Liegt Europas Zukunft in Asien? Die Landkarte des europäischen Außenhandels ändert sich

(14.01.2026)

Christian Alexander BelabedPaul Ramskogler

Die Landkarte des europäischen Außenhandels verschiebt sich und mit ihr die Frage, wo in Zukunft seine Chancen liegen. Noch vor zwanzig Jahren war der transatlantische Raum das unangefochtene Zentrum der europäischen Außenwirtschaft – die EU exportierte in die USA, investierte in das Vereinigte Königreich (UK) und orientierte sich wirtschaftlich klar nach Westen. Doch diese Gewissheiten geraten ins Wanken. China, Indien und die ASEAN-Staaten haben sich zu den neuen Wachstumslokomotiven der Weltwirtschaft entwickelt, während Brexit, Protektionismus und geopolitische Spannungen die Beziehungen zu den traditionellen Partnern belasten.

Dieser Blog vergleicht, wie sich die wirtschaftlichen Gewichte im europäischen Außenhandel zwischen dem angelsächsischen Raum und der sogenannten „Fernostachse“ entwickelt haben. Es zeigt sich, dass USA und UK zwar weiterhin die wichtigsten Handelspartner der EU sind, ihre relative Bedeutung jedoch unter Druck gerät – während Asien stetig an Bedeutung gewinnt.

Asiatische Zulieferer, transatlantische Kunden?

Grafik 1 zeigt die Entwicklung der Güterhandelsbilanz (netto) der EU mit ausgewählten Partnerländern – USA, UK, China, Indien und den ASEAN-Staaten – in Prozent des EU-BIP von 2000 bis 2024. Der angelsächsische Raum (USA und UK) leistet über den gesamten Zeitraum hinweg klar den größten positiven Beitrag zur EU-Handelsbilanz, wenn auch zuletzt mit leicht sinkender Tendenz.

Gleichzeitig ist die Defizitposition gegenüber China deutlich – seit etwa 2015 sogar stark beschleunigt – angewachsen, während die Handelsbilanz mit den ASEAN-Staaten und Indien zwar negativ bleibt, sich aber im Zeitablauf kaum verändert hat. Vereinfacht gesagt zeigt die Grafik, dass die EU in den transatlantischen Raum exportiert und aus Asien importiert.

Asien gewinnt als Exportpartner an Gewicht
Geht man jedoch tiefer, zeigt sich, dass diese einfache Betrachtung nur oberflächlich korrekt ist. Während die Nettoexporte zeigen, mit welchen Partnern die EU-Überschüsse oder Defizite erzielt – also, wo sie im Handel „gewinnt“ oder „verliert“ –, macht die getrennte Betrachtung der Exporte und Importe die tatsächliche wirtschaftliche Verflechtung sichtbar. Grafik 2 verdeutlicht diese Verschiebung.

Auch hier zeigt sich, dass der angelsächsische Raum (USA und UK) über den gesamten Zeitraum hinweg den größten Anteil am EU-Außenhandel einnimmt, insbesondere auf der Exportseite, allerdings mit abnehmender Tendenz. Wichtig ist aber, dass parallel dazu die Handelsverflechtungen mit Asien spürbar an Gewicht gewinnen. Nicht zuletzt begünstigen der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU („Brexit“) sowie die protektionistische Handelspolitik der US-Administration diese Entwicklung. Auf der Importseite war dies in Grafik 1 bereits klar. Grafik 2 zeigt nun auch, dass Chinas Anteil an den EU-Importen kontinuierlich stieg, während auch die ASEAN-Staaten und Indien im Gesamtbild stärker ins Gewicht fallen. Doch auch die Exporte nach Asien haben spürbar an Bedeutung gewonnen.

Europas Außenumfeld: Die Bedeutung Asiens nimmt zu
Die zukünftige handelspolitische Bedeutung der Regionen verdeutlicht Grafik 3. Sie zeigt das BIP-Wachstum wichtiger Handelspartner der EU (ab 2025 Prognosewerte des IWF), gewichtet nach deren Anteil an den EU-Exporten. Für die Gewichtung verwenden wir die Handelsverflechtungen des Jahres 2024 und nehmen an, dass sie über den Prognosezeitraum konstant bleiben. Auffällig ist, dass der angelsächsische Raum (USA und UK) in dieser Betrachtung weiterhin wichtig für die EU ist. Die relative Bedeutung nimmt aber im Zeitverlauf zugunsten des asiatischen Raums ab. Ignoriert man die Verwerfungen der Pandemiejahre 2020 bis 2022, so ist das nach Exportanteilen gewichtete Wachstum Asiens (Summe aus Indien, China und ASEAN) nie geringer als jenes der USA und UK zusammen.

Insgesamt deutet die Grafik auf einen allmählichen Übergang hin: Der angelsächsische Raum bleibt für den EU-Außenhandel prägend, doch die wachsende wirtschaftliche Dynamik in Asien erhöht die relative Bedeutung Asiens für die Wachstumsdynamik des europäischen Außenhandels.

Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der europäischen Handelspolitik wider: In den vergangenen Jahren hat die EU mit Vietnam, Indonesien und Singapur Handelsabkommen geschlossen und verhandelt aktuell mit Indien, Malaysia und den Philippinen. Langfristig dürfte sich die Achse der externen Nachfrage daher schrittweise in Richtung Asien verschieben – weg von der traditionellen transatlantischen Orientierung hin zu einer stärker diversifizierten, globaleren Ausrichtung.

Zwischen Tradition und Neuausrichtung
Der angelsächsische Raum bleibt für Europa – zumindest vorerst – unverzichtbar. Gleichzeitig empfiehlt sich eine schrittweise, strategische Öffnung Europas in andere Richtungen. Der Abschluss von Freihandelsabkommen mit Ländern wie Vietnam, Indonesien und Singapur sowie laufende Verhandlungen mit Malaysia und Indien verdeutlichen diesen Kurs. Gerade Indien könnte als geopolitischer Gegenspieler zu China eine Schlüsselfunktion einnehmen – sowohl als Absatzmarkt wie auch als Produktionsstandort. Immerhin ist der Euroraum bereits der wichtigste Direktinvestor in Indien (und der drittwichtigste in den ASEAN-Staaten).

Ausblick
Die wirtschaftliche Landkarte der Welt wird gerade neu gezeichnet – und Europa steht mittendrin. Zwischen alter Vertrautheit im Westen und neuen Chancen im Osten muss es lernen, beides zu verbinden: Stabilität in der Partnerschaft mit den USA und Offenheit für das Wachstum Asiens. Die Zukunft wird nicht mehr nur transatlantisch oder fernöstlich sein, sondern fragmentierter. Entscheidend ist, ob Europa diesen Wandel aktiv mitgestaltet – oder ihm lediglich hinterherläuft.

Die zum Ausdruck gebrachten Ansichten müssen nicht zwingend mit den Ansichten der OeNB bzw. des Eurosystems übereinstimmen.