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OeNB Report 2026/10: Kurzfristige Effekte der Sperre der Straße von Hormus auf die globalen Ölpreise

Martin Schneider, Oesterreichische Nationalbank, Abteilung Konjunktur,

Richard Sellner, Oesterreichische Nationalbank, Abteilung Konjunktur,

JEL-Klassifizierung: F14

Schlagwörter: Nahost-Krieg, Straße von Hormus, Ölpreis, Gleichgewichtsansatz

Wir schätzen die kurzfristige Reaktion des Erdölpreises auf die Sperre der Straße von Hormus durch den Iran. Dazu verwenden wir ein einfaches Angebots- und Nachfragesystem für den globalen Erdölmarkt. Die bisher zu beobachtenden Preisanstiege von Erdöl liegen in dem mit diesem Ansatz berechneten Band von 101 USD bis 146 USD pro Fass der Sorte Brent bei einer Totalsperre ohne den Angebotsschock mindernde Maßnahmen. Die bereits erfolgten und angekündigten Maßnahmen (Umleitung von Erdöl über Pipelines, Ausnahmen für iranische Tanker, Freigabe strategischer Erdölreserven) können den Preis auf einen Bereich zwischen 86 USD und 107 USD dämpfen.

Highlights

Sperre der Straße von Hormus ist massiver Schock für den Ölmarkt

Durch die Straße von Hormus wird rund ein Fünftel der globalen Ölmenge transportiert. Die Sperre durch den Iran führt damit zu einer starken Angebotsreduktion und zu starken Preisanstiegen von Erdöl. In den ersten zwei Wochen stieg der Preis für ein Fass Brent von 73 USD auf rund 100 USD.

Ein einfacher Gleichgewichtsansatz für den globalen Ölmarkt

Wir verwenden einen einfachen Gleichgewichtsansatz für den globalen Ölmarkt bestehend aus einer Angebots- und einer Nachfragefunktion in Verbindung mit kurzfristigen Preiselastizitäten aus der empirischen Literatur. Damit kann die Reaktion der Preise und Mengen als Reaktion auf eine Angebotsverknappung abgeschätzt werden.

Höhe der Preiselastizitäten entscheidend für die Preisreaktion

Je schwächer Angebot und Nachfrage auf Preise reagieren, umso stärker muss der Erdölpreisanstieg ausfallen, bis sich ein neues Marktgleichgewicht einstellt.

Motivation

Kurz nach dem Ausbruch des Kriegs im Nahen und Mittleren Osten am 28. Februar kündigte der Iran die Sperre der Straße von Hormus an, über die etwa ein Fünftel der weltweit täglich verbrauchten Ölmenge transportiert wird (siehe Economist, 2026). Gezielte Angriffe auf Öl-, Gasförderanlagen und Raffinerien (beispielsweise in Katar) drohen zudem, das Angebot mittelfristig signifikant zu beschränken. Täglich überraschen Neuigkeiten im Krieg die Märkte, wodurch der Öl- und Gaspreis in den letzten zwei Wochen stark angestiegen ist, und die Volatilität deutlich zugenommen hat (siehe linker Teil von Grafik 1). Energiepreisszenarien verlieren in turbulenten Zeiten schnell an Aktualität. Daher empfiehlt sich ein einfaches methodisches Werkzeug, um die Auswirkungen neuer Informationen über Angebotsbeschränkungen bzw. Reserveauflösungen auf den Ölpreis zu simulieren, um damit schnell Szenarien zu aktualisieren. In diesem Kurz-Report präsentieren wir einen einfachen, auf Elastizitäten der empirischen makroökonomischen Literatur basierenden Ansatz zur Schätzung der Übertragung von Angebots- und Nachfrageschocks auf Rohölpreise und -mengen.

Grafik 1

Um eine schnelle Einschätzung über das mögliche Ausmaß der Blockade zu geben, stellen wir im rechten Teil von Grafik 1 die regionale Verteilung des weltweiten Ölangebots für 2015 und 2025 (Durchschnitt Jänner bis November 2025) dar. Die weltweite Abhängigkeit von Öl aus Ländern des Nahen Ostens hat in den letzten zehn Jahren deutlich abgenommen; gleichzeitig hat der Anteil der USA am weltweiten Ölangebot von unter 5 % auf über 20 % stark zugenommen. 2015 entfielen noch 38,2 % des weltweiten Ölangebots auf die Golfstaaten Iran, Irak, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate (UAE), Katar, Kuwait und Oman. Bis 2025 fiel dieser Anteil auf 28,8 % (ca. 30 Mio Fass pro Tag). Dieser Anteil stellt eine Obergrenze für den hypothetischen Ausfall sämtlicher Öllieferungen aus den Golfstaaten dar. Die Ölexporte dieser Region erfolgen nicht zur Gänze über die Straße von Hormus, sondern ein Teil davon wird über regionale Pipelines transportiert.

Ein einfacher Gleichgewichtsansatz zur Berechnung der Preis- und Mengeneffekte der Sperre der Straße von Hormus

Wir berechnen die Effekte der Sperre der Straße von Hormus und der bisher bekannten Gegenmaßnahmen mit einem einfachen Gleichgewichtsansatz. Dieser besteht aus einer Angebots- und einer Nachfragefunktion für Erdöl in Verbindung mit geschätzten kurzfristigen globalen Preiselastizitäten aus der empirischen makroökonomischen Literatur. Grafik 2 zeigt schematisch das ursprüngliche Gleichgewicht (vor einem Schock) am Erdölmarkt (A 1 ). Die Sperre der Straße von Hormus stellt einen negativen Angebotsschock dar, der die Angebotskurve nach unten verschiebt, d. h. bei gleichem Preis sinkt die angebotene Menge. Da die Nachfrage zum ursprünglichen Preis das Angebot übersteigt, steigt der Preis so lange an, bis sich Angebot und Nachfrage wieder decken (A 2 ). In diesem Punkt wird ein Teil des ursprünglichen negativen Angebotsschocks durch andere Anbieter kompensiert. Die Gleichungen für dieses System finden sich in Kasten 1.

Grafik 2

 
Hier befindet sich Grafik 2 mit dem Titel „Angebot und Nachfrage am globalen Erdölmarkt“. Für ausführliche barrierefreie Informationen zu dieser Grafik wenden Sie sich bitte direkt an die Autoren: martin.schneider@oenb.at und richard.sellner@oenb.at.
Quelle: Eigene Darstellung. Technische Umsetzung und Diagrammerweiterungen durch Kilo Code KI-Assistent (Devstral-2-123B-Instruct-2512), 2026.

Kasten 1: Das Angebots-Nachfragesystem

Ausgehend von einer Definition der Angebots- und Nachfrageelastizitäten \(x \in \left\{ S,D \right\}\) als Verhältnis der prozentuellen Veränderungen von Menge und Preis

\(\varepsilon^{x}: = \frac{\mathrm{\Delta}q^{x}/q^{x}}{\mathrm{\Delta}p/p}: = \frac{\%{\mathrm{\Delta}q}^{x}}{\%\mathrm{\Delta}p}\), (1 – Definition Elastizität)

lässt sich das Gleichgewichtssystem am Ölmarkt mit Angebots- und Nachfrage-Schocks, welche in Prozent der Menge ausgedrückt sind, darstellen:

\(\%{\mathrm{\Delta}q}^{S} = \varepsilon^{S}\%\mathrm{\Delta}p + \%\mathrm{\Delta}u^{S}\), (2 – Angebot)

\(\%{\mathrm{\Delta}q}^{D} = - \varepsilon^{D}\%\mathrm{\Delta}p + \%\mathrm{\Delta}u^{D}\). (3 – Nachfrage)

Dabei steht \(q^{S}\) (\(q^{D}\)) für die angebotene (nachgefragte) Menge, \(p\) für den Preis, \(\varepsilon^{S}\) für die Angebotselastizität und \(\varepsilon^{D}\) die Nachfragelastizität und \(u^{S}\) und \(u_{t}^{D}\) für die exogenen Angebots- und Nachfrageschocks. Zur Vereinfachung verzichten wir auf das Zeitsubskript \(t\). Die dargestellten Effektzusammenhänge passieren daher innerhalb einer Zeitperiode des Modelles. Da wir in weiterer Folge empirische Elastizitäten verwenden, die auf Basis monatlicher Daten geschätzt wurden, erhält man aus diesem Modell die Gleichgewichts-Reaktionen innerhalb eines Monats. Darüber hinausgehende dynamische Effekte werden also nicht abgebildet.

Wenn wir uns zuvor in einem Gleichgewicht befunden haben, dann müssen die Veränderungen der angebotenen und nachgefragten Menge gleich sein, damit eine neue Gleichgewichtsmenge erreicht wird. Die kurzfristigen Effekte von Angebotsschocks (\(\%\mathrm{\Delta}u^{S}\)) und Nachfrageschocks (\(\%\mathrm{\Delta}u^{D}\)) auf den Rohölpreis erhält man durch Gleichsetzen von \(\%{\mathrm{\Delta}q}^{S} = \%{\mathrm{\Delta}q}^{D}\) und Auflösung nach \(\%\mathrm{\Delta}p\):

\(\%\mathrm{\Delta}p = \frac{\%\mathrm{\Delta}u^{D} - \%\mathrm{\Delta}u^{S}}{\varepsilon^{D} + \varepsilon^{S}}\) (4 – Schockwirkung Preis)

Die Veränderung der Gleichgewichtsmenge ergibt sich durch Einsetzen der Preisreaktion in Gleichung (2) oder Gleichung (3):

\(\%{\mathrm{\Delta}q}^{D} = \%{\mathrm{\Delta}q}^{S} = \frac{\varepsilon^{S}\%\mathrm{\Delta}u^{D} + \varepsilon^{D}\%\mathrm{\Delta}u^{S}}{\varepsilon^{D} + \varepsilon^{S}}\). (5 – Schockwirkung Menge)

Empirische Schätzungen für Angebots- und Nachfrageelastizitäten für Erdöl

Tabelle 1 gibt einen aus Kilian (2022) übernommenen Überblick bestehender makroökonomischer Preiselastizitäten für das Angebot an und die Nachfrage nach Erdöl. Alle dargestellten Elastizitäten wurden mit strukturellen VAR-Modellen 1 auf Basis monatlicher Daten zum globalen Erdölmarkt geschätzt. Daher sind die resultierenden Elastizitäten als einmonatige („kurzfristige“) globale Erdöl-Angebots- und Nachfrageelastizitäten zu interpretieren. Die Elastizitäten für Zeiträume über einem Monat können über die Modelldynamik (mittels Impuls-Antwortfunktionen) der jeweils verwendeten VAR-Modelle berechnet werden. Da wir in der oben vorgestellten einfachen Methode nur die kurzfristigen Elastizitäten verwenden, beschränken wir uns in diesem Report auf die kurzfristigen Auswirkungen.

Die in Tabelle 1 dargestellten Studien verwenden zwar alle die gleiche Modellfamilie (Structural Vector Autoregression, SVAR), unterscheiden sich aber in der Strategie zur Identifikation der kurzfristigen Elastizitäten. Kilian und Murphy (2014) bzw. Inoue und Kilian (2022) identifizieren die Elastizitäten über Restriktionen der Vorzeichen der kurzfristigen Auswirkungen (im ersten Monat) von Angebots- und Nachfrageschocks auf Ölpreis, Ölmenge, wirtschaftliche Aktivität und Öllagerveränderung. Zusätzlich beschränken sie die maximale Höhe der Angebotselastizität auf 0,026 und jene der Nachfrage auf 0,8. 2 Baumeister und Hamilton (2019) kritisierten diesen fixen Höchstwert als unflexibel und verzerrend und identifizierten die kurzfristigen Elastizitäten in ihrem Modell über informative Bayesianische A-priori-Verteilungen. Informationen über Vorzeichen und Größenverteilung entnehmen sie der empirischen Literatur. Caldara, Cavallo und Iacoviello (2019) schätzten in einem ersten Schritt Elastizitäten einzelner Länder über narrative Instrumente (beispielsweise Produktionsausfälle durch Kriege, Naturkatastrophen etc.). Im zweiten Schritt schätzen sie ein SVAR-Modell wobei die Abweichung der SVAR-Elastizitäten zu den im ersten Schritt ermittelten Elastizitäten minimiert wird.

Die Nachfrage nach Öl ist kurzfristig stark preisunelastisch mit Elastizitäten zwischen 0,14 bis 0,35 (siehe Tabelle 1), da Verbraucher:innen wie Autofahrer:innen oder Industrie nur langsam auf Preissteigerungen reagieren können. Substitutionen wie der Umstieg auf Elektroautos oder neue Produktionstechnologien dauern Jahre. Die Ölintensität der Weltwirtschaft und insbesondere der Industriestaaten hat seit der letzten Ölkrise stark abgenommen. Weltweit ist die die Ölintensität (Verbrauch von Öl zu realem BIP) zwischen 1980 und 2023 um 63 % zurückgegangen. Das bedeutet aber auch, dass das Potenzial zur einfachen Reduktion der Ölnachfrage bereits weitgehend ausgereizt ist und es daher aktuell schwieriger ist, die verbliebene Ölnachfrage weiter zu senken.

Tabelle 1

Überblick Rohöl-Angebots- und Nachfrage-Elastizitäten aus der empirischen Makroliteratur  
       
Literatur Angebotselastizität Nachfrageelastizität Identifikationsmethode
Kilian und Murphy (2014)* 0,01 0,26 SVAR mit Restriktionen auf Vorzeichen und die Größenordnung der Angebots- (<0,026) und Nachfrageelastizität (<0,8)
Baumeister und Hamilton (2019) 0,15 0,35 BSVAR mit aus empirischen Studien informierten A-priori-Verteilungsannahmen über kurzfristige Elastizitäten
Caldara, Cavallo und Iacoviello (2019) 0,10 0,14 BSVAR informiert durch Elastizitäten aus Länderschätzungen mit narrativen Instrumentenvariablen
Inoue und Kilian (2022)* 0,01 0,18 Wie Kilian and Murphy (2014) mit Bayesianischer Schätzmethode, aktuellerem Sample und modifizierter Restriktion der Angebotselastizität (<0,04)
 
Anmerkung: Die Elastizitäten sind in absoluten Werten dargestellt. Angebotskurven steigen per Definition im Preis (positive Elastizität), während Nachfragekurven fallen (negative Elastizität). (B)SVAR steht für (Bayesian) Structural Vector Autoregression.
Quelle: Übernommen aus Tabelle 5 (*um Öl-Lagerveränderungen angepasste Nachfrageelastizitäten) und Tabelle 6 in Kilian (2022).

Das Angebot ist ebenfalls kurzfristig unelastisch mit Elastizitäten zwischen 0,01 bis 0,15 (Tabelle 1), weil die Errichtung bzw. Ausweitung von Förderanlagen zeit- und kapitalintensiv ist. Bei einem Angebotsschock wie der Blockade der Straße von Hormus sinkt das Angebot stark, die Nachfrage passt sich jedoch nur in geringem Ausmaß an, was zu starken Preisanstiegen führt.

Mittelfristig können Verbraucher:innen durch Investitionen in alternative Technologien oder durch den Umstieg auf erneuerbare Energie stärker substituieren, wodurch die Preiselastizität der Nachfrage ansteigt. Produzenten werden durch das Preissignal in die Ausweitung von Produktions- und Transportkapazitäten investieren, was sich in einer höheren Preiselastizität des Angebots niederschlägt. Daher ist es sinnvoll, zwischen kurz- und langfristigen Auswirkungen der Angebotsverknappung zu unterscheiden. Im vorliegenden Report fokussieren wir auf die kurzfristigen Elastizitäten.

Kurzfristige Auswirkungen der Schließung der Straße von Hormus auf den Ölpreis

Laut International Energy Agency (2026) passierten vor dem Ausbruch des Kriegs im Nahen und Mittleren Osten täglich etwa 20 Mio Fass Erdöl die Straße von Hormus. Wir gehen im ersten Szenario S1 von einer Totalsperre der Straße von Hormus aus. Bei einem globalen Rohölangebot von 106,1 Mio Fass pro Tag 3 entspricht das einem Rückgang um 19 %.

Dieses Szenario stellt vermutlich die Obergrenze dar, da aufgrund von Umleitungsmöglichkeiten und Ausnahmen der Sperre nicht die gesamte durch die Straße transportierte Menge betroffen ist. Laut der International Energy Agency (2026) kann rund ein Viertel des Öls, das durch die Straße von Hormus transportiert wird, über Pipelines in Saudi-Arabien und in den Vereinigten Arabischen Emiraten umgeleitet werden. Dadurch fällt der negative Angebotsschock um bis zu 5,7 Mio Fass (5,4 %) täglich geringer aus (Szenario S2). Der wirtschaftliche Druck durch die Sperre hat die USA dazu veranlasst, iranischen Öltankern die Durchfahrt durch die Straße von Hormus zu gestatten, wie Finanzminister Scott Bessent am 16. März in einem Interview mit CNBC erklärte. Dadurch sinkt der negative Angebotsschock um weitere 1,5 Mio Fass pro Tag (1,4 %, Szenario S3).

Die 32 Mitgliedstaaten der Internation Energy Agency (IEA) beschlossen am 11. März 400 Mio Fass Rohöl aus ihren strategischen Reserven von insgesamt 1,2 Mrd Fass freizugeben. Dies entspricht in etwa der Menge, die vor dem Krieg im Nahen und Mittleren Osten innerhalb von 20 Tagen durch die Straße von Hormus transportiert wurde. 4 Es gibt keinen einheitlichen globalen Starttermin und keine genauen Mengen je Land, sondern eine gestaffelte Umsetzung je nach Region und nationalen Verfahren. Die IEA hat zumindest eine Verteilung nach Regionen bekanntgegeben, und zwar: Amerika 196 Mio Fass, Asien/Ozeanien 109 Mio Fass und Europa 108 Mio Fass (Reuters, 2026b). Laut IEA soll die Freigabe über einen Zeitraum von 90 bis 180 Tagen erfolgt (Reuters, 2026a). Wir nehmen an, dass die Freigabe der globalen Erdölreserven koordiniert über einen Zeitraum von 120 Tagen erfolgen wird. Dies ergibt eine tägliche Steigerung des Erdölangebots um 3,3 Mio Fass (3,1 %; Szenario 4). 5

Tabelle 2 gibt einen Überblick über die den Szenarien zugrundeliegenden Annahmen. Da sich die Lage bezüglich der Straße von Hormus täglich ändert, sind diese Szenarien nicht mehr als eine Darstellung der aktuellen Lage zur Erstellung dieses Kurz-Reports.

Tabelle 2

Definition der berechneten Szenarien  
             
Szenario Beschreibung Effekt auf das Erdölangebot Anmerkung
    Zusätzlich im Szenario Gegenüber Vorkriegszeit  
    Mio Fass pro Tag in % des globalen Angebots Mio Fass pro Tag in % des globalen Angebots  
S1 Totalsperre der Straße von Hormus -20,0 -18,9% -20,0 -18,9%  
S2 S1 + Umleitung von 5,7 Mio Fass pro Tag über Pipelines 5,7 5,4% -14,3 -13,5% bis zu 5,0 Mio Fass/Tag über Saudi-Arabien und bis zu 0,7 Mio Fass/Tag über die Vereinigten Arabischen Emirate (IEA, 2026)
S3 S2 + Ausnahmeregelung für iranische Tanker 1,5 1,4% -12,8 -12,1%  
S4 S3 + Freigabe strategischer Ölreserven 3,3 3,1% -9,5 -8,9% Annahme: Die 400 Mio Fass werden über 120 Tage verteilt auf den Markt gebracht
 
Quelle: Eigene Darstellung.

Um die Unsicherheit über die Höhe der kurzfristigen Angebots- und Nachfragelastizitäten abzubilden, verwenden wir im Folgenden drei der in Tabelle 1 dargestellten Elastizitäten: Baumeister und Hamilton (2019), Caldara, Cavallo und Iacoviello (2019) und Inoue und Kilian (2022). Diese drei Quellen bilden die Bandbreite an Größenordnungen der Elastizitäten und verwendeten Identifikationsstrategien gut ab. Für die Preisreaktion gilt generell: Je niedriger die absolute Summe aus beiden Elastizitäten ausfällt, desto höher fällt der Effekt auf den Preis aus. Eine Reduktion des globalen Erdölangebots um 10 % führt auf Basis dieser Elastizitäten zu einem Anstieg des Erdölpreises zwischen 20 % (Baumeister und Hamilton, 2019) und 53 % (Inoue und Kilian, 2022) 6 . Die Schätzung von Inoue und Kilian (2022) bildet dabei eine Situation ab, in der das Angebot kaum auf höhere Preise reagiert. In Szenario 1 würden die Erdölpreise um 28 USD bis 73 USD auf einen Erdölpreis von 101 USD bis 146 USD (siehe Grafik 3 bzw. Tabelle 3) steigen. Der höchste Anstieg basiert auf den Elastizitäten von Inoue und Kilian (2022). Aufgrund der in Summe niedrigen Elastizitäten (d. h. Angebot und Nachfrage reagieren nur sehr schwach auf Preissignale), ist ein hoher Preisanstieg erforderlich, um den Markt zu räumen.

Die in den Szenarien 2 bis 4 unterstellten Maßnahmen zur Milderung des Angebotsschocks würden in Summe einen dämpfenden Effekt auf den Erdölpreis von 15 USD bis 38 USD haben. In Szenario 4 läge der Erdölpreis im Bereich von 86 USD bis 107 USD, was gegenüber dem Ausgangswert von 73 USD einen Anstieg um 18 % bis 47 % bedeuten würde.

Grafik 3

Tabelle 3

Ergebnisse der Szenarien  
                     
Szenario Beschreibung Reduktion Erdölangebot   Erdölpreisreaktion  
    MFT 1 in %   BH2019 CCI2019 IK2022
          USD % 2 USD % USD %
S1 Totalsperre der Straße von Hormus -20,0 -19%   101 38% 130 79% 146 99%
S2 S1 + Umleitung von 5,7 Mio Fass pro Tag über Pipelines -14,3 -13%   93 27% 114 56% 125 71%
S3 S2 + Ausnahmeregelung für iranische Tanker -12,8 -12%   91 24% 110 50% 119 63%
S4 S3 + Freigabe strategischer Ölreserven -9,5 -9%   86 18% 100 37% 107 47%
1 MFT = Mio Fass pro Tag.                  
2 Veränderung gegenüber den Ausgangswerten in % (Ausgangspreis 73,1 USD (27. Februar 2026), Ausgangsmenge 106,1 Mio Fass pro Tag (Durchschnitt Jänner bis November 2025)).
Anmerkung: BH = Baumeister und Hamilton; CCI = Caldara, Cavallo und Iacoviello; IK = Inoue und Kilian.
Quelle: Eigene Darstellung.                  

Einschränkungen des Ansatzes und mögliche Erweiterungen

Bei der Interpretation der Ergebnisse des dargestellten Ansatzes müssen einige Einschränkungen berücksichtigt werden. Die Simulationen beruhen auf linearen historischen Elastizitäten. So können Strukturbrüche (beispielsweise neue Ölfördertechnologien) die Größenordnung der Elastizitäten verändern bzw. könnten bei massiven Schocks Nichtlinearitäten auftreten. Ein weiterer Nachteil des hier vorgestellten einfachen Ansatzes ist, dass damit keine dynamische Entwicklung der Angebots- und Nachfrageschocks auf den Ölpreis über einen Monat hinaus und auch keine Wechselwirkungen zur weltweiten ökonomischen Aktivität abgebildet werden können. Hierfür müsste ein volles SVAR-Modell geschätzt und die Impulsantwort-Reaktionen berechnet werden. Die daraus identifizierten Ölangebots- und Nachfrageschocks könnten extrahiert und deren Effekte auf die österreichische Energiepreisinflation bzw. Industrieproduktion abgeschätzt werden.

Literaturverzeichnis

Baumeister, C. und J. D. Hamilton. 2019 : Structural Interpretation of Vector Autoregressions with Incomplete Identification: Revisiting the Role of Oil Supply and Demand Shocks. American Economic Review 109(5). 1873–1910.

Caldara, D., Cavallo, M. und M. Iacoviello. 2019 . Oil price elasticities and oil price fluctuations. Journal of Monetary Economics 103. 1–20.

CNBC. 2026. U.S. is allowing Iranian oil tankers through Strait of Hormuz, says Bessent. https://www.cnbc.com/2026/03/16/us-is-allowing-iranian-tankers-through-strait-of-hormuz-says-bessent.html

Economist. 2026. https://www.economist.com/finance-and-economics/2026/03/03/the-nightmare-war-scenario-is-becoming-reality-in-energy-markets

Inoue, A. und L. Kilian. 2022. Joint Bayesian inference about impulse responses in VAR models. J. Econ. 231(2). 457–476.

International Energy Agency. 2026. Oil Market Report. March 2026. https://www.iea.org/reports/oil-market-report-march-2026

Kilian, L. 2022. Understanding the estimation of oil demand and oil supply elasticities. Energy Economics 107. https://doi.org/10.1016/j.eneco.2022.105844

Kilian, L. und D.P. Murphy. 2014. The role of inventories and speculative trading in the global market for crude oil. Journal of Applied Econometrics. Vol. 29. 454–478.

Kilian, L. und X. Zhou. 2018. Modeling fluctuations in the global demand for commodities. Journal of International Money and Finance. Vol. 88. 54–78.

Reuters. 2026a. Canada to support IEA release with 23.6 million barrels, energy minister says.

https://www.reuters.com/business/energy/canada-support-iea-release-with-236-million-barrels-energy-minister-says-2026-03-13/

Reuters. 2026b. Emergency stockpile oil coming soon to Iran-wracked markets, IEA says.

https://www.reuters.com/business/energy/emergency-stockpile-oil-coming-soon-iran-wracked-markets-iea-says-2026-03-15/

The Guardian. 2026. Will releasing millions of barrels of oil stockpiles really bring down fuel costs?

https://www.theguardian.com/business/2026/mar/11/iea-oil-reserves-stockpiles-release-price-per-barrel-analysis ?


  1. VAR-Modelle modellieren alle Variablen eines Gleichungssystems in Abhängigkeit von der vergangenen Entwicklung aller Variablen des Systems. Dadurch sind diese Modelle sehr gut geeignet, um dynamische Anpassungsprozesse in Folge exogener Schocks zu modellieren. ↩︎

  2. Dieser Wert wurde mittels der Mengen- und Preisveränderungen im Zuge der Invasion Kuwaits durch den Irak 1990 berechnet (siehe Kilian, 2022). Im August 1990 stieg die angebotene Ölmenge (exklusive Iran und Kuwait) um 1,17 % und der Ölpreis um 45,34 % (1,17 % / 45,34 % = 0,0258). Für die kurzfristige Nachfrageelastizität wurde die obere Grenze mittels empirischer Schätzwerte zur langfristigen Nachfrageelastizität (0,8) gesetzt (siehe Kilian, 2022). ↩︎

  3. Durchschnittliches weltweites Angebot (Produktion) an Rohöl und Rohölprodukten von Jänner bis November 2025 (Quelle: U.S. Energy Information Administration über Macrobond). ↩︎

  4. Seit Gründung der IEA Mitte der 1970er Jahre als Reaktion auf die damalige Ölkrise wurden fünfmal in koordinierter Weise Reserven freigegeben. Anlass waren der Golfkrieg 1990/91, die von den Hurrikans „Katrina“ und „Rita“ 2005 angerichteten Schäden in den USA sowie der Ausfall libyscher Ölexporte im Jahr 2011. Zuletzt wurden 2022 wegen des Ukraine-Kriegs nationale Ölreserven freigegeben, und das gleich zweimal (ORF.AT vom 11. März 2026: Iran-Krieg: IEA will Rekordmenge an Ölreserven freigeben - news.ORF.at ). ↩︎

  5. Die höchste je erfolgte Freigabe belief sich laut The Guardian (2026) auf 2,5 Mio Fass pro Tag. ↩︎

  6. Die Preisänderung ergibt sich durch \(\%\mathrm{\Delta}p = \frac{\%\mathrm{\Delta}u^{D} - \%\mathrm{\Delta}u^{S}}{\varepsilon^{D} + \varepsilon^{S}}\) ; die Mengenänderung durch \(\%{\mathrm{\Delta}q}^{D} = \%{\mathrm{\Delta}q}^{S} = \frac{\varepsilon^{S}\%\mathrm{\Delta}u^{D} + \varepsilon^{D}\%\mathrm{\Delta}u^{S}}{\varepsilon^{D} + \varepsilon^{S}}\). ↩︎

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