Studie zur Betroffenheit von digitaler finanzieller Exklusion
Zusammenfassung
Die zunehmende Digitalisierung des Zahlungsverkehrs geht mit Chancen einher, birgt aber auch das Risiko einer wachsenden finanziellen Exklusion in der Gesellschaft. Darunter versteht man, dass Menschen einen erschwerten Zugang zu wesentlichen Finanzdienstleistungen haben oder gänzlich von ihnen ausgeschlossen sind. Studien verweisen auf starke soziale Ungleichheiten hinsichtlich der Nutzungsmöglichkeiten digitaler Finanzdienste. Deshalb wird folgende Frage immer bedeutender: Wie können digitale Zahlungsmittel für alle Personen zugänglich und nutzbar gemacht werden?
Zwei Hauptmotive gab es für die vorliegende Studie: Zum einen sollte auf die generellen Bestrebungen eingegangen werden, digitale finanzielle Inklusion zu fördern. Zum anderen war auch der digitale Euro ein Auslöser, der als möglichst inklusives, barrierearmes Zahlungsmittel entwickelt und umgesetzt werden soll. In Österreich wird dieser Prozess durch eine Arbeitsgruppe unterstützt, die von der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) ins Leben gerufen wurde. Die umfassenden Vorarbeiten der Arbeitsgruppe „Finanzielle Inklusion“ des „Forum on the Digital Euro“ sind in die Konzeption und Ausgestaltung dieser Studie eingeflossen.
Bisher fehlten in Österreich belastbare quantitative Daten zum Ausmaß digitaler finanzieller Exklusion. Die vorliegende Studie adressiert diese Forschungslücke und schafft eine wissenschaftliche Grundlage für Maßnahmen zur Förderung digitaler finanzieller Teilhabe. Es wurde nicht nur die Gesamtbetroffenheit von digitaler finanzieller Exklusion in der österreichischen Bevölkerung ab 18 Jahren quantifiziert, sondern insbesondere die digitale finanzielle Exklusion innerhalb besonders ausgrenzungsgefährdeter Teilzielgruppen1erfasst. Konkret umfasste dies:
- Senior:innen im Alter von 61 bis 80 Jahren
- Senior:innen im Alter von über 80 Jahren
- Personen mit Behinderungen
- Armutsgefährdete und -betroffene Personen
- Personen mit Überschuldung oder Lohnpfändung
- Wohnungslose Personen
- Personen mit geringer Sprachkompetenz in deutscher Sprache
- Geflüchtete Personen (Asylwerber:in, asylberechtigt, subsidiär schutzberechtigt oder mit Duldungsbescheinigung)
Methodik
Für die Studie wurden österreichweit volljährige Personen befragt. Um größtmögliche Repräsentativität entlang zentraler soziodemografischer Merkmale herzustellen, kam ein Quotenverfahren2 mit disproportionaler Schichtung und anschließender Gewichtung zum Einsatz. Über einen multimodalen Befragungszugang (online, telefonisch, persönlich) konnten 868 Personen ab 18 Jahren aus ganz Österreich erreicht werden, womit die Schwankungsbreite der Ergebnisse bei rund 3,3% liegt. Zusätzlich wurde die Stichprobe gewichtet, um die geschätzten Bevölkerungsanteile besonders ausgrenzungsgefährdeter Gruppen abzubilden.
Auf Basis theoretischer und methodischer Vorüberlegungen wurden Skalen zur Nutzung von vier digitalen Zahlungsszenarien (E-Commerce, Peer-to-Peer, Point-of-Sale und Zahlungsannahme) und sieben Problemdimensionen erstellt und getestet. Als von digitaler finanzieller Exklusion betroffen wurden Personen eingestuft, die nach eigener Einschätzung digitale Finanzdienste über alle vier Zahlungsszenarien hinweg oder innerhalb einzelner Zahlungsszenarien gar nicht oder nur mit persönlicher Unterstützung nutzen konnten.
Zentrale Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen, dass digitale finanzielle Exklusion in Österreich zwar einen vergleichsweise kleinen Teil der Bevölkerung betrifft, sich aber stark auf einzelne Gruppen konzentriert. Über alle Zahlungsszenarien hinweg sind 8% der Gesamtstichprobe von digitaler finanzieller Exklusion betroffen, da sie digitale Finanzdienste nicht oder nur mit persönlicher Unterstützung nutzen können. Differenziert nach Zahlungsszenario betrifft dies mit 10% verstärkt die Nutzung digitaler Zahlungen zwischen Privatpersonen (Peer-to-Peer), gefolgt von 9% im Bereich E-Commerce. In den Szenarien Zahlungen an der Kasse (Point-of-Sale) und Zahlungsannahme bewegt sich der Exklusionsgrad mit je rund 6% unter dem Gesamtdurchschnitt.
Die Teilgruppe, die die genannten Zahlungsszenarien am stärksten nicht oder nur mit persönlicher Unterstützung nutzen kann und damit von digitaler finanzieller Exklusion betroffen ist, sind wohnungslose Personen (45%). An zweiter Stelle stehen Personen mit geringer Sprachkompetenz in deutscher Sprache (36%), geflüchtete Personen, Personen mit Behinderungen (jeweils 22%) und Senior:innen über 80 Jahre (18%). Letztere geben auch mit Abstand am häufigsten an, digitale Finanzdienste nicht nutzen zu wollen. Innerhalb der Gruppe der Menschen mit Behinderungen sind vor allem Menschen mit Lernschwierigkeiten stark exkludiert. Die erhöhte Betroffenheit geflüchteter Personen hängt neben strukturellen Faktoren auch mit sprachlichen Barrieren zusammen. Daher werden diese bei den nachfolgend hervorgehobenen Zielgruppen weitgehend über die Dimension der Sprachkompetenz mitberücksichtigt.
Anhand der Befragungsergebnisse lassen sich vier Gruppen hervorheben, die stark vom Risiko digitaler finanzieller Exklusion betroffen sind. Ihnen sollte besondere Aufmerksamkeit zuteil werden, wenn Maßnahmen zur Förderung digitaler finanzieller Teilhabe getroffen werden und der digitale Euro ausgestaltet wird:
- Wohnungslose Personen
- Senior:innen über 80 Jahre
- Personen mit geringer Sprachkompetenz in deutscher Sprache
- Menschen mit Behinderungen und hier insbesondere Menschen mit Lernschwierigkeiten
Als Hauptursachen für digitale finanzielle Exklusion erweisen sich insgesamt vor allem ein geringes Vertrauen in die Datensicherheit (32 %) sowie mangelnde Unterstützung im persönlichen Umfeld oder durch Servicepersonal (24 % bzw. 19 %). Es folgen Probleme mit Sprache und Zugänglichkeit (19 %), Stress- und Zeitbelastung (15 %), geringe digitale Kompetenzen (10 %) sowie geringe finanzielle Mittel (7 %).
Aus den unterschiedlichen Ursachen für die Exklusion folgt die Notwendigkeit, Maßnahmen zur Förderung der digitalen finanziellen Inklusion zielgruppenspezifisch auszurichten. Bei hochbetagten Menschen stehen vor allem der Aufbau von Vertrauen, persönliche Unterstützungsangebote sowie der Erhalt analoger Zugangswege im Vordergrund. Für Personen mit geringen Deutschkenntnissen sind mehrsprachige Informationen sowie Sprachförderung und Förderung digitaler Kompetenzen zentral. Bei wohnungslosen Menschen gilt es insbesondere, finanzielle und technische Zugangshürden abzubauen. Essenziell für Menschen mit Behinderungen sind barrierefreie und nach den Prinzipien des „Universal Design“ entwickelte Zahlungsmittel. Die Einbindung Betroffener in die Entwicklung ist dafür zentral.
1Die Auswahl dieser Gruppen erfolgte auf Basis bestehender Vorarbeiten der Arbeitsgruppe „Finanzielle Inklusion“ des „Forum on the Digital Euro“ der Oesterreichischen Nationalbank, in der sowohl Interessenvertretungen dieser und anderer Gruppen wie auch Vertreter:innen von Zahlungsdienstleistern mitarbeiten.
2Als Quoten dienten die Merkmale Geschlecht, Alter, Bildungsgrad, Migrationshintergrund und Bundesland bzw. Urbanitätsgrad des Wohngebiets; Referenzwerte stammten hauptsächlich aus Daten der Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung der Statistik Austria.