch aneinander. (GKE)

Maße: 33,7 x 35,6 cm
Technik: Öl auf Holz
Signatur: monogrammiert rechts unten: CM
Carl Moll verband eine tiefe Freundschaft mit seinem Lehrer Emil Jakob Schindler. Durch die spätere Ehe mit dessen Witwe Anna wurde er auch Stiefvater von Alma Mahler-Werfel und entwickelte zu deren Mann Gustav Mahler ein sehr herzliches Verhältnis. Immer wenn dieser im Hause Moll zu Gast war, wurde für ihn das Atelier des Malers als Gästezimmer adaptiert. Der Blick aus dem Fenster auf die Heiligenstädter Pfarrkirche ist ein Motiv, das Moll wiederholt dargestellt hat,2) wie allgemein Motive aus Heiligenstadt oft bei Moll zu finden sind. In seiner Kindheit hatte er die Sommermonate im damals noch unverbauten Heiligenstadt verbracht und, wie er später oft erzählte, gehörten diese Zeiten zu seinen schönsten Kindheitserinnerungen.
Ein mit „24.12.14’“ datierter Brief Molls, der unser Bild seit seiner Entstehungszeit begleitet hat, erleichtert nicht nur dessen zeitliche Zuordnung, sondern lässt auch die Datierung „1904“ der anderen bekannten Bilder mit demselben Motiv in neuem Licht erscheinen, wobei Gestaltung und Duktus allesamt weit besser in die Zeit um 1914 passen.
„Liebster Doctor.
In der Erbschaft, die ich nach unserem teueren Gustav (Mahler war 1911 verstorben, Anm. d. A.) angetreten, befindet sich auch Ihre Freundschaft, die zu bestätigen Sie keine Gelegenheit versäumen. Erlauben Sie mir ein Echo. Ich sende Ihnen hier nicht ein Bildchen, sondern ich malte Ihnen die Aussicht des Zimmers, in dem unser Gustav in den letzten Jahren wohnte, bevor er nach Amerika ging und nachdem er von dort zurückkehrte. Er liebte diesen Blick und freute sich immer der Glocken, die von da drüben läuteten. Als eine gemeinsame liebe Erinnerung sende ich Ihnen dies – vielleicht macht sie Ihnen Freude – ich glaube es geht uns doch beiden gleich – der Schmuck unseres jetzigen Lebens ist die Erinnerung. Herzlichst Ihr Carl Moll.“3) (GKE)

Maße: 60 x 60,5 cm
Technik: Öl auf Leinwand
Signatur: monogrammiert rechts unten: CM
Moll komponiert hier ein prachtvolles Blumenstück mit lila Dahlien, weißen Blumen, die gefüllten Margeriten ähneln, und Sonnenblumen. Zwei rosa und eine dunkelrote Blüte setzen ruhigere Akzente. Ein Bild voll Licht, es spiegelt sich im Glas der Vase, in der polierten marmornen Tischplatte, lässt die Blüten aufleuchten und scheint durch Blätter und Vorhang. Das an sich statische Motiv besticht durch beschwingte Lebendigkeit. Die rechts im Vordergrund nachlässig hingeworfenen Blumen vermitteln den Eindruck, die Vase sei eben erst arrangiert worden.
Es ist dies ein wunderbares Beispiel für Molls Spätwerk, dessen Beginn man mit 1918 ansetzen kann. Er entwickelt eine neue Bildsprache und eine wunderbare Farbigkeit. Der sichere Strich ist spontan, der jetzt breitere Duktus großzügig und kraftvoll. Der Farbauftrag ist pastos, oft gespachtelt und das Bildformat bleibt secessionistisch.
Molls Stärke lag sicher auch im Erfassen und Vermitteln von Atmosphäre und Stimmung. Seine herausragende Fähigkeit im Umgang mit dem Licht ließ Werke entstehen, die mit ihren hellen, leuchtenden, aber nie grellen Farben den Betrachter damals wie heute in ihren Bann ziehen. (GKE)
1) Moll (1943, S. 25).
2) Vgl. Dichand et al. (1985, Abb. 50 und Farbtafel 17).
3) Giese und Schweiger (1996).