Unkonventionelle Maßnahmen

Die Umsetzung der Geldpolitik in der Krise

Die globale Finanzkrise, die im August 2007 begann, erforderte weitreichende wirtschaftspolitische Antworten, auch im Bereich der Geldpolitik. Das Eurosystem ergriff eine Reihe von geldpolitischen Sondermaßnahmen, um die wirksame Übertragung der geldpolitischen Entscheidungen auf das Finanzsystem, die Wirtschaft und die Preisentwicklung zu unterstützen.

Diese Maßnahmen werden als Sondermaßnahmen (oder unkonventionelle Maßnahmen) bezeichnet, weil sie von der bis ins Jahr 2007 üblichen Praxis abweichen und zeitlich befristet sind. Sie wurden notwendig, da die Zinsbeschlüsse des EZB-Rats nicht mehr in gewohnter Weise an die Gesamtwirtschaft weitergegeben wurden. Alle seit dem Jahr 2007 ergriffenen Maßnahmen bewegen sich innerhalb des gesetzlichen Handlungsrahmens, der bereits vor dem Jahr 2007 gültig war.

Auch ohne unkonventionelle Maßnahmen bietet das geldpolitische Instrumentarium des Eurosystems eine Reihe von Mechanismen, die eventuell auftretenden Spannungen im Finanzsektor entgegenwirken. Zum Beispiel:

  • Eine breite Definition der notenbankfähigen Sicherheiten erleichtert Banken die Refinanzierung beim Eurosystem.
  • Die Zulassung einer großen Zahl von Geschäftspartnern gibt vielen Banken direkten Zugang zur Zentralbank, falls der Interbankenmarkt nicht wie gewohnt funktioniert.
  • Die Spitzenrefinanzierungsfazilität erlaubt kurzfristigen Zugang zu Zentralbankliquidität gegen notenbankfähige Sicherheiten auch außerhalb des Interbankenmarkts.

Geldpolitische Sondermaßnahmen seit dem Jahr 2007

Die seit dem Jahr 2007 ergriffenen Maßnahmen haben die stabilisierende Funktion der vor 2007 eingesetzten geldpolitischen Instrumente verstärkt bzw. auf Finanzmärkte abseits des Geldmarktes ausgedehnt. Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen:

  • Längere Laufzeiten bei liquiditätszuführenden Geschäften:
    Laufzeiten von bis zu vier Jahren erleichtern die Refinanzierung der Banken und erlauben längerfristige Planung und Kreditvergabe.
  • Änderung im Zuteilungsmodus:
    Seit Oktober 2008 werden Refinanzierungsgeschäfte mit Fixzinssatz und voller Zuteilung durchgeführt. Dies gibt den Geschäftspartnern die Möglichkeit, sich gegen ausreichende Sicherheiten unbegrenzt refinanzieren zu können. Aus heutiger Sicht wird dieser Zuteilungsmodus bis zum Ende der letzten Mindestreserve-Erfüllungsperiode des Jahres 2017 beibehalten.
  • Sicherheitenerfordernisse:
    Während der Finanzkrise wurde das Verzeichnis der für die Refinanzierungsgeschäfte des Eurosystems zugelassenen Sicherheiten erweitert. Die Banken können dadurch ein breiteres Spektrum und einen größeren Teil ihrer Aktiva zur Aufnahme von Zentralbankliquidität nutzen.
  • Währungsswaps:
    In Kooperation mit der US-amerikanischen und der schweizerischen Zentralbank konnten Euroraum-Banken US-Dollar und Schweizer Franken erhalten. Damit wurden Banken unterstützt, die sonst während der Finanzkrise ein erhebliches Defizit an Refinanzierung in Fremdwährung verzeichnet hätten. Zurzeit steht nur noch die US-Dollar-Fazilität zur Verfügung.
  • Ankauf von Staatsanleihen, um deren Risikoprämien zu reduzieren:
    Das Programm für die Wertpapiermärkte (SMP) wurde im Mai 2010 als Reaktion auf Spannungen in einigen Finanzmarktsegmenten, insbesondere an den Märkten für Staatsanleihen des Euro-Währungsgebiets, eingeführt. Im Herbst 2012 wurde es von den sogenannten geldpolitischen Outright-Geschäften (OMT) abgelöst, mit denen gezielt Märkte für Staatsanleihen von Ländern unterstützt werden können, die bestimmten Programmen des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) unterliegen.
  • Ankauf von Wertpapieren:
    Drei Programme zum Ankauf gedeckter Schuldverschreibungen (Covered Bonds Purchase Programme, CBPP 1-3) sowie jenes zum Ankauf verbriefter Kreditforderungen (Asset-Backed Securities Purchase Programme, ABSPP) haben das Ziel, diese für die Banken in Europa wichtigen Refinanzierungsmärkte wiederzubeleben bzw. zu unterstützen. Im Rahmen des ABSPP kauft das Eurosystem derzeit ein breites Portfolio an einfachen und transparenten verbrieften Forderungspapieren (ABS), die aus Kreditforderungen gegenüber dem nicht-finanziellen privaten Sektor im Euroraum bestehen. Im Rahmen des CBPP3 wird gegenwärtig ein breites Portfolio an in Euro denominierten gedeckten Schuldverschreibungen gekauft, die von im Euroraum ansässigen Banken begeben wurden. Beide Programme haben die Belebung der Kreditvergabe der Banken an den Privatsektor im Euroraum zum Ziel.

    Anfang des Jahres 2015 wurden diese beiden Programme um das Programm zum Ankauf öffentlicher Wertpapiere (Public Sector Purchase Programme, PSPP) erweitert, um dem Abwärtstrend in den Inflationserwartungen entgegenzuwirken. Das monatliche Volumen, das zwischen März 2015 und März 2016 im Rahmen aller drei Programme (CBPP3, ABSPP und PSPP) gekauft wurde, betrug 60 Mrd EUR. Seit April 2016 wurde das Ankaufvolumen auf 80 Mrd EUR pro Monat erhöht. Die Ankäufe – Quantitative Easing (QE) genannt – sollen mindestens bis März 2017 und in jedem Fall so lange erfolgen, bis eine nachhaltige Korrektur der Inflationsentwicklung in Richtung 2 % eintritt.

    Seit Juni 2016 wurde ein weiteres Teilprogramm, nämlich das Programm zum Ankauf von Wertpapieren des Unternehmenssektors (Corporate Sector Purchase Programme – CSPP) hinzugefügt. In dessen Rahmen werden Anleihen von privaten Unternehmen gekauft, um damit direkt Einfluss auf deren Refinanzierungsbedingungen zu nehmen.
  • Forward Guidance:
    Seit seiner Pressekonferenz im Juli 2013 gibt der EZB-Rat Hinweise über den zukünftigen Verlauf der Geldpolitik. Derzeit hält er fest, dass die Leitzinsen für längere Zeit und weit über den Zeithorizont des Nettoerwerbs von Vermögenswerten hinaus (März 2017) auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bleiben werden.