OeNB-Konjunkturindikator
12.06.2026Nahost-Konflikt führt zu Stagnation zur Jahresmitte
Laut aktueller Veröffentlichung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung entwickelte sich die österreichische Wirtschaft im vergangenen Jahr besser als zuvor angenommen. So wuchs die heimische Wirtschaft im vierten Quartal 2025 um 0,2% (statt zuvor 0,0%, im Vorquartalsvergleich). Im Gesamtjahr konnte die Wirtschaftsleistung um 1,0% zulegen (zuvor +0,7%). Auch der Start in das Jahr 2026 verlief mit einem Plus von 0,2% im ersten Quartal positiv. Mit Ausbruch des Krieges im Nahen und Mittleren Osten dürfte sich die Wachstumsdynamik aber deutlich verlangsamen. Unter anderem Vertrauensindikatoren für Konsum- und Dienstleistungen sowie auch hinsichtlich Lieferketten signalisieren eine Verschlechterung der Entwicklung in den kommenden Monaten. Ein technisches Update des OeNB-Konjunkturindikators ergibt eine Stagnation im zweiten Quartal und ein sehr schwaches Wachstum von rund 0,05% im dritten Quartal. Die sich zuvor verfestigende konjunkturelle Grunddynamik erhält somit einen Dämpfer – die Folgen des im März eingesetzten Energiepreisschocks entfalten zur Jahresmitte ihre Wirkung.
Der OeNB-Konjunkturindikator basiert neben den LKW-Fahrleistungsdaten und den offenen Stellen auf der Entwicklung der Stimmungsindikatoren laut Europäischer Kommission. Preisentwicklungen auf Rohstoffmärkten werden jedoch nicht direkt abgedeckt. Die nominellen Güterexporte haben sich zu Jahresbeginn robust entwickelt, mit April signalisieren die LKW-Fahrleistungsdaten jedoch einen deutlichen Rückgang an. Das Dienstleistungsvertrauen ist nach einem sehr positiven Wert im Jänner kontinuierlich gesunken; das Industrievertrauen bewegt sich zuletzt seitwärts, allerdings unterhalb des langfristigen Mittelwerts. Dies spiegelt sich im negativen Beitrag der Industrie in der reinen Modellprognose für das zweite und dritte Quartal wider. Vor dem Hintergrund des Krieges im Nahen und Mittleren Osten sind die Veröffentlichungen der Stimmungsindikatoren ab März besonders relevant – ohne Krieg hätte man eine weitere Verbesserung erwartet. Mit Stand 29. Mai ergibt sich laut OeNB-Konjunkturindikator rein technisch für das zweite Quartal eine Stagnation und für das dritte Quartal 2026 ein äußerst schwaches Wachstum von 0,05% (jeweils gegenüber dem Vorquartal).
Die Ergebnisse des Konjunkturindikators fließen auch in die Gesamtwirtschaftliche Prognose der OeNB für 2026 bis 2028, die am 12. Juni veröffentlicht wird. Dieser Prognose liegen Annahmen zum internationalen Umfeld und insbesondere zu den Rohstoffmärkten bis inklusive 21. Mai zugrunde. In der OeNB-Prognose stagniert die Wirtschaftsleistung im zweiten und dritten Quartal 2026. Im Vergleich zur reinen Modellprognose des OeNB-Konjunkturindikator wurde somit ein negatives Judgement von 0,05 Prozentpunkte im dritten Quartal angenommen.
Den Prognosen liegt ein dynamisches Faktormodell mit gemischten Frequenzen zu Grunde (s. Modellmethodik im Downloadbereich). Dabei wird aus dem realen BIP-Wachstum und einer Reihe an vor- bzw. gleichlaufenden monatlichen Konjunkturindikatoren ein gemeinsamer latenter Faktor modelliert, der die zugrundeliegende Konjunkturdynamik beschreibt. Basierend auf den aktuellen Informationen der monatlichen Konjunkturindikatoren und der Modelldynamik wird dieser Faktor für den Prognosehorizont fortgeschrieben und bildet die Basis der Kurzfristprognose für das Wirtschaftswachstum.
Bei der Wahl der monatlichen Konjunkturindikatoren wurde berücksichtigt, dass alle wichtigen Sektoren abgedeckt sind und dass neben gängigen Stimmungsindikatoren auch rasch verfügbare und kaum Datenrevisionen unterliegende reale Aktivitätsindikatoren verwendet werden. Im Modell enthalten sind die Stimmungsindikatoren der Europäischen Union (ESI) der Sektoren Industrie, Dienstleistungen und Einzelhandel und als Aktivitätsindikatoren sind die LKW-Fahrleistung der ASFINAG und die sofort verfügbaren offenen Stellen laut AMS inkludiert. Die jeweiligen zeitlichen Vorläufe wurden mittels Korrelationsanalysen ermittelt.
Im August 2025 wurde das Modell, dem der OeNB-Konjunkturindikator zu Grunde liegt, aktualisiert. Dafür wurden die Parameter des Modells für den Zeitraum 2005Q1 bis 2025Q2 optimiert. Der Anfangspunkt wurde gegenüber der Vorgängerversion (November 2023) von 1999Q1 auf 2005Q1 verschoben, um das schwächere durchschnittliche Produktivitäts- und BIP-Wachstum seit der zweiten Hälfte der 2000er Jahre zu berücksichtigen. Der Endpunkt wurde von 2019Q4 (Version vom November 2023) auf 2025Q2 (August 2025 Update) ausgeweitet. Um jedoch Verzerrungen bei den geschätzten Parametern durch die COVID-19 Pandemie zu vermeiden, wurden die Daten zwischen 2020Q1 und 2022Q2 bei der Parameterschätzung nicht berücksichtigt. Das durchschnittliche BIP-Wachstum gegenüber dem Vorquartal sinkt durch die Veränderung des Schätzzeitraums von 0,41 % auf 0,27 %.
Die Prognosen werden am Anfang des dritten Monats des Quartals erstellt. Damit ist bereits eine hinreichende Informationsdichte für das laufende Quartal verfügbar. Gleichzeitig besteht aber zu dem Zeitpunkt noch ein ausreichender Informationsvorsprung bis zur Veröffentlichung der VGR-Schnellschätzung.
Die Prognose des BIP-Wachstums wird in die Beiträge aller enthaltenen Variablen[1] zerlegt. Da die Modellprognose auf mittelwertbereinigten Daten beruht, wird diese noch um den Mittelwert des BIP-Wachstums des Modellzeitraums ergänzt. Abschließend kann die Modellprognose noch um ein „Expert Judgment“ erweitert werden, um gegebenenfalls im Modell nicht berücksichtigte Informationen abzubilden.
[1] Die Komponente „Rest“ enthält den Beitrag des vergangenen BIP-Wachstum zum gemeinsamen Faktor und den Einfluss der autokorrelierten Fehlerkomponente im Prognosezeitraum.