Violine, Antonio Stradivari, Cremona, 1722, „ex Rawack“

Druckzettel: ,,Antonius Stradiuarius Cremonensis / Faciebat Anno 1722“ (722 handschriftlich)

Das Instrument stammt aus Stradivaris letzter Schaffensperiode, er hatte zu dieser Zeit bereits das 80. Lebensjahr erreicht. Seine beiden Söhne Francesco (* 1671) und Omobono (* 1679) waren damals bereits erfahrene Geigenbauer und arbeiteten in seiner Werkstätte. Details der Ausführung der nach 1720 entstandenen Instrumente weisen auf ihre Mitarbeit hin, was jedoch der klanglichen Kapazität dieser späten Instrumente keinen Abbruch tut. Die Geige aus dem Jahr 1722 wurde vermutlich über die Innenform mit der Bezeichnung „P“ gebaut, die sich heute im Museo del Violino in Cremona befindet (Inv.-Nr. MS 44). Mithilfe dieser großen Innenform wurden mehrere der klanglich besten Stradivari Geigen gefertigt. Die zweiteilige Decke ist in der Mitte sehr feinjährig, zu den Rändern hin nimmt die Breite der Jahresringe zu. Die beiden Deckenhälften sind nicht stammgleich und konnten mit 1688 (Bassseite) bzw. 1694 (Diskantseite) datiert werden. Bei beiden Deckenhälften ergaben sich hohe Übereinstimmungen mit anderen italienischen Instrumenten, vor allem mit solchen von Stradivari. Bassseitig findet sich, wie bei den Stradivaris aus den Jahren 1716 („ex Baron Oppenheim“) und 1725 („Chaconne“), über dem F-Loch  ein kleiner, eingewachsener Ast. Der Boden im Spiegelschnitt ist einteilig und zeigt breite, unregelmäßige Flammen, die leicht zur Bassseite abfallen. Etwas engere Flammen weisen die Zargen und der Kopf auf. Die Wölbung ist flach und verläuft sehr harmonisch. Bei den F-Löchern fällt eine leichte Asymmetrie auf. Die Voluten der Schnecke sind sauber gearbeitet und verlaufen sehr regelmäßig. Wie bei vielen Instrumenten Stradivaris waren die Fasen der Voluten ursprünglich mit dunklem Lack konturiert. Auf goldgelbem Grund liegt leuchtender, sehr heller, orangeroter Farblack.

Die Besitzerkette des Instruments lässt sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, wobei als erster prominenter Spieler der Geiger Fritz Kreisler (1875–1962) zu nennen ist. Kreisler wurde bereits mit sieben Jahren im Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde aufgenommen und schloss seine Ausbildung in Paris ab. Im Jahr 1887 gewann er den sehr prestigeträchtigen internen Wettbewerb des Pariser Konservatoriums. Nach seiner Rückkehr nach Wien nahm die Karriere einen steilen Verlauf. Sein erstes Konzert mit den Wiener Philharmonikern unter Hans Richter fand 1898 statt. Bei diesem Anlass spielte er eine Stradivari aus dem Jahr 1732, die ihm leihweise überlassen wurde. Den Aufzeichnungen der Firma W. E. Hill & Sons ist zu entnehmen, dass Kreisler ab 1897/98 die hier vorgestellte Stadivari besaß, diese allerdings 1901 wieder verkaufte.

Die Stradivari aus dem Jahr 1722 war früher unter dem Namen „Rawark“ bekannt, der richtige Name der Vorbesitzerin lautet jedoch Margarete Rawack. Von ihr ist eine handschriftliche Notiz erhalten, die anlässlich der Versteigerung des Instruments im Jahr 1983 bekannt wurde. Ein Lesefehler führte zur irrtümlichen Namensgebung. Margarete Rawack wurde am 29. Juni 1877 in Beuthen (Oberschlesien) geboren und studierte von 1903 bis 1907 in Berlin bei Joseph Joachim. Anschließend dürfte sie hauptsächlich als Pädagogin tätig gewesen sein, ab 1925 war sie in Berlin Mitglied eines Damen-Streichquartetts. Wegen ihrer jüdischen Abstammung wurde ihr 1933 die Lehrbefugnis und damit die Lebensgrundlage entzogen. Um 1939 oder 1940 emigrierte sie nach Harrow in England. In dem oben erwähnten Dokument aus dem Jahr 1955 hielt sie fest, dass sie das Instrument bereits 1927 ihrem Neffen Wolfgang Michaelis geschenkt habe, es jedoch bis an ihr Lebensende benutzen durfte. Die Erben nach Michaelis ließen die Violine 1983 bei Sotheby’s versteigern.