Die „Beethoven-Aktien“

Der große Komponist Ludwig van Beethoven (1770–1827) gehörte zu den ersten Aktionären der 1816 gegründeten „pivilegierten oesterreichischen National-Bank“. Lesen Sie hier, wie es dazu kam und was aus Beethovens Aktienbesitz wurde.

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Die 1816 erfolgte Gründung der Oesterreichischen National-Bank als Aktiengesellschaft war eine Folge der Franzosenkriege. Diese hatten eine Papiergeldinflation verursacht, die nun wieder unter Kontrolle gebracht werden musste. Aber erst nachdem die ersten 1.000 Aktien gezeichnet worden waren und nach der Ausstellung des Ersten Bank-Privilegiums durch Kaiser Franz I. am 15. Juli 1817 war die Bank voll handlungsfähig. Laut Privilegium belief sich das Grundkapital der Bank auf 100.000 Aktien, wovon sich aber um 1820 nur 50.621 am Markt befunden haben dürften. Der Nominalwert der Aktien lautet auf je 500 Gulden Conventionsmünze (Silbergeld). In der Anfangszeit musste, laut Bankstatut, pro Aktie eine Einlage von 1.000 Gulden Wiener Währung (Papiergeld) und 100 Gulden Conventionsmünze erbracht werden. Der Nominalwert ergab sich aus dem 1819 geltenden Wertverhältnis von 1 Gulden Conventionsmünze zu 2,49 Gulden Wiener Währung. Die Idee hinter dieser geteilten Aktieneinlage war es, das minderwertige Papiergeld einzuziehen und gleichzeitig mit den Silbermünzen Stammkapital aufzubauen.

Anfangs wurden die Aktien hauptsächlich direkt über die Kassen der Nationalbank ausgegeben. Ab 1819 notierten sie schließlich als erste Aktien an der Wiener Börse. Zwei Jahre später sollte die Nationalbank auch das erste an der Frankfurter Börse notierte Unternehmen werden.

Ludwig van Beethoven machte sich stets Gedanken über seine finanzielle Lage und überlegte bereits im Frühjahr 1819, Aktien der Privilegierten Oesterreichischen Nationalbank zu erwerben. Informationen aus der Wiener Zeitung über die Bank und ihre Aktien schrieb er sich in seinen Notizen auf. Jedoch waren nicht alle von den Ideen des Papiergeldes oder Aktien begeistert – ein Großteil der Bevölkerung war damals durch Krieg und Inflation verunsichert. Beethovens Freund Franz Oliva, welcher Bankangestellter war und dem Komponisten mit seinen Finanzen half, ermutigte ihn jedoch zum Erwerb.

Beethoven zögerte nicht lange und zeichnete bereits am 13. Juli 1819 acht Aktien. Das Aktionärsbuch aus dem Jahre 1819 führte Beethoven unter der Nummer 3170. Somit gehörte er mit zu den Ersten, die sich für diese in Österreich neue Form der Geldanlage entschieden. Die Liste der Aktionäre wird von Joseph Carl Graf von Dietrichstein, dem ersten Gouverneur der konstituierten Nationalbank angeführt und enthält zahlreiche andere Prominente der damaligen Zeit.

Beethoven investierte 9.992 Gulden Wiener Währung oder 4.000 Gulden Conventionsmünze. Umgerechnet in heutige Kaufkraft hatte das Aktienpaket einen Wert von ca. 80.000 Euro. Das entsprach etwa dem Jahresgehalt eines Hofrates und war für diese Zeit eine beachtliche Summe. Als Investor lag Beethoven damit im „gehobenen Mittelfeld“ der damaligen Aktionäre. Den Großteil des aufgewendeten Geldes dürfte Beethoven bei Auftritten im Rahmen des Wiener Kongresses (1814/15) verdient haben.

„Es ist doch das Beste weil es die meisten Zinsen trägt…“

Nach dem Tod seines Bruders übernahm Beethoven die Vormundschaft für seinen Neffen Karl, der ihm äußerst wichtig war. Aufgrund seiner immer schwierigeren gesundheitlichen Verhältnisse fragte sich Beethoven, wie er Karl langfristig unterstützen und ihm ein ausreichendes Erbe hinterlassen könnte. Die Aktien der Oesterreichischen Nationalbank erschienen ihm als eine verlässliche Investition, denn durch die gewöhnliche Dividende konnte er mit einem Fixeinkommen von 30 Gulden pro Jahr und Aktie rechnen. Zusätzlich zu den 30 Gulden erhielt er bei Gewinnausschüttungen der Bank noch weitere Auszahlungen, sodass er mit seinem Aktienpaket mit jährlichen Einnahmen von 400 bis 500 Gulden rechnen konnte. Dies entsprach dem Jahresgehalt eines höheren Beamten. Zusätzlich stieg der Kurs der Aktien innerhalb von sechs Jahren auf fast das Doppelte an. Durch seinen immer weiter fortschreitenden Gehörverlust und andere Krankheiten konnte Beethoven teilweise monatelang nicht auftreten. In einer Zeit ohne Pensions- und Sozialversicherungen war eine regelmäßige Einnahmequelle für den Künstler daher von großer Bedeutung, um Perioden ohne Gagen überbrücken zu können und eine Altersvorsorge zu haben. Mehrere Male nutze Beethoven die Aktien auch als Sicherstellung um sich Geld zu leihen – u. a. zum Kauf eines neuen Ofens.

Schlussendlich wurde – wie geplant – Neffe Karl der alleinige Erbe von Beethovens Vermögen. Drei Tage vor seinem Tod änderte Beethoven jedoch sein Testament und fügte die Einschränkung hinzu, dass Karl nur die Erträge der Aktien erhielt. Das Kapital selbst war für Karls Kinder vorgesehen – damit wollte Beethoven verhindern, dass sein Neffe die Aktien veräußern und das Geld verschwenden, oder die Schulden seiner Mutter begleichen könne. Insgesamt machte der Musiker, der immer wieder von Geldsorgen und Existenzängsten geplagt war, mit den Aktien der Nationalbank ein gutes Geschäft. Die sieben bei seinem Tod noch vorhandenen Bankaktien hatten inzwischen einen Marktwert von rund 7.500 Gulden Conventionsmünze. Die in einer Holzschatulle versteckten Aktien machten 73 % von Beethovens nachgelassenem Vermögen aus. Zuletzt war es ihm durch die Aktien auch möglich, seinen Verpflichtungen als Onkel über den eigenen Tod hinaus gegenüber seinem Neffen Karl nachzukommen – das, was ihm eigentlich am wichtigsten war.

Vier der sieben bei Beethovens Tod aufgefunden Aktien sind bis heute erhalten geblieben. Karls älteste Tochter Caroline Johanna erhielt 1864 bzw. 1874 die Aktien Nummer 4 und 5. Die Nummer 7 erhielt Ludwig Johann van Beethoven, Karls Sohn, beim Tod des Vaters 1858. Die Aktie Nr. 6 ging 1865 an einen Herrn Adalbert Zinner. Alle vier Aktien fanden später wieder ihren Weg in die Oesterreichische Nationalbank. Allerdings wurden die Nummern 4 und 5 in der Zwischenkriegszeit der Stadt Wien geschenkt und befinden sich heute in der Wienbibliothek. Die Nummern 6 und 7 blieben in der Nationalbank und sind heute Teil der Sammlungen des Geldmuseums.

(Autorin: Nadine Dimmel, 2020)

Objekt: Namensaktie der privilegirten Oesterreichischen National-Bank lautend auf Ludwig van Beethoven, sogenannte „Beethoven-Aktie Nr. 6“
Land: Kaiserreich Österreich
Emittent: privilegirte Oesterreichische National-Bank
Datierung: 13.07.1819
Material/Technik: Papier, Druck, Tinte, verschiedenfarbige Stempel
Maße: B: 41 cm x H: 27 cm
Inventarnummer: AW00098

Literatur- und Quellen

Nicole Kämpken. „die allerliebste Dividende…“. Beethoven als Aktionär. In: Jahresgaben des Vereins Beethoven-Haus, Heft 22 (Bonn 2005).
Nicole Kämpken, Michael Ladenburger u. a. „Alle Noten bringen mich nicht aus den Nöthen!!“ Beethoven und das Geld. (Bonn 2005).
Armine Wehdorn, Michael Grundner. Seid umschlungen Millionen ... Beethoven und das Geld. Ausstellungskatalog des Geldmuseums (Wien 2007).
Walter Antonowicz, Elisabeth Dutz, Claudia Köpf, Bernhard Mussak. Die Oesterreichische Nationalbank. Seit 1816 (Wien 2016).