Martin Kocher: Höhere Energiepreise und Renditen: Was bedeutet das für die Geldpolitik?

30 October 2026

Martin Kocher

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Gouverneur Martin Kocher

In den vergangenen Wochen sind die Preise für Öl und Gas weiter angestiegen. Gleichzeitig haben sich die Renditen langfristiger Staatsanleihen erhöht. Beide Entwicklungen beeinflussen Inflation und Konjunktur – allerdings mit unterschiedlichen Auswirkungen. Für die geldpolitische Entscheidung in der Oktobersitzung des EZB-Rats kam es darauf an, die damit verbundenen Effekte und Risiken für die Preisstabilität sorgfältig abzuwägen.

Die im September von der EZB veröffentlichten gesamtwirtschaftlichen Prognosen gingen auf Basis von Markterwartungen davon aus, dass die Energiepreise allmählich zurückgehen würden. Der Konflikt im Nahen und Mittleren Osten dauert jedoch weiter an, und Öl und Gas haben sich deutlich verteuert und liegen inzwischen über den Annahmen des Basisszenarios der letzten Prognose von September. Teilweise übersteigen sie sogar die Preisannahmen des im September veröffentlichten adversen Szenarios. Das bedeutet nicht, dass dieses Szenario insgesamt nun am wahrscheinlichsten ist. Es zeigt aber, dass die Inflationsrisiken zugenommen haben. Entscheidend bleibt, wie lange die Energiepreise auf diesem hohen Niveau bleiben und wie stark sich das auf die Preisentwicklung bei anderen Gütern und Dienstleistungen auswirkt.

Für eine Verfestigung des Inflationsdrucks durch Zweitrundeneffekte gibt es bislang keine eindeutige Evidenz. Je länger der Konflikt jedoch andauert und die Energiepreise hoch bleiben, desto größer wird das Risiko, dass Unternehmen ihre gestiegenen Kosten weitergeben und Beschäftigte einen Ausgleich durch höhere Löhne anstreben. Die Geldpolitik kann den ursprünglichen Anstieg der Energiepreise nicht rückgängig machen. Sie muss und wird aber verhindern, dass sich der Energiepreisschock in den Preisen verfestigt.

Die Inflationserwartungen geben wichtige Hinweise darauf, wie groß dieses Risiko ist. Die jüngste EZB-Umfrage zeigt, dass die kurzfristigen Inflationserwartungen der Konsumentinnen und Konsumenten gestiegen sind, während die längerfristigen weitgehend unverändert geblieben sind. Auch Finanzmarktindikatoren zeigen ein ähnliches Bild. Die weitgehend stabilen längerfristigen Erwartungen sind ein positives Signal, aber kein Grund zur Entwarnung. Aufgabe der Geldpolitik ist es, dafür zu sorgen, dass die Inflationserwartungen in der mittleren Frist mit unserem Inflationsziel von 2 % in Einklang bleiben. Verfestigen sich höhere Erwartungen, können daraus höhere Lohnforderungen und weitere Preiserhöhungen entstehen. Damit bestünde die Gefahr, dass die Inflation länger erhöht bleibt und so die Kaufkraft der Konsumentinnen und Konsumenten zusätzlich belastet wird.

Zur selben Zeit haben sich die Finanzierungsbedingungen für Staaten verschärft. Der deutliche Anstieg der Renditen langfristiger Staatsanleihen hat verschiedene Ursachen. Dazu zählen die Erwartungen über die künftigen Leitzinsen und die Inflation, höhere Risikoprämien für langfristige Anleihen sowie der steigende Finanzierungsbedarf der Staaten. Auch das wachsende Angebot an Anleihen spielt eine Rolle. Neben den hohen staatlichen Budgetdefiziten tragen auch große Technologieunternehmen, sogenannte Hyperscaler, zum wachsenden Anleiheangebot bei. Sie finanzieren damit unter anderem ihre umfangreichen Investitionen rund um künstliche Intelligenz.

Höhere Renditen auf Staatsanleihen verteuern auch die Finanzierung für Haushalte und Unternehmen. Das kann den Wohnbau, den Konsum und die Investitionen bremsen und dadurch den Inflationsdruck mittelfristig verringern. Gleichzeitig können höhere Finanzierungskosten Unternehmen belasten und ihre Produktion verteuern, was zu Preissteigerungen durch die Unternehmen führen kann. Steigende Renditen sind deshalb nicht automatisch eine gute Nachricht für die Preisstabilität. Sie können die wirtschaftlichen Folgen des Energieschocks verstärken, ohne dessen preistreibende Effekte verlässlich auszugleichen.

Es bleibt abzuwarten, inwiefern die höheren Renditen den Inflationsdruck dämpfen. Ein gezielter Beitrag zur Verringerung des Inflationsdrucks könnte von einer glaubwürdigen und wachstumsfreundlichen Budgetkonsolidierung kommen, die das Vertrauen in die Tragfähigkeit der öffentlichen Verschuldung stärkt. Dadurch könnte einerseits die gesamtwirtschaftliche Nachfrage gedämpft werden, andererseits könnten sinkende Risikoprämien auf Staatsanleihen die Finanzierungskosten verringern. Das wiederum könnte insbesondere private Investitionen unterstützen, das mittelfristige Wachstum fördern und die Inflation dämpfen. 

Für die Geldpolitik ergibt sich aus dem Zusammenspiel von höheren Energiepreisen und steigenden Renditen auf Staatsanleihen ein geldpolitisches Spannungsfeld. Die höheren Energiepreise erhöhen das Risiko einer länger anhaltenden Inflation. Zugleich dürften die verschärften Finanzierungsbedingungen die Nachfrage und damit den Inflationsdruck dämpfen. Wie stark dieser Effekt ausfällt und was er für die Inflation insgesamt bedeutet, ist jedoch noch unklar. Eine vorschnelle weitere Straffung der Geldpolitik könnte die wirtschaftliche Aktivität zusätzlich belasten; eine zu zurückhaltende Reaktion birgt hingegen das Risiko, dass sich die Inflation verfestigt. Bei unserer Oktobersitzung haben wir diese Risiken sorgfältig abgewogen und eingehend diskutiert. Wir sind dabei zum Schluss gekommen, dass das Halten der Leitzinsen derzeit die richtige Antwort ist.

Die neuen Projektionen des Eurosystems im Dezember werden uns helfen, den Inflationsausblick neu zu bewerten. Bis dahin werden zusätzliche Informationen zur Lohnentwicklung und zu den Preisentscheidungen der Unternehmen wichtige Hinweise darauf liefern, wie stark sich die hohen Energiepreise auf die allgemeine Inflation übertragen. Zugleich werden wir besser beurteilen können, in welchem Ausmaß die verschärften Finanzierungsbedingungen die Nachfrage und damit auch den Inflationsdruck dämpfen. Dabei werden wir weiterhin den Inflationsausblick und seine Risiken, die Entwicklung der zugrunde liegenden Inflation und die Stärke der geldpolitischen Transmission berücksichtigen. 

Sollte sich die Situation in der nächsten Zeit nicht verbessern, deutet das geldpolitische Umfeld auf eine Reaktionsnotwendigkeit hin. Denn die Risiken für die Inflation haben eindeutig zugenommen. Aber weder vorschnelles Handeln noch untätiges Abwarten sichern Preisstabilität. Entscheidend ist, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun. Dabei werden wir uns auch weiterhin an den vorliegenden Daten und unserem klaren Ziel orientieren: mittelfristig eine Inflation von 2 % sicherzustellen.