Die Reform der OeNB setzte in systematischer und umfassender Form Ende der 80er Jahre ein. Wichtige Schritte in Richtung einer zukunftsorientierten Zentralbank wurden aber bereits in den 60er Jahren mit dem Rückzug aus dem Privatkundengeschäft und in den 70er Jahren mit der ersten größeren Internationalisierung – sie gingen Hand in Hand mit den Erfolgen der Entwicklung der „Hartwährungspolitik“ – sowie der Einführung von Elementen der strategischen Unternehmensführung gesetzt.
Die OeNB als moderne Zentralbank
Aufbau der internationalen Reputation (1967–1987)
Vom Amt zum Dienstleister (1988–1993)
Die Oesterreichische Nationalbank hat den Verlauf der globalen Trends frühzeitig erkannt und bereits im Jahr 1988 eine grundlegende und systematische Unternehmenserneuerung in die Wege geleitet. Unter dem Motto „Vom Amt zum Dienstleistungsunternehmen“ kam es zu einer Modernisierung und Entbürokratisierung aller Bereiche der Bank. Dementsprechend wurde das traditionelle Leitbild der Zentralbank – „Sicherheit, Stabilität und Vertrauen“ – um die Begriffe „Effizienz“ und „Kostenbewusstsein“ erweitert.
So wurde das betriebswirtschaftliche Instrumentarium ergänzt und weiterentwickelt. Darüber hinaus wurden durch eine Reihe gezielter Strukturanpassungen strategische Geschäftsfelder der Bank gestärkt. Hervorzuheben sind dabei insbesondere:
- die horizontale Diversifikation der Geldproduktion durch Gründung der Münze Österreich AG (durch Ankauf des Hauptmünzamtes);
- die Intensivierung der innerösterreichischen Zusammenarbeit im Bereich des Zahlungsverkehrs durch Initiierung der Gründung der Studiengesellschaft für Zusammenarbeit im Zahlungsverkehr (STUZZA);
- die Internationalisierung der Geschäftstätigkeit durch die Gründung der Repräsentanzen in Brüssel (EU), Paris (OECD) und am Finanzplatz New York;
- die Liberalisierung des Kapitalverkehrs;
- die Marktorientierung des geld- und währungspolitischen Instrumentariums;
- die verstärkte Unterstützung der Finanzmarktaufsicht durch den Ausbau der Banken- und Versicherungsstatistiken bzw. der Firmen- und Bankenanalyse;
- das professionelle Management der Währungsreserven;
- die Errichtung der Infrastruktur für eine verbesserte Banknotenherstellung und Banknotendistribution durch den Neubau des Geldzentrums.
Die Organisation der OeNB wurde an die neuen Anforderungen angepasst. Die Reform ermöglichte eine Reduktion des Personalstandes sowie eine Verringerung der Zahl der Führungspositionen in der obersten und der mittleren Leitungsebene.
In Vorbereitung auf Europa (1994–1998)
Dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jänner 1995 folgte für die OeNB die Teilnahme am Europäischen Währungssystem (EWS) und dessen Wechselkursmechanismus sowie die Einbindung in die Vorbereitungen der dritten Stufe zur Errichtung der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) im Rahmen des Europäischen Währungsinstituts und des Währungsausschusses. Da sich Österreichs Währungspolitik bereits seit Beginn der 70er Jahre erfolgreich an Stabilitätszielen bzw. an makroökonomischen Fundamentalfaktoren – diese entsprachen weitgehend den Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrages – orientiert hat, stellte die Einführung einer Wirtschafts- und Währungsunion für die heimische Geldpolitik nur den logischen nächsten Schritt in Richtung Weiterentwicklung der Stabilitätspolitik dar. Der Anpassungsbedarf der OeNB bestand daher in dieser Phase primär im organisatorischen, technischen und legistischen Bereich.
Die OeNB hat sich bereits seit dem Abschluss des Maastrichter Vertrages intensiv mit ihren zukünftigen Rollen im Europäischen Währungsinstitut und im Europäischen System der Zentralbanken auseinander gesetzt. Durch enge Kontakte mit den europäischen Gremien und durch umfangreiche Vorarbeiten war es gelungen, dass die OeNB ohne Startschwierigkeiten als vollwertiges Mitglied in der Gemeinschaft der europäischen Zentralbanken akzeptiert wurde. Auf Grund der hohen Glaubwürdigkeit der Wirtschafts- und Währungspolitik Österreichs fand die OeNB zudem bei der Gestaltung der monetären Zukunft Europas Gehör. In diesem Zusammenhang hat die OeNB folgende Zielsetzungen verfolgt:
- forcierte Harmonisierung des geldpolitischen Instrumentariums im Hinblick auf das ESZB/Eurosystem;
- verstärkte Harmonisierung des statistischen Rahmenwerks;
- Vorbereitung der Ausgabe europäischer Banknoten;
- Straffung der betrieblichen Organisationsabläufe und Vernetzung der Geschäftsprozesse mit dem ESZB/Eurosystem.
Eine Vielzahl von Aktivitäten, die diese Marschroute unterstützen, wurden gesetzt, so zum Beispiel:
- Errichtung einer ökonomischen Studienabteilung;
- Aus- und Weiterbildungsoffensive betreffend die EU;
- weitere horizontale Diversifikation in der Geldproduktion durch Kauf der Austria Card;
- Stärkung der Zahlungsverkehrsposition durch Beteiligung an der Austrian Payment System Services (APSS), Errichtung eines RTGS-(Real Time Gross Settlement-)Systems (ARTIS) und Mitwirkung am Aufbau des TARGET-Systems;
- Ausgliederung der Druckerei für Wertpapiere in die neu gegründete Tochtergesellschaft Oesterreichische Banknoten- und Sicherheitsdruck GmbH (OeBS).
Zur Sicherstellung einer adäquaten Vernetzung der Aktivitäten für den Übergang zum Euro wurde 1996 ein „OeNB-Masterplan“ erstellt. Durch diesen wurden ca. 70 für den Übergang relevante Projekte, Studienarbeiten, EWI-Arbeitsgruppen sowie Schnittstellenaktivitäten koordiniert.
Mit Wirkung vom 1. Mai 1998 hat die OeNB auf Grund der Harmonisierung der Pensionsregelungen in Österreich ein neues Pensionssystem installiert. Für neu eintretende Mitarbeiter wurde ein Zwei-Säulen-Modell (ASVG-Pension und betriebliche Pensionskasse) eingeführt.
Integraler Bestandteil des ESZB/Eurosystems (1999–2002)
Mit der Teilnahme Österreichs an der dritten Stufe der WWU ist die OeNB zu einem integralen Bestandteil des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) geworden und zusammen mit den anderen nationalen Zentralbanken Eigentümer der Europäischen Zentralbank (EZB). Durch die Aufgabe der formalen Souveränität im Bereich der Geld- und Währungspolitik durch die am Euro teilnehmenden Staaten und die Schaffung der EZB ist die Rolle der nationalen Zentralbanken im Sinne einer Mitwirkung an der geldpolitischen Entscheidungsfindung auf Gemeinschaftsebene neu definiert worden. Die OeNB betreffend sind mit der Einführung des Euro die geldpolitischen Kompetenzen des Generalrates auf den EZB-Rat übergegangen. Die Gouverneure der nationalen Zentralbanken des Eurosystems entscheiden nunmehr im EZB-Rat zusammen mit den Mitgliedern des EZB-Direktoriums über die Geldpolitik im Eurogebiet. Die Umsetzung der entsprechenden Maßnahmen erfolgt in den Teilnehmerländern des Eurogebietes weiterhin dezentral durch die nationalen Zentralbanken. Der reibungslose Start der Geschäftstätigkeit der OeNB am 4. Jänner 1999 wurde, so wie von allen anderen nationalen Zentralbanken des Eurosystems, erfolgreich bewältigt. Eine neue Herausforderung für die OeNB ergab sich durch die neu entstandene „duale Rolle“ (Interessen des Systems zu wahren sowie auch nationale Erfordernisse zu berücksichtigen). Die OeNB soll sowohl in Österreich als auch im Rahmen des ESZB/Eurosystems ein kompetenter geld- und währungspolitischer Gesprächspartner sein.
Die wesentlichsten Aktivitäten der OeNB betrafen und betreffen:
- Qualitätsoffensive bei der Aufgabenerfüllung unter Berücksichtigung der neu gewonnenen internationalen Erfahrungen (inkl. Benchmarking und „Best Practice“);
- weitere Professionalisierung im Asset-Management;
- Konzentration der Bargeldbearbeitung in der Geldservice Austria Logistik für Wertgestionierung und Transportkoordination GmbH (GSA);
- Weiterentwicklung der Personalmanagement- und -verwaltungssysteme;
- Vorbereitung der reibungslosen Einführung des Euro-Bargeldes im Jahr 2002;
- Erweiterung des Netzwerks der Repräsentanzen durch die Eröffnung einer Repräsentanz am Finanzplatz London;
- Beteiligung der OeNB an der Gründung des Vereins „A-SIT“ (Zentrum für sichere Informationstechnologie – Austria) und der „A-Trust“ (Gesellschaft für Sicherheitssysteme im elektronischen Datenverkehr GmbH) zwecks Förderung der Sicherheit in der Informationstechnologie.
Zukunft im ESZB/Eurosystem (2002 und danach)
Eine große Aktivität im Rahmen des Eurosystems im Zuge der Umstellung von nationalen Währungen auf Euro betrifft den Bargeldtausch, bei dem eine reibungslose Ausgabe von Euro-Banknoten und -Münzen sowie die Einziehung und gesicherte Vernichtung des Schilling-Bargeldes gewährleistet sein muss. Diese Aufgabe stellt für die OeNB eine große Herausforderung dar, wobei sich der Bogen der Aktivitäten von „Planung des Bargeldbedarfs“ über „Bewältigung der Logistik in Bezug auf Lagerung und Transport“ bis hin zu „breiter öffentlicher Information“ spannt.
Nach Abschluss der „Aufbauphase“ des Eurosystems ist eine klare strategische Positionierung (Identität, Zielsetzungen, Grundsätze etc.) unabdingbar. Diese Positionierung betrifft das gesamte System der Zentralbanken sowie auch die Position der OeNB als Bestandteil des Systems. An dieser wird sowohl auf europäischer als auch auf österreichischer Ebene mit Hochdruck gearbeitet.
Einer der Eckpfeiler der strategischen Positionierung der OeNB betrifft den Erhalt ihrer hohen Reputation in geld- und währungspolitischen Belangen – und zwar sowohl im Rahmen des ESZB als auch in Österreich. Ein weiterer Eckpfeiler sind jene Geschäftsfelder, in denen komparative Vorteile der OeNB gegenüber Mitbewerbern bestehen (dies trifft insbesondere auf die Kompetenz in Hinblick auf die Analyse mittel- und osteuropäischer Staaten sowie das mit diesen Staaten eingerichtete Netzwerk an Kontakten zu). Eine solche führende Position gilt es aufrechtzuerhalten bzw. zu stärken, vor allem aber Vorteile daraus zu ziehen.
Die Herausforderung für die interne Organisation der OeNB besteht primär darin, in einer Zentralbank-Kultur, die auf Verlässlichkeit, Vertrauen und Stabilität ausgerichtet ist, ein hohes Ausmaß an Flexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit sicherzustellen, um dem schnellen Wandel im Umfeld der OeNB (Stichwort: „electronic money“) entsprechen zu können.
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