Echtzeitschätzungen der Wirtschaftsentwicklung in Österreich

Gerhard Fenz, Helmut Stix

Die COVID-19-Pandemie hat zu einem abrupten und tiefen Einbruch der Wirtschaftsleistung in Österreich geführt. In dieser außergewöhnlichen Situation ist eine zeitnahe Schätzung der Stärke des konjunkturellen Einbruchs und des weiteren Verlaufs ausgesprochen wichtig. Wirtschaftspolitische Elementarfragen – wie stark ist der Einbruch, welche Bereiche sind besonders betroffen, welche Maßnahmen sollten gesetzt werden – konnten mit traditionellen Konjunkturindikatoren nicht beantwortet werden, weil diese oft erst nach Monaten verfügbar sind. Wir haben daher einen Indikator entwickelt, der die wirtschaftliche Aktivität erstens nahezu in Echtzeit abbildet und zweitens auch Aufschluss über die Entwicklung in verschiedenen wirtschaftlichen Bereichen zulässt.

Wie kam es zum BIP-Indikator und wie wird er berechnet?

Unmittelbar nach dem Lockdown haben wir begonnen, die Entwicklung des privaten Konsums zu beobachten. Wir verwenden dafür Daten zu Zahlungskartenumsätzen sowie Information zu Bargeldlieferungen und -abhebungen – die Einbeziehung von Bargeld ist wichtig, weil es zu Verschiebungen zwischen unbaren Zahlungsmitteln und Bargeld kam. Dann sind wir dazu übergegangen, die Schätzungen auf andere Nachfragekomponenten auszudehnen. Die Wirtschaftsleistung (die Höhe des Bruttoinlandsprodukts – BIP) wird üblicherweise über die Produktionsseite geschätzt – die Wertschöpfung im Produktionsprozess. Das BIP kann aber auch über die Nachfrageseite bestimmt werden – als die Summe aus privatem Konsum, Investitionen, staatlichen Ausgaben sowie der Exporte und Importe. Da die Konsumentwicklung hinreichend gut durch Echtzeitindikatoren abgebildet werden konnte, womit rund die Hälfte des BIP abgedeckt ist, mussten noch die anderen nachfrageseitigen Komponenten durch Echtzeitdaten geschätzt werden.

Konkret verwenden wir dazu Indikatoren aus verschiedenen Bereichen: LKW-Fahrleistungsdaten (Quelle: ASFINAG) werden zur Schätzung der Exporte verwendet. Dieser Indikator wurde vor Jahren von OeNB-Kollegen entwickelt und wird seitdem laufend verwendet. Gesondert geschätzt werden die Tourismusexporte mit Hilfe der Zahlungskartenumsätze von Ausländern im Inland. Die Entwicklung der Bauinvestitionen wird mittels der täglichen Zahlen zu den gemeldeten Arbeitslosen im Bausektor geschätzt. Die anderen Investitionen (Nicht-Bauinvestitionen) folgen mangels geeigneter tagesaktueller Indikatoren annahmegemäß dem gewichteten Durchschnitt der anderen Nachfragekomponenten. Für den öffentlichen Konsum und die Lagerveränderungen wird eine stabile Entwicklung unterstellt. Alle angeführten Nachfragekomponenten werden um ihre Importanteile mittels Input-Output-Tabellen bereinigt, sodass die Summe der angeführten Nachfragekomponenten dem gesamten BIP entspricht. Die derart berechneten Werte werden dann mit denen des Vorjahres verglichen.

Es ist wichtig zu betonen, dass diese Vorgangsweise ohne die große Kooperationsbereitschaft vieler Unternehmen, die uns mit Daten beliefern nicht möglich wäre. Wir möchten uns an dieser Stelle daher herzlich bei diesen Unternehmen sowie bei unseren jeweiligen Ansprechpersonen für die große Kooperationsbereitschaft bedanken. Ebenso bedanken wir uns bei einigen Kollegen/innen, die uns OeNB-intern Daten bzw. ihr Know-how zur Verfügung gestellt haben.

Wird der wöchentliche BIP-Indikator ab nun laufend berechnet?

So informativ die Beobachtung von Echtzeitdaten auch ist, muss dennoch auf die hohe Schätzunsicherheit hingewiesen werden. Daraus folgt, dass der BIP-Indikator nur als grobe Schätzung des Trendverlaufs der wirtschaftlichen Aktivität gesehen werden sollte – keinesfalls können dadurch traditionelle makroökonomische Prognosen ersetzen werden. Diese basieren auf sehr umfassenden und bewährten Modellen der Wirtschaft. Der BIP-Indikator ist experimentell und er wird laufend evaluiert und verbessert. Sowohl dadurch als auch durch die Einbeziehung zusätzlicher Informationen können sich auch rückwirkend Änderungen der Schätzergebnisse ergeben.

Der BIP-Indikator wird in dieser außergewöhnlichen Situation noch bis auf Weiteres laufend aktualisiert und auf der OeNB-Website publiziert. Eine Fortführung der Berechnung darüber hinaus wäre aus den genannten Gründen jedoch nicht zielführend.

Erfahrungen mit dem BIP-Indikator?

Wir freuen uns, dass der BIP-Indikator auf großes Interesse stößt und von Nutzen ist.

Ebenso freuen wir uns, dass bereits erste statistische Zahlen zu Teilkomponenten des BIP wie Nächtigungszahlen und Produktionsindizes unsere Ergebnisse im Großen und Ganzen bestätigen – wie erwähnt ist das Unterfangen experimentell. Seit kurzem liegt auch die erste Schellschätzung des BIP für das zweite Quartal 2020 vor. Der Rückgang von 13,3 % (gegenüber dem Vorjahr; real, saison- und arbeitstägig bereinigt) wurde im Rahmen des wöchentlichen OeNB-BIP-Indikators ziemlich präzise geschätzt (–14,5 %). Wenn man eine wöchentliche Schätzung erstellt und veröffentlicht, bleibt immer die Frage, wie gut die Schätzung ist. Wenn dann Wochen später diese Schätzungen bestätigt werden, ist das zunächst einmal beruhigend. Wie gut der Indikator insgesamt in der Lage ist/war, die wirtschaftliche Aktivität abzubilden, wird man abschließend jedoch erst in ein paar Monaten wissen, wenn endgültige statistische Zahlen vorliegen. Jedenfalls werden auftretenden Abweichungen laufend evaluiert und Potenziale für Verbesserungen erarbeitet.

Dies ist auch deshalb wichtig, weil wir davon überzeugt sind, dass Echtzeitindikatoren wie auch „big data“ in Zukunft deutlich wichtiger werden. International wurden nun etliche Echtzeitindikatoren veröffentlicht – eine Entwicklung, die es vor 10 Jahren noch nicht gegeben hat. So ist ziemlich sicher davon auszugehen, dass derartige Indikatoren auch in zukünftigen Krisen verwendet werden – wiewohl wir natürlich hoffen, dass dies nicht so bald der Fall sein wird. Ebenso ist davon auszugehen, dass für die Messung der Wirkung wirtschaftspolitischer Maßnahmen zunehmend auf Echtzeitindikatoren zurückgegriffen werden wird.