Finanzielle Inklusion

Der digitale Euro soll so gestaltet sein, dass er den Bedürfnissen möglichst aller Menschen gerecht wird. Denn alle sollen Zugang zu ihm haben und ihn nutzen können.

Ein digitaler Euro für alle

Um am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen zu können, braucht man Zugang zu Finanzdienstleistungen. Nur so kann man Zahlungen empfangen, Rechnungen begleichen, Einkäufe tätigen oder etwa auch staatliche Leistungen beziehen.

Mit der fortschreitenden Digitalisierung entstehen neue Möglichkeiten, aber auch neue Herausforderungen - vor allem in Zusammenhang mit finanzieller Inklusion. Daher spielt finanzielle Inklusion beim digitalen Euro eine besonders wichtige Rolle. Als öffentliches Gut soll der digitale Euro allen Menschen im Euroraum einen barrierefreien Zugang zum digitalen Zahlungsverkehr ermöglichen.

Finanzielle Inklusion bedeutet, dass Menschen Zugang zu Finanzdienstleistungen haben und diese selbstständig, sicher und ihren individuellen Bedürfnissen entsprechend nutzen können. Dazu zählen sowohl klassische Finanzdienstleistungen als auch digitale Zahlungsmöglichkeiten. Im Zusammenhang mit dem digitalen Euro stellt sich insbesondere die Frage, ob alle Bevölkerungsgruppen über die notwendigen Voraussetzungen verfügen, um digitale Zahlungsmittel gleichberechtigt nutzen zu können.

Warum ist finanzielle Inklusion wichtig?

Die Digitalisierung verändert den Zahlungsverkehr grundlegend. Digitale Bezahlmöglichkeiten gewinnen laufend an Bedeutung und eröffnen neue Möglichkeiten für Komfort, Effizienz und Innovation. Gleichzeitig können dadurch neue Formen der Ausgrenzung entstehen. Nicht alle Menschen verfügen über dieselben Voraussetzungen, um digitale Finanzdienstleistungen zu nutzen. Folgende Faktoren können dazu führen, dass Menschen digitale Zahlungsmöglichkeiten nur eingeschränkt oder gar nicht nutzen: fehlende technische Ausstattung, mangelnde digitale Kompetenzen, Sprachbarrieren, körperliche Einschränkungen oder fehlendes Vertrauen in digitale Systeme. Der digitale Euro soll allen Menschen offenstehen. Daher werden diese Herausforderungen bereits bei der Entwicklung berücksichtigt.

Wichtig ist außerdem, dass die Perspektiven potenziell betroffener Bevölkerungsgruppen frühzeitig in die Entwicklung des digitalen Euro einfließen. Dafür gründete die OeNB 2024 die Arbeitsgruppe „Finanzielle Inklusion“ und nahm damit innerhalb des Eurosystems eine Vorreiterrolle ein. Die Arbeitsgruppe bringt Expert:innen aus Sozialorganisationen, Behindertenverbänden, Interessenvertretungen, Wissenschaft, Finanzwirtschaft und öffentlicher Verwaltung zusammen. 

Die Arbeitsgruppe wertete internationale Erfahrungen aus und identifizierte Bevölkerungsgruppen, denen digitale finanzielle Ausgrenzung droht. Außerdem analysierte sie, welche Barrieren im Zugang zu digitalen Finanzdienstleistungen bestehen. Darüber hinaus entwickelte sie Kriterien für eine öffentliche Anlaufstelle, die Menschen künftig dabei unterstützen kann, den digitalen Euro zu nutzen.

Wer ist betroffen?

Finanzielle Exklusion kann unterschiedliche Ursachen haben. Häufig wirken mehrere Faktoren zusammen. 

Folgende Bevölkerungsgruppen können stärker betroffen sein:

  • ältere Menschen
  • Personen mit Behinderungen
  • Menschen mit geringem Einkommen
  • Personen mit geringen digitalen Kompetenzen
  • Menschen mit Sprachbarrieren
  • Personen mit Migrations- oder Fluchthintergrund sowie
  • Menschen in prekären Lebenssituationen

Dabei geht es nicht ausschließlich um den Zugang zu digitalen Geräten oder dem Internet. Eine wichtige Rolle spielen hier auch Fragen der Barrierefreiheit, Verständlichkeit, Sicherheit, finanziellen Bildung oder sozialen Unterstützung.

Was braucht es für finanzielle Inklusion?

Um digitale finanzielle Teilhabe zu ermöglichen, müssen mehrere Barrieren gleichzeitig abgebaut werden. 

Finanzielle Inklusion lässt sich nicht allein dadurch erreichen, dass eine technologische Lösung bereitgestellt wird. Vielmehr bedarf es eines umfassenden Maßnahmenbündels: technische Zugänglichkeit, Information, Bildung, Unterstützung und Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft. Insbesondere persönliche Beratungsangebote und vertrauenswürdige Anlaufstellen können wesentlich dazu beitragen, Berührungsängste abzubauen und die Nutzung digitaler Finanzdienstleistungen zu erleichtern. Das zeigen internationale Erfahrungen.

Die Arbeitsgruppe hat daher einen ganzheitlichen Ansatz entwickelt, der finanzielle Inklusion entlang mehrerer Dimensionen betrachtet. Dazu zählen neun zentrale Faktoren. Nur wenn diese Faktoren gemeinsam berücksichtigt werden, kann sichergestellt werden, dass der digitale Euro tatsächlich allen Menschen offensteht.

Neun Faktoren als Schlüssel zu finanzieller Inklusion

  1.  Physischer Zugang und Infrastruktur
  2.  Technische Ausstattung
  3.  Psychologische Sicherheit und Vertrauen
  4.  Verständliche und barrierefreie Information und Kommunikation
  5.  Finanzielle Ressourcen
  6.  Digitale und finanzielle Kompetenzen
  7.  Stress- und Zeitbelastung
  8.  Rechtliche und formale Anforderungen
  9.  Soziale Einbettung und Unterstützung

Österreichweite Betroffenheitsstudie liefert wertvolle Erkenntnisse

Um die Erkenntnisse der Arbeitsgruppe auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen, wurde 2026 eine österreichweite Studie zur finanziellen Inklusion initiiert. Bislang existierten in Österreich keine belastbaren quantitativen Daten dazu, welche Bevölkerungsgruppen von digitaler finanzieller Exklusion in welchem Ausmaß betroffen sind und welche Barrieren besonders häufig auftreten. Die Studie schließt diese Wissenslücke.

Untersucht werden die Nutzung digitaler Zahlungsformen und die dahinterliegenden Hindernisse, aufgeschlüsselt nach unterschiedlichen Alltagssituationen wie Online-Einkäufen, Zahlungen zwischen Privatpersonen und Zahlungen im stationären Handel. Grundlage ist ein mehrdimensionales Forschungsmodell. Es erfasst verschiedene Barrieretypen systematisch und setzt diese in Beziehung zu soziodemografischen Merkmalen wie Alter, Bildungsstand, Einkommen, Wohnort oder Migrationshintergrund.

Die Ergebnisse sollen erstmals belastbare Antworten auf zentrale Fragen liefern:

  • Wie viele Menschen sind in Österreich von digitaler finanzieller Exklusion betroffen?
  • Welche Barrieren treten am häufigsten auf?
  • In welchem Ausmaß sind die unterschiedlichen von Ausgrenzung bedrohten Gruppen von digitaler finanzieller Ausgrenzung betroffen?

Damit entsteht eine evidenzbasierte Grundlage, um finanzielle Inklusion gezielt zu fördern und den digitalen Euro so zu gestalten, dass er den Bedürfnissen möglichst aller Menschen gerecht wird.

Studie zur Betroffenheit von digitaler finanzieller Exklusion

Zusammenfassung

Die zunehmende Digitalisierung des Zahlungsverkehrs geht mit Chancen einher, birgt aber auch das Risiko einer wachsenden finanziellen Exklusion in der Gesellschaft. Darunter versteht man, dass Menschen einen erschwerten Zugang zu wesentlichen Finanzdienstleistungen haben oder gänzlich von ihnen ausgeschlossen sind. Studien verweisen auf starke soziale Ungleichheiten hinsichtlich der Nutzungsmöglichkeiten digitaler Finanzdienste. Deshalb wird folgende Frage immer bedeutender: Wie können digitale Zahlungsmittel für alle Personen zugänglich und nutzbar gemacht werden?

Zwei Hauptmotive gab es für die vorliegende Studie: Zum einen sollte auf die generellen Bestrebungen eingegangen werden, digitale finanzielle Inklusion zu fördern. Zum anderen war auch der digitale Euro ein Auslöser, der als möglichst inklusives, barrierearmes Zahlungsmittel entwickelt und umgesetzt werden soll. In Österreich wird dieser Prozess durch eine Arbeitsgruppe unterstützt, die von der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) ins Leben gerufen wurde. Die umfassenden Vorarbeiten der Arbeitsgruppe „Finanzielle Inklusion“ des „Forum on the Digital Euro“ sind in die Konzeption und Ausgestaltung dieser Studie eingeflossen.

Bisher fehlten in Österreich belastbare quantitative Daten zum Ausmaß digitaler finanzieller Exklusion. Die vorliegende Studie adressiert diese Forschungslücke und schafft eine wissenschaftliche Grundlage für Maßnahmen zur Förderung digitaler finanzieller Teilhabe. Es wurde nicht nur die Gesamtbetroffenheit von digitaler finanzieller Exklusion in der österreichischen Bevölkerung ab 18 Jahren quantifiziert, sondern insbesondere die digitale finanzielle Exklusion innerhalb besonders ausgrenzungsgefährdeter Teilzielgruppen1erfasst. Konkret umfasste dies:

  • Senior:innen im Alter von 61 bis 80 Jahren
  • Senior:innen im Alter von über 80 Jahren
  • Personen mit Behinderungen
  • Armutsgefährdete und -betroffene Personen
  • Personen mit Überschuldung oder Lohnpfändung
  • Wohnungslose Personen
  • Personen mit geringer Sprachkompetenz in deutscher Sprache
  • Geflüchtete Personen (Asylwerber:in, asylberechtigt, subsidiär schutzberechtigt oder mit Duldungsbescheinigung)

Methodik

Für die Studie wurden österreichweit volljährige Personen befragt. Um größtmögliche Repräsentativität entlang zentraler soziodemografischer Merkmale herzustellen, kam ein Quotenverfahren2 mit disproportionaler Schichtung und anschließender Gewichtung zum Einsatz. Über einen multimodalen Befragungszugang (online, telefonisch, persönlich) konnten 868 Personen ab 18 Jahren aus ganz Österreich erreicht werden, womit die Schwankungsbreite der Ergebnisse bei rund 3,3% liegt. Zusätzlich wurde die Stichprobe gewichtet, um die geschätzten Bevölkerungsanteile besonders ausgrenzungsgefährdeter Gruppen abzubilden.

Auf Basis theoretischer und methodischer Vorüberlegungen wurden Skalen zur Nutzung von vier digitalen Zahlungsszenarien (E-Commerce, Peer-to-Peer, Point-of-Sale und Zahlungsannahme) und sieben Problemdimensionen erstellt und getestet. Als von digitaler finanzieller Exklusion betroffen wurden Personen eingestuft, die nach eigener Einschätzung digitale Finanzdienste über alle vier Zahlungsszenarien hinweg oder innerhalb einzelner Zahlungsszenarien gar nicht oder nur mit persönlicher Unterstützung nutzen konnten.

Zentrale Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen, dass digitale finanzielle Exklusion in Österreich zwar einen vergleichsweise kleinen Teil der Bevölkerung betrifft, sich aber stark auf einzelne Gruppen konzentriert. Über alle Zahlungsszenarien hinweg sind 8% der Gesamtstichprobe von digitaler finanzieller Exklusion betroffen, da sie digitale Finanzdienste nicht oder nur mit persönlicher Unterstützung nutzen können. Differenziert nach Zahlungsszenario betrifft dies mit 10% verstärkt die Nutzung digitaler Zahlungen zwischen Privatpersonen (Peer-to-Peer), gefolgt von 9% im Bereich E-Commerce. In den Szenarien Zahlungen an der Kasse (Point-of-Sale) und Zahlungsannahme bewegt sich der Exklusionsgrad mit je rund 6% unter dem Gesamtdurchschnitt.
Die Teilgruppe, die die genannten Zahlungsszenarien am stärksten nicht oder nur mit persönlicher Unterstützung nutzen kann und damit von digitaler finanzieller Exklusion betroffen ist, sind wohnungslose Personen (45%). An zweiter Stelle stehen Personen mit geringer Sprachkompetenz in deutscher Sprache (36%), geflüchtete Personen, Personen mit Behinderungen (jeweils 22%) und Senior:innen über 80 Jahre (18%). Letztere geben auch mit Abstand am häufigsten an, digitale Finanzdienste nicht nutzen zu wollen. Innerhalb der Gruppe der Menschen mit Behinderungen sind vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten stark exkludiert. Die erhöhte Betroffenheit geflüchteter Personen hängt neben strukturellen Faktoren auch mit sprachlichen Barrieren zusammen. Daher werden diese bei den nachfolgend hervorgehobenen Zielgruppen weitgehend über die Dimension der Sprachkompetenz mitberücksichtigt.
Anhand der Befragungsergebnisse lassen sich vier Gruppen hervorheben, die stark vom Risiko digitaler finanzieller Exklusion betroffen sind. Ihnen sollte besondere Aufmerksamkeit zuteil werden, wenn Maßnahmen zur Förderung digitaler finanzieller Teilhabe getroffen werden und der digitale Euro ausgestaltet wird:

  • Wohnungslose Personen
  • Senior:innen über 80 Jahre
  • Personen mit geringer Sprachkompetenz in deutscher Sprache
  • Menschen mit Behinderungen und hier insbesondere Menschen mit Lernschwierigkeiten

Als Hauptursachen für digitale finanzielle Exklusion erweisen sich insgesamt vor allem ein geringes Vertrauen in die Datensicherheit (32 %) sowie mangelnde Unterstützung im persönlichen Umfeld oder durch Servicepersonal (24 % bzw. 19 %). Es folgen Probleme mit Sprache und Zugänglichkeit (19 %), Stress- und Zeitbelastung (15 %), geringe digitale Kompetenzen (10 %) sowie geringe finanzielle Mittel (7 %).

Aus den unterschiedlichen Ursachen für die Exklusion folgt die Notwendigkeit, Maßnahmen zur Förderung der digitalen finanziellen Inklusion zielgruppenspezifisch auszurichten. Bei hochbetagten Menschen stehen vor allem der Aufbau von Vertrauen, persönliche Unterstützungsangebote sowie der Erhalt analoger Zugangswege im Vordergrund. Für Personen mit geringen Deutschkenntnissen sind mehrsprachige Informationen sowie Sprachförderung und Förderung digitaler Kompetenzen zentral. Bei wohnungslosen Menschen gilt es insbesondere, finanzielle und technische Zugangshürden abzubauen. Essenziell für Menschen mit Behinderungen sind barrierefreie und nach den Prinzipien des „Universal Design“ entwickelte Zahlungsmittel. Die Einbindung Betroffener in die Entwicklung ist dafür zentral. 
 

1 Die Auswahl dieser Gruppen erfolgte auf Basis bestehender Vorarbeiten der Arbeitsgruppe „Finanzielle Inklusion“ des „Forum on the Digital Euro“ der Oesterreichischen Nationalbank, in der sowohl Interessenvertretungen dieser und anderer Gruppen wie auch Vertreter:innen von Zahlungsdienstleistern mitarbeiten.
2 Als Quoten dienten die Merkmale Geschlecht, Alter, Bildungsgrad, Migrationshintergrund und Bundesland bzw. Urbanitätsgrad des Wohngebiets; Referenzwerte stammten hauptsächlich aus Daten der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung der Statistik Austria.