„Die OeNB hört zu“ – Nationalbank im Dialog

Veranstaltung im Rahmen der „Listening-Events“ der Zentralbanken des Eurosystems zur Überprüfung der geldpolitischen Strategie

Unter dem Motto „Die OeNB hört zu“ veranstaltete die Oesterreichische Nationalbank am 30. Oktober 2020 eine Diskussionsrunde über die Neuausrichtung der geldpolitischen Strategie des Eurosystems. Dabei trat das OeNB-Direktorium, vertreten durch Gouverneur Robert Holzmann und Vize-Gouverneur Gottfried Haber, in Dialog mit Vertreterinnen und Vertretern der Sozialpartner, der zwei großen Wirtschaftsforschungsinstitute und mit Interessenverbänden der Bereiche Familie, Jugend, Alter, Finanz- und Arbeitswelt, Bildung sowie Umwelt. Diese Organisationen repräsentieren einen wesentlichen Teil der Bevölkerung und des Wirtschaftslebens Österreichs.

Darüber hinaus hatte auch die Bevölkerung via Livestream die Möglichkeit, der Diskussion zu folgen und Fragen zu stellen. Stefan Hartl von der Wirtschaftsredaktion des ORF moderierte die Veranstaltung. Ergänzt wurde die Veranstaltung durch Einspielungen von Grußbotschaften von François Villeroy de Galhau, Gouverneur der Banque de France, Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank, und Frank Elderson, designiertes Mitglied des EZB-Direktoriums.

In seinen Eingangsworten setzte Gouverneur Holzmann die Diskussionsveranstaltung in den Kontext ähnlicher Events, die in den anderen nationalen Zentralbanken des Eurosystems während der nächsten Wochen und Monaten abgehalten werden. Die Ergebnisse dieses Dialogs werden in die derzeit laufende Überprüfung der geldpolitischen Strategie des Eurosystems einfließen, die bis Herbst 2021 abgeschlossen sein soll.

Dass die Zentralbanken des Eurosystems über vielfältige Kanäle mit der Bevölkerung in Kontakt treten, ist auch für die OeNB in der Form der Kommunikation doch ein Novum. Sowohl der Gouverneur als auch der Vize-Gouverneur der OeNB betonen aber einhellig, dass darin der Beginn eines dauerhaften Dialogs zu sehen ist. Denn gerade für eine Notenbank sei es wichtig zu erfahren, welche Themen die Menschen bewegen, welche Erwartungen und Hoffnungen, aber auch welche Sorgen sie haben, wie sie die Geldpolitik erleben und wie sich die Geldpolitik ihrer Meinung nach künftig entwickeln soll.

Die Diskussionsteilnehmenden begrüßten diese neue Form des Dialogs. Gerade in Krisenzeiten spielen Transparenz und verständliche Kommunikation auf zielgruppengerechten Kanälen eine zentrale Rolle. Transparenz schafft Vertrauen und trägt so letztlich zur Stabilität bei, für die – gerade in den Bereichen Kaufkraft und Finanzmärkten – die Nationalbank ihrem gesetzlichen Auftrag gemäß zu sorgen hat. Dabei kommt den nationalen Zentralbanken auch eine vermittelnde Rolle zu, nämlich die Komplexität der Thematik zu reduzieren und die Maßnahmen des Eurosystems zu erklären.

Eine erste Fragerunde befasste sich mit dem Thema Inflation und der Fragestellung, welche sekundären Ziele (Beschäftigung, Wachstum, Vermögensverteilung, Klimawandel) neben dem primären Ziel der Preisstabilität eine Rolle spielen sollen und wie diese mit der Preisstabilität interagieren. Die Diskussionsteilnehmenden sprachen auch Fragen der Inflationsmessung an, wobei laut Gouverneur Holzmann insbesondere die Erfassung von Vermögenspreisen aufgrund von deren Volatilität Probleme mit sich bringe.

Der zweite Diskussionsblock widmete sich dem konjunkturellen Ausblick angesichts der durch die aktuelle COVID-19-Pandemie verursachten größten Wirtschaftskrise der Zweiten Republik. In der Diskussion wurden neben der Schwierigkeit akkurater Prognosen auch die Herausforderungen für den Arbeitsmarkt – weit über 2020 hinaus – und die Notwendigkeit der Verlängerung von Maßnahmen wie Stundungen von Steuern, Gebühren und Kreditraten, Fixkostenzuschüssen, Kurzarbeit und Aussetzung von Insolvenzanträgen betont. Gerade bei Klein- und Mittelbetrieben (KMUs), die in der Vergangenheit oft wenig Rücklagen aufbauen konnten und daher oftmals über eine geringe Eigenkapitalausstattung verfügen, gehe es nun darum, nicht nur kurzfristig finanziell zu überleben, sondern auch das Investitionsvermögen nach dem Ende der unmittelbaren Krise bewahren zu können.

Gouverneur Holzmann sprach in seiner Antwortrunde verschiedene Wege aus der Krise an und betonte europäische Initiativen wie das soeben angelaufene, temporäre SURE-(Support to mitigate Unemployment Risks in an Emergency)-Programm, das helfen werde, Arbeitsmarktprogramme wie die Kurzarbeit zu finanzieren.

Vize-Gouverneur Haber ging auf Fragen der Unternehmensfinanzierung ein und leitete damit zur dritten Fragerunde über, die sich mit dem Bankensektor befasste. Österreichs Banken sind mit einer soliden Kapitalausstattung in diese Pandemie gegangen und haben bereits begonnen, ihre Risikovorsorgen zu erhöhen, um für die zu erwartende Verschlechterung der Kreditqualität gewappnet zu sein. Der Banken- und Finanzmarkt ist in der aktuellen Pandemie nicht Teil des Problems, sondern ein wichtiger Teil zur Bewältigung der Herausforderungen.

Die Diskussionsteilnehmenden hoben die Notwendigkeit der Stärkung des Eigenkapitals österreichischer Unternehmen, insbesondere der KMUs, hervor. Zudem wurde ein Appell an die Aufseher gerichtet, die Umsetzung der noch offenen Punkte, die zur Vollendung von Basel III führen, angesichts der derzeitigen schwierigen Situation zu verschieben. Mehrere Diskussionsteilnehmende sprachen sich für die Stärkung der Finanzbildung aus, wobei diese über Fragen des täglichen Umgangs mit Geld hinausgehen und z. B. auch die Unternehmensfinanzierung umfassen sollten.

Gouverneur Holzmann und Vize-Gouverneur Haber sahen die OeNB in Bezug auf das Thema Finanzbildung auf dem richtigen Weg – Finanzbildung sei zentral für die Sicherstellung effizienter Finanzmärkte. Vize-Gouverneur Haber plädierte aus der Perspektive der Finanzmarktstabilität bzw. Bankenaufsicht, dass alle Risiken, auch jene Risiken aus nachhaltigen Investments, adäquat abzubilden sind. Er unterstützte in diesem Zusammenhang das Anliegen, die Umsetzung der noch offenen Punkte, die das Basel-III-Reformpaket vollenden würden, abzuwarten, bis mehr Klarheit über die Auswirkungen der aktuellen Pandemie bestehe.

Die vierte Diskussionsrunde widmete sich dem Thema Klimawandel und seinen Auswirkungen auf die Bevölkerung und den Finanzmarkt. Die Diskussionsteilnehmenden stellten als zentrale Themen die Neudefinition des Wohlstands und des Wertesystems der Jugend dar. Es sollte die Kommunikation und Transparenz der Auswirkungen für die Bevölkerung, die mit der Einhaltung der Klimaziele des Pariser Abkommens verbunden seien, noch verbessert werden. Die OeNB soll dabei eine zentrale Rolle einnehmen – einerseits als vorbildliche Arbeitgeberin und andererseits in der Schaffung fundierter Wissensgrundlagen in Bezug auf die Auswirkungen des Klimawandels. Bezüglich grüner Investitionen könnten Zentralbanken ebenfalls eine bedeutende Rolle spielen.

Gouverneur Holzmann unterstützte die Forderung nach einer umweltfreundlichen Ausrichtung des Unternehmens OeNB und unterstrich die Bedeutung der Diskussion zu „grünen Investitionen“ durch das Eurosystem. Die Probleme, die durch den Klimawandel hervorgerufen werden, zählen aus seiner Sicht zu den größten Problemen seit Beginn der Industrialisierung, neben anderen großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie der Alterung der Bevölkerung in entwickelten Ländern oder der weiterhin bestehende Armut in vielen Teilen der Welt. Die Behebung der bestehenden Informationsasymmetrien sowie die Einführung einer Kohlendioxidsteuer stellten diesbezüglich Lösungsmöglichkeiten dar. Vize-Gouverneur Haber hob hervor, wie wichtig es sei, die Risiken korrekt zu bepreisen.

Abschließend betonten Gouverneur und Vize-Gouverneur nochmals die Bedeutung der Diskussionsbeiträge für ein besseres Verständnis eines umfassenden geld- und wirtschaftspolitischen Gesamtbilds und versicherten, dass die Meinungen und Anregungen, die im Rahmen der Veranstaltung vorgebracht wurden, in die laufende Überprüfung der geldpolitischen Strategie einfließen werden. Die Veranstaltung sei als Beginn einer neuen Dialog- und Diskussionskultur der OeNB mit der österreichischen Bevölkerung zu verstehen.

 

„Die OeNB hört zu“

Corona-bedingt war es leider nicht möglich, eine Veranstaltung durchzuführen, die eine große Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht hätte. Daher wurde die Veranstaltung via Livestream übertragen. Das Video der Veranstaltung können Sie auf unserem YouTube-Kanal nachschauen.