Aktuelles

Monetary Policy and the Economy Q1-Q2/20

Call for applications: Klaus Liebscher Economic Research Scholarship

The Oesterreichische Nationalbank (OeNB) invites applications for the Klaus ­Liebscher Economic Research Scholarship. This scholarship program gives outstanding researchers the opportunity to contribute their expertise to the research activities of the OeNB’s Economic Analysis and Research Department. This ­contribution will take the form of remunerated consultancy services.

The scholarship program targets Austrian and international experts with a ­proven research record in economics and finance, and postdoctoral research experience. Applicants need to be in active employment and should be interested in broadening their research experience and expanding their personal research networks. Given the OeNB’s strategic research focus on Central, Eastern and South­eastern Europe, the analysis of economic developments in this region will be a key field of research in this context.

The OeNB offers a stimulating and professional research environment in close proximity to the policymaking process. The selected scholarship recipients will be expected to collaborate with the OeNB’s research staff on a prespecified topic and are invited to participate actively in the department’s internal seminars and other research activities. Their research output may be published in one of the department’s publication outlets or as an OeNB Working Paper. As a rule, the consultancy services under the scholarship will be provided over a period of two to three months. As far as possible, an adequate accommodation for the stay in Vienna will be provided.

Applicants must provide the following documents and information:

  • a letter of motivation, including an indication of the time period envisaged for the consultancy
  • a detailed consultancy proposal
  • a description of current research topics and activities
  • an academic curriculum vitae
  • an up-to-date list of publications (or an extract therefrom)
  • the names of two references that the OeNB may contact to obtain further information about the applicant
  • evidence of basic income during the term of the scholarship (employment contract with the applicant’s home institution)
  • written confirmation by the home institution that the provision of consultancy services by the applicant is not in violation of the applicant’s employment contract with the home institution

Please e-mail applications to scholarship@oenb.at by the end of October 2020.

Applicants will be notified of the jury’s decision by end-November.

Editorial

25 Jahre EU-Mitgliedschaft Österreichs – Stabilität und Wachstum durch Integration

Österreich trat am 1. Jänner 1995 – zusammen mit Finnland und Schweden – der Europäischen Union (EU) bei. Der EU-Beitritt war von politischen, insbesondere aber von ökonomischen Argumenten getragen. Österreich als kleine offene Volkswirtschaft inmitten Europas hatte sich bereits als Mitglied der Europäischen Freihandelsassoziation über das Freihandelsabkommen mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1973 und durch die Teilnahme am Europäischen Wirtschaftsraum 1994 handelspolitisch an die EU angenähert. Aber erst der EU-Beitritt eröffnete den uneingeschränkten Zugang zum EU-Binnenmarkt und ermöglichte in weiterer Folge den Beitritt zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion im Jahr 1999.

Der EU-Beitritt hat in allen ökonomischen Bereichen deutliche Spuren hinterlassen und als Katalysator für notwendige Veränderungen gewirkt, insbesondere im Außenhandel, beim realen BIP-Wachstum, auf die Einkommens- und Produktivitätsentwicklung, auf dem Arbeitsmarkt und den Finanzmärkten sowie im Regulierungsbereich. Eine Vielzahl von empirischen Studien haben Österreich substanzielle positive Wachstumseffekte, einhergehend mit einer deutlichen ­Zunahme der Beschäftigung bescheinigt 1 , wobei die stärksten wirtschaftlichen Impulse von der Teilnahme am Binnenmarkt und den EU-Erweiterungen ausgegangen sein dürften, wie der Beitrag von Breuss in diesem Heft bestätigt. Es wäre aber zu kurz ­gegriffen, die EU/WWU (Wirtschafts- und Währungsunion)-Mitgliedschaft nur an den ökonomischen Effekten auf die österreichische Volkswirtschaft zu messen, da die Mitgliedschaft weitreichende und insbesondere langfristige Implikationen für das österreichische Institutionengefüge und damit für die wirtschafts-, geld- und finanzpolitischen Entscheidungsprozesse sowie -Entscheidungsträgerinnen und -träger hatte. Darüber hinaus ­ermöglichte der EU/WWU-Beitritt Österreich die aktive wirtschafts- und gesellschaftspolitische Mitgestaltung Europas. Das gilt nicht nur für die nach 1995 ­erfolgten EU-Erweiterungsrunden und die konkrete Ausgestaltung der Wirtschafts- und Währungsunion sowie die Umsetzung der Geldpolitik des Eurosystems, ­sondern auch für die Reformierung und Weiterentwicklung des gesamten EU-­Regelwerks.

Die letzten Jahrzehnte waren zwar durch ein stetes wirtschaftliches Zusammen­wachsen gekennzeichnet; die politische Konvergenz ist aufgrund der Komplexität der Interessenslagen zwischen den Mitgliedsländern aber ein vergleichsweise langsamer und fordernder Prozess, begleitet von herben Rückschlägen, wie dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU. Die in engem Konnex mit der ­Globalisierung stehenden neuen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Herausforderungen, wie jene der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 oder die jüngst aufgetretene, den Wohlstand und das Leben der Menschen bedrohende COVID-19-Pandemie, erfordern aber mehr denn je das gemeinsame Agieren der EU-­Mitgliedstaaten. Lokale bzw. regionale Krisen und Konflikte entwickeln sich aufgrund der starken weltweiten Handels- und Produktionsverflechtungen im ­historischen Vergleich immer öfter und schneller zu globalen Krisen. Die Bekämpfung und Abfederung der Folgen von derartigen globalen Herausforderungen kann auf der Ebene der EU/WWU effektiver als auf nationalstaatlicher Ebene wahr­genommen werden. Ein Beispiel dafür ist die gemeinsame Geldpolitik des Eurosystems. Ausgehend von der erfolgreichen, aber im Zuge der Liberalisierung des Kapitalverkehrs nicht mehr umsetzbaren Hartwährungspolitik ist die Oester­reichische Nationalbank seit 1999 Teil des Eurosystems und nimmt damit gleichberechtigt mit den anderen europäischen Notenbanken an allen wichtigen Entscheidungsprozessen des Europäischen Systems der Zentralbanken teil.

Die OeNB nimmt die 25-jährige EU-Mitgliedschaft Österreichs zum Anlass, die vorliegende Ausgabe von „Monetary Policy and the Economy“, einer Quartalspublikation der OeNB, für eine Rückschau und Bestandsaufnahme der Mitgliedschaft aus österreichischer Perspektive zu nutzen. Diese Publikation ist Teil einer Trilogie: Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der WWU-Mitgliedschaft publizierte die OeNB im Jahr 2019 eine Sonderausgabe mit dem Titel „20 years of the euro in Austria“. Im Jahr 2018 wurde mit Bezug zur EU-Ratspräsidentschaft Österreichs eine Sonderausgabe mit dem Titel „Europe 2030: building a more resilient European monetary union“ herausgegeben, die sich mit der Frage auseinandersetzte, ob die EU ihre Mechanismen zur Krisenprävention und -absorption hinreichend verbesserte, um kommenden Krisen besser begegnen zu können.

Die EU-Mitgliedschaft und insbesondere die Nutzung des EU-Binnenmarkts sind – wie auch von der ökonomischen Theorie postuliert – von positiven Wachstums­effekten und damit von positiven Effekten auf Einkommen und ­Beschäftigung begleitet. Der erste Beitrag von Breuss bestätigt die erheblichen, wachstumssteigernden Effekte der 25-jährigen EU-Mitgliedschaft auf Österreichs Volkswirtschaft, die von der Nutzung des Binnenmarkts, von der verstärkten ­Handelsverflechtung mit den anderen Mitgliedstaaten sowie von den EU-Erweiterungsrunden und vom Beitritt zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion ausgegangen sind. Er bestätigt damit die Ergebnisse einer Vielzahl von ­empirischen Studien zu den Wirkungen der EU-Integration auf Österreich.

Stehrer geht im darauffolgenden Beitrag der Frage nach, wie sich die EU-­Osterweiterungen auf die österreichische Volkswirtschaft auswirkten. Österreich hatte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs rasch wieder seine historischen ­Handelsbeziehungen mit den zentral-, ost- und südosteuropäischen Ländern aufgenommen bzw. ausgeweitet. Die EU-Erweiterungsrunden intensivierten die wirtschaftlichen Verflechtungen mit dieser Region erheblich, sodass nun bereits ein Viertel der österreichischen Exporte in diese Region gehen. Stehrer zeigt, dass die zentrale Lage Österreichs in Europa und die Nähe zu Deutschland eine wichtige Rolle dafür spielten, dass Österreich von den stark wachsenden Volkswirtschaften in Zentral- und Osteuropa, von der Integration in die europäischen Produktionsnetzwerke und dem sich daraus ergebenden Muster der europäischen Arbeits­teilung, d. h. den Agglomerations- und Spezialisierungstendenzen, vergleichsweise stark profitierte.

Der Beitritt zur EU bzw. zum EU-Binnenmarkt eröffnete für österreichische Unternehmen neue Absatzchancen, einhergehend mit erhöhter Konkurrenz und steigendem Lohndruck. Das wirkt sich stark auf die Entwicklung der Produktivität und Gewinnspannen aus. Die Produktivität je geleisteter Arbeitsstunde ist in ­Österreich im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hoch. Fenz, Ragacs, Schneider, Vondra analysieren in ihrem Beitrag, welche Faktoren die Entwicklung dieser beiden zentralen Größen der Leistungsfähigkeit von Unternehmen und Volkswirtschaften seit dem EU-Beitritt 1995 in Österreich trieben. Neben Innovation, Ausbildung, Markteffizienz und Infrastruktur kommt institutionellen ­Rahmenbedingungen und damit auch der Mitgliedschaft Österreichs in der EU/WWU eine zentrale Rolle zu. Die Autoren untersuchen, welche Wirtschafts­sektoren und welche Produktionsfaktoren für das Produktivitätswachstum in ­Österreich entscheidend gewesen sind und welchen Einfluss der Strukturwandel auf das Produktivitätswachstum hatte. Auf Basis einer Shift-Share-Analyse kommen sie zum Ergebnis, dass das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum durch das Wachstum innerhalb einzelner Branchen erklärt wird, während sektorale Strukturverschiebungen das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum ­gedämpft haben, da Branchen mit hoher Produktivität zugunsten von Branchen mit niedriger Produktivität an Bedeutung verloren haben und angebotsseitig insbesondere die Gesamtfaktorproduktivität das Produktivitätswachstum trägt. Sie zeigen auch, dass auf makroökonomischer Ebene ein sehr enger Zusammenhang zwischen dem Produktivitätswachstum je geleisteter Arbeitsstunde und der Veränderung der Gewinnquote zu beobachten ist.

Stiglbauer untersucht in seinem Beitrag den Einfluss des EU-Beitritts und damit der Arbeitnehmerfreizügigkeit auf die Arbeitsmarktentwicklung bzw. die Zusammensetzung des Arbeitskräftepotenzials in Österreich. Im Verlauf der letzten 2 ½ Dekaden hat die Beschäftigung aus den alten und vor allem aus den neuen EU-­Mitgliedsländern stark zugenommen. Diese Arbeitskräftezuwanderung aus der Europäischen Union hat die demografisch bedingte Verlangsamung des Wachstums der heimischen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter abgemildert und dadurch einen beträchtlichen Beitrag zur Beschäftigung und zum Wirtschaftswachstum in Österreich geleistet. Der Autor zeigt, dass die zuwandernden Beschäftigten aus anderen EU-Ländern meist männlich, jung und gut ausgebildet sind, dass sich die Zuwanderung gut mit der Größe, der geografischen Distanz und dem durchschnittlichen Einkommen der Herkunftsländer erklären lässt, und dass Arbeit­nehmerinnen und -nehmer aus den alten EU-Ländern eher im Westen Österreichs, jene aus den neuen Mitgliedstaaten vor allem in den östlichen Bundesländern ­beschäftigt sind. Während die Arbeitskräfte aus den alten EU-Ländern vornehmlich in akademischen und technischen Berufen arbeiten, sind jene aus den neuen ­EU-Mitgliedstaaten vor allem als Hilfskräfte sowie in Dienstleistungs- und Handwerksberufen tätig. Sie finden sich insbesondere im Gastgewerbe, in der Arbeitskräfteüberlassung, im Bauwesen und im Handel.

Der freie Dienstleistungsverkehr und die Niederlassungsfreiheit bilden neben dem freien Warenverkehr, dem freien Kapitalverkehr und der Personenfreizügigkeit die Eckpfeiler des EU-Binnenmarkts. Sie ermöglichen die Mobilität von Unter­nehmen und Arbeitskräften innerhalb der EU, ihre Umsetzung gestaltet sich ­allerdings schwierig. So wurde erst 2006 die EU-Dienstleistungsrichtlinie verabschiedet, um die nach wie vor bestehenden Einschränkungen der Dienstleistungsfreiheit innerhalb des Binnenmarkts zu beseitigen. Auch Österreich reagierte, wie andere Mitgliedstaaten, zögerlich und implementierte die Richtlinie erst im Jahr 2012. Kolleritsch und Walter untersuchen in ihrem Beitrag die Entwicklung der unternehmensnahen Dienstleistungsexporte nach regionalen und sektoralen Aspekten und anhand von unternehmensspezifischen Eigenschaften, wie Wirtschaftsbranche, Größe bzw. Beschäftigtenzahl oder Spezialisierung seit dem ­EU-Beitritt. Sie finden eine hohe Persistenz der Dienstleistungsexportbeziehungen Österreichs mit der EU, aber nur eine (relativ) beschränkte Wachstumsdynamik sowie Umschichtungen hin zu den Mitgliedstaaten des Euroraums und zu nicht an Österreich angrenzende EU-Erweiterungsländer. Der Export von unternehmensnahen Dienstleistungen in andere EU-Länder wird von Transportdienstleistungen dominiert, gefolgt von den – zunehmend an Bedeutung gewinnenden – technologie­intensiven Dienstleistungen. Versicherungs- und Finanzdienstleistungsexporte ­haben infolge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise allerdings stark abgenommen. ­Interessant ist, dass der Dienstleistungsverkehr mit den EU-Mitgliedstaaten weniger wissensintensiv ist als mit Drittstaaten.

Gemäß Außenwirtschaftstheorie führen regionale Wirtschaftsintegrations­abkommen durch präferenzielle Handelsregelungen oder die Schaffung eines ­gemeinsamen Binnenmarkts oder einer Währungsunion sowohl für die teil­nehmenden Länder als auch für Drittländer zu einer Erhöhung der ausländischen Direktinvestitionen. Christen und Falk analysieren in ihrem Beitrag anhand eines FDI-Gravitationsmodells, das Informationen über 200.000 Direktinvestitions­projekte im Zeitraum von 2003 bis 2018 enthält, die Auswirkungen des EU-Beitritts auf Greenfield-Direktinvestitionen. Sie kommen zum Ergebnis, dass die EU-­Mitgliedschaft für Bulgarien und Rumänien – anders als für Kroatien – von großen und signifikanten Effekten auf Greenfield-Direktinvestitionen begleitet war. Die Anzahl der angekündigten Greenfield-Direktinvestitionsprojekte österreichischer multinationaler Unternehmen in Bulgarien und Rumänien ist in den ersten drei Jahren nach dem Beitritt stark angestiegen gestiegen. Die größten Effekte waren aber bereits im Jahr vor dem Beitritt zu beobachten.

Ein sehr starker Stimulus ging von der EU-Mitgliedschaft bzw. bereits zuvor von der Ostöffnung und den EU-Erweiterungsrunden auf den österreichischen Bankensektor aus. Die großen österreichischen Banken erkannten, wie Kavan und Wittenberger in ihrem Beitrag zeigen, sehr schnell die Chance, den margen­schwachen Heimatmarkt nach Zentral-, Ost- und Südosteuropa (CESEE) zu erweitern. Durch Bankneugründungen und -zukäufe fassten sie nach der Ostöffnung rasch Fuß in dieser Region, wobei die Aussicht auf mögliche EU-Beitritte dieser Länder eine Reform- und Aufbruchstimmung bedingte, die mit einer überaus ­dynamischen Kreditvergabe, die vorerst hohe Gewinne erbrachte, einherging. Das starke Kreditwachstum in diesen Ländern, das oftmals in Fremdwährungen erfolgte und durch die Mutterbank refinanziert wurde, bedeutete eine starke ­Zunahme des Risikos in den Bankbilanzen, das im Zuge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise schlagend wurde und zu hohen Kosten führte. Dem folgte eine Phase der Konsolidierung und der verschärften Regulierung, insbesondere die Implementierung makroprudenzieller Maßnahmen zur Hintanhaltung von Risiken für die ­Finanzmarktstabilität. Der wirtschaftliche Aufholprozess dieser Länder bietet aber grundsätzlich weiterhin ein beachtliches Wachstums- und Ertragspotenzial für die heimischen Banken, obgleich es mit anhaltenden Herausforderungen für die Banken­aufsicht einhergeht.

Das grenzüberschreitende Agieren von Unternehmen, Finanzinstitutionen und anderen Wirtschaftsakteuren im Binnenmarkt führt zur Notwendigkeit einheitlicher europäischer Regulierungsmaßnahmen bzw. gemeinsamer Spielregeln. Dies gilt sowohl für den realwirtschaftlichen Sektor als auch für den Finanzbereich, für den neben Wettbewerbsaspekten auch Finanzmarktstabilitätsaspekte in einer Währungsunion zu berücksichtigen sind. Zum Zeitpunkt des EU-Beitritts Österreichs war die EU-Bankenregulierung noch stark fragmentiert, eine EU-weite Harmonisierung, auch der Bankenaufsicht, noch sehr gering. Kaden, Boss und Schwaiger zeichnen in ihrem Beitrag die Harmonisierungsschritte ausgehend vom sogenannten Single Rule Book der Bankenregulierung bzw. die außerordentlich stark zunehmende Regelungsdichte infolge der Finanzkrise nach. Sie zeigen, dass im Zuge der Etablierung der Bankenunion eine zunehmende Konvergenz in der operativen Bankenaufsicht innerhalb des Euroraums erreicht wurde. Durch diese Entwicklungen, die in eine Verbesserung des Risikomanagements der Banken und der Risikotragfähigkeit des Bankensystems münden, ist der Bankensektor in der EU und damit auch in Österreich krisenresistenter als vor 25 Jahren geworden. Gleichzeitig haben sich auch die Wettbewerbsbedingungen im europäischen Banken­sektor deutlich angeglichen.

Der EU-Beitritt hat auch in der Wettbewerbspolitik Österreichs seine Spuren hinterlassen. Für das reibungslose Funktionieren des EU-Binnenmarkts ist die Wettbewerbspolitik von zentraler Bedeutung und demgemäß eine Kernaufgabe der Europäischen Union. Ohne das europäische Wettbewerbsrecht, das einen ­unverfälschten Wettbewerb sichert, wäre der Binnenmarkt nicht vorstellbar. Es ist ein Regulativ der marktwirtschaftlichen Ordnung, das auf die Verhinderung von wohlfahrtsmindernden privaten Absprachen und Praktiken und damit auf eine funktionierende Kartell-, Fusions- und Beihilfenkontrolle setzt. Die europäische Wettbewerbspolitik hat die Aufgabe, für Chancengleichheit auf dem europäischen Binnenmarkt zu sorgen – auch für kleinere und mittlere Unternehmen sowie für Beschäftigte und Verbraucherinnen und Verbraucher. Böheim zeichnet in seinem Beitrag die wettbewerbspolitischen Entwicklungen in Österreich seit 1995 nach. Die Wettbewerbspolitik spielte hierzulande lange Zeit keine nennenswerte Rolle. Erst die Übernahme des wettbewerbsrechtlichen Acquis Communautaire und der Anwendungsvorrang des Gemeinschaftsrechts vor nationalem Recht führten mit Verzögerungen zur Angleichung des österreichischen materiellen Wettbewerbsrechts an das Gemeinschaftsrecht und somit zu einer Neugestaltung der wett­bewerbspolitischen Institutionenlandschaft Österreichs. Jedoch sieht der Autor durchaus noch institutionelles Entwicklungspotenzial in Form der politischen ­Aufwertung einer unabhängigen, wettbewerbspolitischen Beratung durch eine ­gestärkte Wettbewerbskommission.

Die Inflationsentwicklung in Österreich unterlag in den letzten Jahrzehnten verschiedenen internationalen und nationalen Einflussfaktoren. Messner und ­Rumler untersuchen in ihrem Beitrag, inwieweit sich der Inflationsprozess in ­Österreich infolge der Veränderung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den letzten 25 Jahren, sei es durch den EU-Beitritt, die Gründung der WWU, die Globalisierung und die Finanz- und Wirtschaftskrise, verändert hat. Sie kommen zum Schluss, dass es über einen sehr langen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten in Österreich eine stabile Phillips-Kurve gab, d. h. einen positiven Zusammenhang zwischen Inflations- und Konjunkturentwicklung, der sich aber in den 1990er-Jahren abschwächte. Hierfür dürften externe Faktoren wie der EU-Beitritt, die Errichtung der WWU und die zunehmende Globalisierung verantwortlich zeichnen. Des Weiteren kommen sie zum Ergebnis, dass die Geldpolitik erst seit Beginn der WWU einen messbaren Einfluss auf die laufende Inflationsentwicklung in Österreich hatte.

Der EU-Beitritt brachte signifikante direkte fiskalische Effekte für Österreich mit sich, da Österreich einerseits zur Finanzierung des EU-Haushalts beitragen muss, andererseits aber auch Rückflüsse aus dem EU-Haushalt erhält. Der EU-Haushalt bildet nicht nur die finanziellen Verflechtungen der EU mit den einzelnen Mitgliedstaaten ab, sondern ist auch ein Spiegelbild der politischen Prioritäten der Europäischen Union, die sich im Lauf der Jahrzehnte immer wieder veränderten. Die Prioritätenverschiebungen lassen sich insbesondere an der Ausgestaltung der mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) der EU ablesen. Daher sind die Neu­verhandlungen eines mehrjährigen Finanzrahmens – die bereits seit 2018 laufenden ­Diskussionen zum MFR 2021–2027 zeigen dies deutlich – politisch äußerst ­herausfordernd, müssen doch die unterschiedlichen Interessenslagen der Mitglied-­staaten auf einen Nenner gebracht werden, um Einstimmigkeit in der Beschlussfassung zu erzielen. Köhler-Töglhofer und Reiss evaluieren in ihrem Beitrag die Entwicklung der politischen Prioritäten auf Basis der Veränderung der Ausgabenschwerpunkte sowie der Einnahmen des EU-Haushalts. Letztere waren über die Jahrzehnte ebenfalls starken Veränderungen unterworfen und wurden insbesondere durch diverse Rabatte auf die Mitgliedsbeiträge komplex und schwer durchschaubar. Die Autoren zeigen, dass Österreich seit dem Beitritt 1995 durchgehend Nettozahler in das EU-Budget war, allerdings auch an den Vorteilen des Rabattsystems partizipierte. Österreich profitiert darüber hinaus seit jeher vergleichsweise stärker als andere EU-Staaten mit hohem Bruttonationaleinkommen pro Kopf von den Rückflüssen aus den Mitteln der Agrarpolitik. Ein zu enger Blickwinkel auf den Nettozahlerstatus in den EU-Budgetverhandlungen birgt die Gefahr in sich, die erheblichen ökonomischen Vorteile, die die Nutzung des EU-Binnenmarkts für Österreich bringt, aus den Augen zu verlieren.

Der EU- und insbesondere der WWU-Beitritt tangieren das gesamte wirtschaftspolitische Entscheidungsgefüge Österreichs. Die geld- und fiskalpolitischen Rahmenbedingungen und die sich daraus ergebenden Effekte der gemeinsamen Geldpolitik auf Österreich wurden bereits im Rahmen der Sonderpublikation zu 20 Jahren Euro im Jahr 2019 diskutiert. Auböck und Prammer erörtern in der ­vorliegenden Publikation die wirtschafts- und strukturpolitische Koordinierung und die sich daraus für Österreich ergebenden wirtschaftspolitischen Reform­notwendigkeiten. Mit den Grundzügen der Wirtschaftspolitik versucht die EU ­bereits seit 1993, eine koordinierte Wirtschafts- und Haushaltspolitik aller Mitglieds­länder zu erreichen – ursprünglich, um ein tragfähiges Fundament für das Funktionieren der europäischen Währungsunion zu schaffen. Die wirtschaftspolitische Koordinierung sollte das Ausbalancieren aufkommender Ungleichgewichte zwischen den wirtschaftlich unterschiedlich starken Mitgliedstaaten der WWU, denen der Korrekturmechanismus des Wechselkurses nicht mehr zur Verfügung steht, unterstützen. Stark divergierende Lohn- und Preisentwicklungen in den Mitgliedstaaten, einhergehend mit einer auseinanderklaffenden Wettbewerbsfähigkeitsentwicklung und sich dadurch aufbauenden makroökonomischen Ungleichgewichten, sollten durch die Koordinierung der Wirtschafts- und Strukturpolitiken verhindert ­werden. Die im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise offenkundig gewordenen internen und externen makroökonomischen Ungleichgewichte resultierten in einer Reform des gesamten Koordinierungsmechanismus bzw. des gesamten wirtschaftspolitischen Regelwerks der EU. Mit dem neu geschaffenen Instrument der makroökonomischen Überwachung werden nunmehr im Rahmen des Europäischen Semesters wirtschaftspolitische Prioritäten für die einzelnen Mitgliedstaaten abgeleitet und in Form von länderspezifischen Empfehlungen an jedes ­Mitgliedsland gerichtet. Das gilt auch für Österreich, wo die EU – mitunter wieder­kehrende – Empfehlungen z. B. zur Senkung der Steuerlast auf Arbeit, zur Sicherung der langfristigen Tragfähigkeit des Pensionssystems, zur Verbesserung des Bildungs­systems oder der Anreizsysteme am Arbeitsmarkt sowie zur Erhöhung des Wettbewerbs (insbesondere im Bereich der Dienstleistungen) aussprach. Da allerdings die Umsetzung dieser länderspezifischen Empfehlungen rechtlich nicht bindend ist, tragen die Mitgliedsländer – und Österreich ist dabei keine Ausnahme – diesen Reformvorschlägen nur in einem recht geringen Maß Rechnung.

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Die durch die COVID-19-Pandemie ausgelöste weltweite, tiefe Rezession hat auch in den EU-Staaten, einschließlich Österreich, tiefe Spuren hinterlassen. Die Krise hat uns eindrucksvoll vor Augen geführt, dass derartige Schocks vor nationalen Grenzen keinen Halt machen. Geeignete gesundheits- und wirtschaftspolitische Antworten auf ein solches fundamentales Ereignis sind immer eine große Herausforderung und ein Stresstest für die Entscheidungsqualität und Robustheit staatlicher Institutionen. Antworten der Politik in derartigen Krisen erfolgen unvermeidlich mit beschränkter Information, unter hoher Unsicherheit und unter hohem Zeitdruck und werden rückblickend kaum jemals optimal erscheinen. Zählen wird, wie gut die Entscheidungen – gegeben die schwierigen realen Entscheidungs­bedingungen und die große Unsicherheit – im Vergleich zu anderen Ländern oder Wirtschaftsräumen ausfallen, wie die Ergebnisse für die Gesundheits- und Wirtschaftsentwicklung im globalen Ländervergleich sind und welche Auswirkungen eine derartige Krise langfristig auf Wirtschaft und Gesellschaft sowie für die ­Leistungsfähigkeit der staatlichen Institutionen hat.

Die Krise ist bei weitem noch nicht überwunden und ein abschließendes Urteil zu diesen Fragen wird noch längere Zeit ausstehen. Die Zeichen stehen jedoch zu Redaktionsschluss dieser Publikation Ende Juni 2020 gut, dass die EU im Vergleich zu anderen Teilen der Welt – auch im Vergleich zu entwickelten Volkswirtschaften wie den USA oder dem Vereinigten Königreich – die Gesundheitskrise insgesamt besser bewältigt haben wird. Die Geldpolitik des Eurosystems hat rasch und ­entschlossen reagiert, um die Wirtschaft vor einem noch stärkeren Einbruch zu bewahren, ein Abgleiten in eine Deflation zu verhindern und die Stabilität des ­Finanzsystems zu gewährleisten. Die Bankensysteme sind dank der verschärften EU-weiten Regulierung und der seit der globalen Finanzkrise aufgestockten Eigenkapitalpuffer in der aktuellen Krise deutlich stabiler und – unterstützt durch ­staatliche Maßnahmen – in der Lage, der Wirtschaft den nötigen Kredit zur Überbrückung der Krise zur Verfügung zu stellen. Die EU-Mitgliedsländer haben ­zudem rasch, entschlossen und gezielt die nötigen expansiven Unterstützungs­maßnahmen für die Unternehmen, die von der Krise betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie für spezifische Sektoren gesetzt. Die EU-Fiskal­regeln wurden zu diesem Zweck pragmatisch, lösungsorientiert und flexibel vorübergehend ausgesetzt.

Last but not least wurden auf EU-Ebene bedeutende gemeinsame Hilfsfonds auf den Weg gebracht, die bis Herbst 2020 fertig verhandelt sein sollten. Die neuen Hilfsfonds, die aktuell als vorübergehende Antworten auf die COVID-19-Krise konzipiert werden, sind ein bedeutendes Zeichen der Handlungskraft und des ­politischen Willens zur weiteren Entwicklung der EU und der Wirtschafts- und Währungsunion.

Gerade in Zeiten der Krise erweist es sich für eine kleine, offene Volkswirtschaft wie Österreich als Vorteil, Teil des großen Wirtschafts- und Währungsraumes der EU und der WWU zu sein. Denn, wie die Geschichte zeigt, hat die EU immer wieder – für manche überraschend – Resilienz und die Fähigkeit zur Weiter­entwicklung und Überwindung auch sehr großer Herausforderungen und anfänglicher Interessensunterschiede bewiesen. Der Wille zum offenen Dialog und zur Lösungsfindung durch Verhandlungen ist eines der Erfolgsrezepte der EU, sowohl im wirtschaftlichen als auch im breiteren gesellschaftlichen Kontext. Österreich wird als EU-Mitglied auch in Zukunft von dem großen gemeinsamen Gewicht und der gemeinsamen Problemlösungsfähigkeit dieser Staatengemeinschaft profitieren und deren weitere Entwicklung zum gemeinsamen Wohl aktiv mitgestalten.

Ernest GnanWalpurga Köhler-TöglhoferDoris Ritzberger-Grünwald

1 Siehe Beer, C., C. A. Belabed, A. Breitenfellner, C. Ragacs und B. Weber. 2017. Österreich und die europäische ­Integration. In: Monetary Policy & the Economy Q1/17. Wien: OeNB. 86–125.

Zusammenfassungen in Englisch

Macroeconomic effects of 25 years of EU membership for Austria

Fritz Breuss

Austria’s EU accession 25 years ago, alongside Finland and Sweden, was preceded by an extended period of convergence toward the EU. Even before joining the EU, Austria had been actively pursuing trade relations with its current peers. It first did so on the basis of a free trade agreement concluded with the European Economic Community (EEC) in 1973, more than a decade after which Austria had become a member of the European Free Trade Association (EFTA), and then through participation in the European Economic Area (EEA) in 1994. Following EU accession in 1995, Austria adopted all measures aimed at deepening EU integration (building an economic and monetary union and introducing the euro as a single currency as well as abolishing many of the EU’s internal borders via the Schengen Agreement). Austria also played an active part in all subsequent EU enlargement rounds. Implementing EU policies, Austria has modernized and Europeanized its economy, reaping corresponding economic benefits at all levels of EU integration. Economic evidence points to a real GDP growth dividend of 0.8 percentage points per year since 1995, attributable to Austria’s participation in EU’s internal market and monetary union as well as to the momentum of EU enlargement. The key growth drivers have been internal market participation (+0.4 percentage points) and EU enlargement (+0.3 percentage points), with the remaining 0.1 percentage point being related to the introduction of the euro. Even before EU accession, Austria had emerged as a social and economic gateway between Western and Eastern Europe after the fall of the Iron Curtain in 1989 and benefited from the opening-up of Eastern Europe. The EU enlargement rounds in 2004 and beyond reinforced these developments and enabled Austria to achieve, together with its neighbors, a kind of miniature globalization.

Convergence, production integration and specialization in Europe since 1995

Robert Stehrer

The development of the Austrian economy following EU accession on January 1, 1995, must be seen in the context of the European integration process that began after the opening up of Eastern Europe. This integration process was ­essentially characterized by (1) restructuring and catching-up processes in Central, Eastern and Southeastern European countries (CESEE), (2) the integration of the CESEE economies into European and global value chains fostered by ­international trade and foreign direct investment flows, and (3) the ensuing emergence of specialization and agglomeration patterns within Europe. Given Austria’s gateway position in Europe’s geographic and political landscape, EU accession created great challenges but unique opportunities alike for Austria. This paper reviews the development of the Austrian economy along these dimensions in a European context and discusses the outlook for future challenges.

Development of corporate productivity and profitability in Austria during EU membership

Gerhard Fenz, Christian Ragacs, Martin Schneider, Klaus Vondra

Austria outperforms the EU average in terms of labor productivity per hour worked while lagging behind its number one trading partner, Germany. In the period from Austria’s EU accession in 1995 until 2017, domestic labor productivity remained broadly 20% above EU-28 levels but 6% below the levels seen in Germany. Mirroring international trends, domestic productivity growth dropped when the financial and economic crisis hit in 2008, declining from 2% before the crisis to below 1% thereafter. A shift-share analysis shows that aggregate productivity growth has been driven by productivity growth within individual sectors, and that it has been dampened by structural change: Sectors with high productivity levels have been crowded out somewhat by sectors with low productivity levels. On the supply side, more than half of productivity growth is attributable to total factor productivity. From a macroeconomic perspective, productivity gains per hour worked have been closely correlated with profit share changes in Austria. Following an increase by 7 percentage points, the profit share peaked at 37% in 2007, before shrinking to 31% in 2017. Such a correlation is not evident from balance sheet data.

Assessing the impact of Austria’s EU accession and of EU enlargement on the domestic ­labor market

Alfred Stiglbauer

Austria’s EU accession has been a catalyst for the take-up of jobs by citizens from fellow EU Member States. Since 2004, and even more so since 2011, the increases in employment has been most pronounced for citizens from countries that joined the European Union in the EU enlargement rounds of 2004 and beyond. These employees have been making ­significant contributions to output growth in Austria. The immigration numbers from countries that joined the EU in 2004, 2007 or 2013 can be explained with the size of the respective home countries, their geographical proximity to Austria and their income levels. Within Austria, there is an east-west divide between citizens from the “newer” EU ­Member States, who tend to work in the eastern provinces, and citizens from the “older” EU Member States, who tend to work in the western provinces. In terms of socio-economic characteristics, other EU citizens working in Austria are ­typically male, young and well-educated. Citizens from the older EU Member States tend to hold academic or technical jobs, whereas citizens from the newer EU Member States tend to be in low-skilled jobs or in services and skilled trades jobs. Probit model estimates imply that unemployment risk has increased only moderately in Austria as a result of immigration from the newer EU Member States. However, this effect is more elevated for some occupations (people doing manual or mostly manual labor, and above all people in services and sales jobs).

Free movement of services within the EU’s Single Market: What have been the effects on Austria?

Erwin Kolleritsch, Patricia Walter

What have been the effects of EU accession and deeper EU integration on Austria’s services exports? We find that Austria’s closer integration with the EU has reinforced domestic export relations with other EU Member States but has ­generated only (relatively) limited growth dividends. The pattern of domestic exports has shifted toward other euro area countries and, beyond Austria’s immediate borders, toward EU accession countries. Apart from implicit trade restrictions, these developments were driven by less than full implementation of the Single Market, early efforts to build trade relations with Central, Eastern and Southeastern European economies and Austrian businesses’ propensity to take up the freedom of establishment within EU borders. While services exports within the EU are relatively more important for Austria than for comparable EU Member States, the comparative advantages Austria has gained from these exports are limited. Our results suggest that services trade within the EU is relatively more important for small ­businesses and Austrian-dominated companies, while trade with non-EU Member States is relatively more dominated by knowledge-based services and exports of manufacturing companies. Over time, the share of value added by Austrian services exports to the EU has been rising, but the corresponding final demand multipliers continue to be smaller for exports to other EU Member States than for exports to non-EU Member States.

Impact of EU membership on greenfield FDI

Elisabeth Christen, Martin Falk

Empirical studies agree that EU membership and the creation of the European Single Market in 1992 increased foreign direct investment (FDI) flows and stocks for the participating countries. However, it is likely that the FDI effect of economic integration will decrease over time as the number of EU Member States increases. This paper examines the impact of EU accession on greenfield investment relations between Austria and the EU, with a particular focus on the three latest additions to the EU (Bulgaria, Romania and Croatia) as well as selected non-EU Member States. We estimate the impact of EU membership for these countries using an FDI gravity model containing information on 200,000 FDI projects over the period 2003–2018 and distinguishing between sectors (services and manufacturing). The results show that the impact of EU membership on greenfield FDI is large and significant for Bulgaria and Romania, but not significant for Croatia. In particular, the number of greenfield FDI projects by Austrian multinational companies in Bulgaria and Romania increased by more than 200% in the years after accession, with the effects already occurring one year before accession. The results do not differ much between services and manufacturing..

Austrian banks’ expansion to Central, Eastern and Southeastern Europe

Milestones – review and outlook

Stefan Kavan, Tina Wittenberger

Austria’s major banks jumped at the opportunity of expanding their low-margin domestic operations by entering ­Central, Eastern and Southeastern European (CESEE) markets soon after the fall of the Iron Curtain. By establishing new banks and/or acquiring existing banks, they were able to rapidly gain a foothold in the region and benefit from the reform mood and growth momentum fueled by the prospect of potential EU membership for CESEE countries. ­Dynamic loan growth generated high profits, but the rapid expansion was not without downsides. Much of the lending occurred in foreign currencies and was refinanced by the parent banks. The underlying risks materialized when the global financial and economic crisis hit the region in 2009 and drove up (risk) costs, thus leading to a period of consolidation. Macroprudential measures designed to mitigate risks to financial stability were an important lesson learned by banking supervisors from the crisis, and Austria was no exception in this respect. With the economy recovering, the past few years have been characterized by an enhanced ability of clients to pay back their loans. However, the good profits have also been a consequence of re-accelerating credit growth, which has created new systemic challenges and necessitated macroprudential measures in several CESEE countries. The economic catching-up process in Austrian banks’ enlarged home market continues to provide the potential for significant growth and profits. At the time of writing, profitability and loan quality were good. Yet, the long recovery driven by credit growth and the recent weakening of the economy also come with numerous challenges, which banks and their supervisors will have to address.

Note: Time of writing before the COVID-19 pandemic.

Evolution of the European banking supervisory framework during Austria’s EU membership

Michael Kaden, Michael Boss, Markus Schwaiger

The European banking supervisory framework has changed fundamentally over time with regard to the objectives ­pursued, the legislative approaches adopted and the institutional arrangements used, and last but not least also with regard to the scope of regulation and supervision. When Austria joined the EU, the goal of establishing a single market was paramount. Policymaking was focused on removing obstacles to the freedom to provide services and the freedom of establishment, and on ensuring a level playing field across all Member States. Specific amendments to EU legislation in this regard were laid down in a range of EU directives, usually without providing for supporting institutional ­arrangements. At the turn of the new millennium, the focus shifted towards facilitating faster and more flexible regulation processes by setting up European regulatory agencies. This change was motivated by the urge to address emerging ­developments in financial markets in a timely manner and to advance financial integration to be able to gain higher benefits from monetary union. In parallel, EU legislators made an effort to stop adding to what was perceived as a flood of overly detailed legislation by putting “better regulation” principles at the heart of policymaking processes. The 2007 financial crisis, finally, significantly altered the motivation for regulation and hence the scope of the supervisory framework. Without abandoning earlier goals, EU law-making has since been dominated by efforts to address the regulatory deficiencies uncovered by the crisis and to prevent such crisis scenarios from re-emerging. Relying on directly applicable regulations as the instrument of choice, measures have been taken to strengthen the crisis resilience of individual financial institutions and the financial sector as a whole, and to establish European supervisory and regulatory mechanisms with a view to creating and eventually completing the – as yet incomplete – European banking union.

Competition policymaking in Austria: looking back and beyond after 25 years of EU ­membership

Michael Böheim

Competition policymaking to ensure the viability of the common market is among the priorities for policymaking by the European Union. In Austria, corporate competition remained a largely unregulated area in the post-WWII period, while in Germany academics and practitioners established a competition tradition and culture early on. Pro-competitive policymaking did not really take off in Austria until we joined the EU. The adoption of the acquis communautaire on competition law and the supremacy of Union law created sufficient external pressures for Austria to align, with some delay, the relevant material rules of domestic law with Union law and to redesign the institutional governance of ­competition. These changes curbed the influence of the social partners (labor, employers and the government), limiting their say in competition cases and their powers of initiative. The existing Cartel Court was retained as a decision-­making body alongside a newly established Federal Competition Authority, which was given extensive investigative and enforcement powers (from 2002). The Federal Competition Authority has since come to play a pivotal institutional role, unlike the Competition Commission (also established in 2002), which has remained rather insignificant in the absence of the political will to seek independent advice for competition policymaking. However, there is a case for strengthening the role of the Competition Commission: it could serve as a catalyst or developing a grand design for Austria’s competition policy.

Long-term drivers of inflation in Austria and the effects of EU accession

Teresa Messner, Fabio Rumler

The purpose of this study is to identify if and how the inflation process has changed in Austria in recent decades in line with the changing economic framework, including Austria’s accession to the EU, participation in Europe’s Economic and Monetary Union (EMU), the globalization of the economy and the financial and economic crisis of 2008/09. To this effect, we tested numerous specifications of an extended Phillips curve model for structural breaks and then ­estimated these specifications for several subperiods with time-varying coefficients using kernel smoothing techniques. These tests revealed three significant structural breaks: one break in the mid-1980s, a period generally associated with the beginning of the Great Moderation; another break in 1995, the year of Austria’s EU accession; and a third break in 2000, which coincided with EMU implementation. Our estimations yield a stable Phillips curve for Austria for most of the past 40 years. In other words, we find inflation growth to have been positively correlated with economic growth, apart from a temporary weakening of this relationship during the 1990s. During that period, the impact of external factors such as Austria’s EU accession, EMU implementation and globalization is likely to have increased. Interestingly, monetary policy did not start to have a measurable impact on inflation developments in Austria until around the time of EMU participation, which implies that the transmission of the Eurosystem’s stability-oriented monetary policy has been working effectively in Austria.

EU budget adjustments and their implications for Austria

Walpurga Köhler-Töglhofer, Lukas Reiss

The EU budget is the balance of fiscal flows within the EU and a reflection of the EU’s policy priorities. These priorities have changed significantly in recent decades, as evidenced above all by the shrinking share of agricultural spending in total EU spending. At the same time, the funding pattern has shifted and increased in complexity, as numerous budget correction mechanisms were introduced over the years to adjust contributions from certain Member States to the EU budget. Austria has been a net contributor ever since it joined the EU in 1995, but since the adoption of the EU’s financial framework for the 2001–2007 period it has also been benefiting from rebates for net paying Member States. Austria has, moreover, been receiving more money back through agricultural subsidies than other EU Member States with high per capita levels of gross national income. The financial framework for the 2021–2027 period, which has yet to be agreed, is bound to bring further changes. After all, the new European Commission will set new priorities and have to address the implications of Brexit for the EU budget. Judging from the proposals submitted for discussion by the European Commission to date, the EU’s agricultural and regional funds are likely to shrink further whereas COVID-19 recovery support programs and climate change projects are likely to be new big-ticket items.

EU economic policy recommendations and Austria’s implementation score

Maria Auböck, Doris Prammer

The EU’s broad economic policy guidelines, issued annually since 1993, play a central role in the coordination of EU Member States’ economic and fiscal policies. These guidelines define macroeconomic and structural policy priorities for both the EU as a whole and individual EU Member States, and serve as the basis for country-specific recommendations for each Member State. Austria has typically received policy guidance to shift taxes away from labor, ensure the long-term sustainability of its pension system, improve its educational system, provide more effective incentives to unlock untapped labor market potential and boost competition (e.g. in the service sector). However, since Member States are not legally bound to implement the country-specific recommendations, implementation rates are often low. Among the recommendations put to Austria since the first European Semester cycle in 2011, a mere 5% of recommendations have been fully implemented (EU: 9%), while 9% of recommendations (EU: 5%) have remained unaddressed. Implementation scores are generally high for the financial sector, where market pressures exert a profound influence on corresponding political action. Similarly, larger current account and budget deficits are associated with a greater likelihood of ­implementation, with financial market pressures, again, driving reforms.

Zusammenfassungen in Deutsch

Makroökonomische Effekte der 25-jährigen EU-Mitgliedschaft Österreichs

Fritz Breuss

Österreich ist – zusammen mit Finnland und Schweden – vor 25 Jahren der EU beigetreten. Als Mitglied der ­Europäischen Freihandelsassoziation (European Free Trade Association, EFTA) hat sich Österreich über das Freihandels­abkommen mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1973 und durch die Teilnahme am Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) 1994 handelspolitisch der EU bereits zuvor stark angenähert. Österreich hat mit dem Beitritt zur EU 1995 an allen darauffolgenden vertiefenden Schritten der EU-Integration (Wirtschafts- und Währungsunion, WWU mit der Einführung des Euro; Schengener Abkommen) und an der EU-Erweiterung teilgenommen. Politisch ist Österreich durch die EU-Mitgliedschaft europäischer und moderner geworden und auch ökonomisch hat es von ­allen Stufen der Integration profitiert. Die Teilnahme am EU-Binnenmarkt, an der WWU mit dem Euro und an den EU-Erweiterungen hat zu einem jährlichen Anstieg des realen BIP von 0,8 Prozentpunkten beigetragen. Die größten wirtschaftlichen Impulse kamen von der Teilnahme am Binnenmarkt (+0,4 Prozentpunkte) und der EU-Erweiterung (+0,3 Prozentpunkte); die Einführung des Euro steuerte 0,1 Prozentpunkte zum jährlichen BIP-Wachstum bei. Bereits durch die Ostöffnung 1989 rückte Österreich vom Rand Europas in dessen Mitte. Die EU-Erweiterungen beginnend ab 2004 verstärkten diese Entwicklung und erlaubten Österreich eine volle Teilhabe an der „Mini-Globalisierung“ vor der Haustüre.

Konvergenz, Produktionsintegration und Spezialisierung in Europa seit 1995

Robert Stehrer

Die Entwicklung Österreichs infolge des EU-Beitritts am 1. Jänner 1995 ist im Zusammenhang mit dem beginnenden europäischen Integrationsprozess infolge der Osteuropaöffnung zu sehen. Wesentliche Aspekte dieses Integrationsprozesses waren die (i) Umstrukturierungs- und Aufholprozesse der osteuropäischen Länder, (ii) die Einbindung in europäische und globale Wertschöpfungsketten und die damit einhergehende Entwicklung der Handelsströme und ­ausländischen Direktinvestitionen und (iii) die sich ergebende Entwicklung der Spezialisierungs- und Agglomerationsmuster innerhalb Europas. Aufgrund der geographischen, aber auch politischen Lage Österreichs zwischen West und Ost stellte der EU-Beitritt sowohl eine große Herausforderung als auch Chance dar. Die vorliegende Studie zeichnet die Entwicklung Österreichs entlang dieser Dimensionen im europäischen Kontext nach und diskutiert die daraus ­folgenden zukünftigen Herausforderungen.

Entwicklung von Produktivität und Profitabilität heimischer Unternehmen während der EU-Mitgliedschaft

Gerhard Fenz, Christian Ragacs, Martin Schneider, Klaus Vondra

Österreich weist eine – im europäischen Vergleich – überdurchschnittlich hohe Produktivität je geleisteter Arbeitsstunde auf. Im Zeitraum seit dem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 1995 bis zum Jahr 2017 liegt das Niveau rund 20% über jenem der EU-28, allerdings 6% unter dem des wichtigsten Handelspartners Deutschland. Diese ­Abstände haben sich im Beobachtungszeitraum von 1995 bis 2017 nicht wesentlich verändert. Das Produktivitätswachstum ist in Österreich – einem internationalen Trend folgend – von 2% vor der Wirtschafts- und Finanzkrise auf unter 1% danach zurückgegangen. Die Ergebnisse einer Shift-Share-Analyse zeigen, dass das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum durch das Wachstum innerhalb einzelner Branchen erklärt wird, während der Struktur­wandel das gesamtwirtschaftliche Produktionswachstum dämpft. Branchen mit einer hohen Produktivität haben ­zugunsten von Branchen mit einer niedrigen Produktivität an Bedeutung verloren. Angebotsseitig wird mehr als die Hälfte des Produktivitätswachstum in Österreich von der Gesamtfaktorproduktivität getragen. Auf makroökonomischer Ebene ist ein enger Zusammenhang zwischen dem Produktivitätswachstum je geleisteter Arbeitsstunde und der ­Veränderung der Gewinnquote in Österreich zu beobachten. Nach einem Anstieg um 7 Prozentpunkte erreichte die Gewinnquote im Jahr 2007 mit 37% ihren Höhepunkt im Beobachtungszeitraum und ging anschließend auf 31% im Jahr 2017 zurück. Ein ähnlicher Zusammenhang ist für Profitabilitätsmaße auf Basis von Bilanzkennzahlen nicht zu ­erkennen.

EU-Mitgliedschaft, EU-Erweiterung und die Auswirkungen auf den österreichischen ­Arbeitsmarkt

Alfred Stiglbauer

Seit dem EU-Beitritt kam es in Österreich zu einem Anstieg der Beschäftigung von Personen aus den „alten“ EU-­Mitgliedstaaten, seit dem Jahr 2004 und insbesondere seit 2011 zu einer deutlich stärkeren Beschäftigungszunahme aus den „neuen“ EU-Mitgliedstaaten. Diese Arbeitskräfte leisten einen bedeutenden Beitrag zum heimischen Wirtschaftswachstum. Die Zuwanderung aus den neuen EU-Mitgliedstaaten lässt sich gut durch die Größe der Herkunftsländer, ihre geografische Distanz und ihren Wohlstand relativ zu Österreich erklären. Bürgerinnen und Bürger der alten EU-Mitgliedstaaten arbeiten eher im Westen Österreichs, während jene der neuen Mitgliedstaaten vornehmlich in den östlichen Bundesländern Beschäftigung finden. Die Beschäftigten aus der EU sind überwiegend männlich, jung und gut ausgebildet. Während diejenigen aus den alten Mitgliedstaaten meist als Angestellte in akademischen und technischen Berufen tätig sind, sind die Beschäftigten aus den neuen EU-Mitgliedstaaten häufig Hilfsarbeitskräfte oder arbeiten in Dienstleistungs- und Handwerksberufen. Probit-Schätzungen ergeben, dass sich das Arbeitslosigkeitsrisiko durch die Zuwanderung aus den neuen EU-Mitgliedstaaten nur geringfügig erhöht hat. Bei einigen Gruppen von Beschäftigten (Arbeiter, Beschäftigte mit überwiegend manuellen Tätigkeiten sowie vor allem Dienstleistungs- und Verkaufsberufe) ist dieser Effekt aber höher.

Freizügigkeit des Dienstleistungsexports im EU-Binnenmarkt und Effekte auf die ­österreichische Wirtschaft

Erwin Kolleritsch, Patricia Walter

Wir gehen der Frage nach welche Effekte vom Beitritt Österreichs zur EU bzw. von deren Vertiefungsschritten auf die Entwicklung der Dienstleistungsexporte Österreichs ausgegangen sind. Wir finden eine hohe Persistenz der Exportbeziehungen Österreichs mit der EU, aber nur eine (relativ) beschränkte Wachstumsdynamik. Es gab relative ­Umschichtungen hin zu den Mitgliedsländern des Euroraums und zu den (nicht an Österreich angrenzenden) EU-­Beitrittsländern. Neben impliziten Handelsbeschränkungen und einem unvollständigen Binnenmarkt prägen der frühe Aufbau von Wirtschaftsbeziehungen mit Osteuropa und die Nutzung des Niederlassungsverkehrs die Entwicklung. Wenngleich der Dienstleistungsverkehr für Österreich relativ bedeutender ist als für vergleichbare EU-Mitgliedstaaten, sind die komparativen Handelsvorteile gering. Wir finden einerseits eine relativ höhere Bedeutung des EU-Binnenmarkts für kleinbetriebliche und heimisch dominierte Unternehmen; andererseits eine relativ höhere Bedeutung von wissensbasierten und von der Sachgüterindustrie getragenen Dienstleistungsexporten in Länder außerhalb der EU. Langfristig ist der Anteil der Dienstleistungsexporte in die EU an der gesamten Wertschöpfung Österreichs gestiegen. Die abgeleiteten Endnachfragemultiplikatoren liegen jedoch unter jenen der Extra-EU-Staaten.

Auswirkungen der EU-Mitgliedschaft auf ausländische Greenfield-Direktinvestitionen

Elisabeth Christen, Martin Falk

Empirische Studien zeigen, dass die EU-Mitgliedschaft und die Schaffung des Europäischen Binnenmarktes 1992 zu einer höheren Direktinvestitionstätigkeit führten. Theoretisch ist es möglich, dass die Auswirkungen der wirtschaftlichen Integration auf die ausländischen Direktinvestitionen (foreign direct investment, FDI) mit zunehmender Zahl an EU-Mitgliedstaaten im Lauf der Zeit nachlassen. In dieser Arbeit werden die Auswirkungen des EU-Beitritts auf die Greenfield-Direktinvestitionen untersucht. Dabei wird nach Sektoren (Dienstleistungen und Sachgütererzeugung) unterschieden, und es werden die unterschiedlichen Herkunftsländer berücksichtigt. Die Auswirkungen werden ­anhand eines FDI-Gravitationsmodells geschätzt, das Informationen über 200.000 Direktinvestitionsprojekte im ­Zeitraum von 2003 bis 2018 enthält. Die Ergebnisse zeigen, dass die Auswirkungen der EU-Mitgliedschaft auf die Greenfield-Direktinvestitionen für Bulgarien und Rumänien groß und signifikant sind, jedoch nicht signifikant für Kroatien. Die Anzahl der angekündigten Greenfield-Direktinvestitionsprojekte österreichischer multinationaler Unternehmen in Bulgarien und Rumänien stieg in den ersten drei Jahren nach dem Beitritt um durchschnittlich 180%, die Zahl der dadurch geschaffenen Arbeitsplätze um 140%. Die größten Effekte waren bereits im Jahr vor dem Beitritt zu beobachten gewesen. Investitionen aus den Nicht-EU-Ländern sind nach dem EU-Beitritt weniger stark angestiegen. Die Ergebnisse unterscheiden sich nicht wesentlich für den Dienstleistungssektor und die Sachgütererzeugung

Die Expansion der österreichischen Banken nach Zentral-, Ost- und Südosteuropa

Meilensteine der Expansion – Rückblick und Ausblick

Stefan Kavan, Tina Wittenberger

Die großen österreichischen Banken erkannten nach dem Fall des Eisernen Vorhangs früh die Chance, den margenschwachen Heimatmarkt nach Zentral-, Ost- und Südosteuropa (CESEE) zu erweitern. Bankneugründungen und ­-zukäufe erlaubten rasch in dieser Region fußzufassen und die Aussicht auf mögliche EU-Beitritte von CESEE-Ländern löste eine Reform- und Aufbruchstimmung aus. Die dynamische Kreditvergabe brachte hohe Gewinne mit sich, aber die schnelle Expansion hatte auch Schattenseiten. So erfolgte die Kreditvergabe oftmals in Fremdwährungen und wurde durch die Mutterbank refinanziert. Die aufgebauten Risiken wurden während der globalen Finanz- und ­Wirtschaftskrise schlagend und führten zu hohen Kosten. Bei den Banken folgte eine Phase der Konsolidierung. ­Makroprudenzielle Maßnahmen zur Hintanhaltung von Risiken für die Finanzmarktstabilität waren eine wichtige Lehre aus der Krise, die auch in Österreich von der Bankenaufsicht gezogen wurde. Das in den letzten Jahren erneut einsetzende Wirtschaftswachstum verbesserte die Zahlungsfähigkeit der Kunden. Die gute Ertragslage ist aber auch dem wieder anziehenden Kreditwachstum geschuldet, das erneut systemische Herausforderungen mit sich bringt und makroprudenzielle Maßnahmen in einigen CESEE-Ländern notwendig machte. Der wirtschaftliche Aufholprozess im erweiterten Heimatmarkt österreichischer Banken bietet weiterhin ein beachtliches Wachstums- und Ertragspotenzial und die momentane Gewinnsituation und Qualität des Kreditportfolios sind gut. Allerdings bringen der vom Kreditwachstum getriebene lange Aufschwung und die einsetzende wirtschaftliche Abschwächung auch zahlreiche Herausforderungen mit sich, denen sich die betroffenen Banken und die Bankenaufsicht stellen müssen.

Anmerkung: Zeitpunkt der Erstellung vor der COVID-19-Pandemie.

Das europäische Regelwerk für Bankenaufsicht und sein institutioneller Rahmen seit dem EU-Beitritt Österreichs

Michael Kaden, Michael Boss, Markus Schwaiger

Das europäische Rahmenwerk für die Bankenaufsicht hat sich im Laufe der Zeit in Hinblick auf seine Zielsetzungen, seine legistische Herangehensweise, seine institutionelle Ausgestaltung und nicht zuletzt auch auf seine Inhalte grundlegend verändert. Zum Zeitpunkt des österreichischen EU-Beitritts stand vor allem das Ziel der Errichtung eines ­einheitlichen Binnenmarktes im Vordergrund. Der Fokus war auf den Abbau von Hindernissen für die Dienstleistungs- und Niederlassungsfreiheit sowie die Herstellung einheitlicher Wettbewerbsbedingungen in den Mitgliedstaaten ­gerichtet. Es wurden gezielte europarechtliche Änderungen, verstreut auf mehrere Richtlinien und weitgehend ohne eine komplementäre institutionelle Komponente, normiert. Um rascher auf aktuelle Entwicklungen am Finanzmarkt reagieren zu können und die Vorteile der Euro-Einführung durch eine Integration der Finanzmärkte besser nutzen zu können, wurde zu Beginn dieses Jahrtausends mit der Schaffung spezialisierter europäischer Regulierungsgremien verstärktes Augenmerk auf einen schnelleren und flexibleren Regulierungsprozess gelegt. Gleichzeitig wurde auf Ebene des europäischen Gesetzgebers der empfundenen Normenflut und -vielfalt durch den Ansatz der Better Regulation ­entgegengetreten. Die Finanzkrise 2007 brachte schließlich eine bedeutende Neufokussierung der gesetzgeberischen Motive und Reichweite mit sich. Die Behebung der durch die Krise aufgedeckten Mängel in der Regulierung und das Ziel, künftig derartige Krisenszenarien möglichst zu vermeiden, dominieren seither die gesetzgeberische Tätigkeit, ohne jedoch den bisher verfolgten Zielen eine völlige Absage zu erteilen. Neben der Stärkung der Krisenfestigkeit von Instituten und des Finanzsektors als Ganzes wurde auch die Vergemeinschaftung behördlicher Tätigkeiten – gestützt auf direkt anwendbare Verordnungen – vorangetrieben und mündete in der (noch unvollendeten) Bankenunion.

Wettbewerbspolitik in Österreich im europäischen Kontext – Rückblick und Ausblick 25 Jahre nach dem EU-Beitritt

Michael Böheim

Wettbewerbspolitik stellt eine der wichtigsten Kernaufgaben der Europäischen Union dar, um die Funktionsfähigkeit des gemeinsamen Marktes nachhaltig zu gewährleisten. Im Gegensatz zu Deutschland, wo sich schon früh eine ­wettbewerbspolitische Tradition in Wissenschaft und Praxis entwickelte, spielte in Österreich Wettbewerbspolitik lange Zeit keine nennenswerte Rolle. Erst der Beitritt zur Europäischen Union brachte für Österreich wichtige Impulse zur Wettbewerbsbelebung. Die Übernahme des wettbewerbsrechtlichen Acquis Communautaire und der Anwendungsvorrang des Gemeinschaftsrechts erzeugten den notwendigen Druck von außen, der mit einiger Verzögerung zur ­Angleichung des österreichischen materiellen Wettbewerbsrechts an das Gemeinschaftsrecht und zu einer Neugestaltung der wettbewerbspolitischen Institutionenlandschaft führte. Der vormals große Einfluss der Sozialpartner wurde ­deutlich reduziert, ihre Mitwirkungs- und Antragsrechte in Wettbewerbsfällen beschränkt. Das Kartellgericht blieb als Entscheidungsinstanz erhalten und mit der Bundeswettbewerbsbehörde wurde 2002 eine neue Verwaltungsbehörde mit umfassenden Ermittlungs- und Aufgriffskompetenzen geschaffen. Während sich diese in der Zwischenzeit als ­zentrale Drehscheibe im Institutionengefüge positionieren konnte, blieb die zeitgleich etablierte Wettbewerbskommission mangels Interesses der Politik an unabhängiger wettbewerbspolitischer Beratung bisher weitgehend bedeutungslos. Gerade durch eine Stärkung der Wettbewerbskommission könnten sich allerdings wichtige Impulse zur Entwicklung einer eigenständigen wettbewerbspolitischen Gesamtstrategie („Grand Design“) in Österreich ergeben.

Langfristige Determinanten der österreichischen Inflation – die Rolle des EU-Beitritts

Teresa Messner, Fabio Rumler

In dieser Studie beschäftigen wir uns mit der Frage, ob und wie sich der Inflationsprozess in Österreich durch die ­Veränderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den letzten Jahrzehnten, wie etwa aufgrund des EU-­Beitritts, der Bildung der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU), der Globalisierung sowie der Finanz- und ­Wirtschaftskrise, verändert hat. Zu diesem Zweck werden verschiedene Spezifikationen einer erweiterten Phillips-Kurve zuerst auf Strukturbrüche getestet und anschließend für verschiedene Subperioden sowie mit zeitvariablen ­Koeffizienten unter Verwendung von statistischen Glättungstechniken geschätzt. Dabei werden drei signifikante Struktur­brüche gefunden: einer Mitte der 1980er-Jahre, den wir mit dem Beginn der Great Moderation – einer Phase geringer makroökonomischer Volatilität – in Verbindung bringen, ein weiterer im Jahr 1995, der mit dem EU-Beitritt Österreichs zusammenfällt und ein dritter im Jahr 2000, der den Beginn der WWU markiert. Die Subperioden- und zeitvariablen Koeffizientenschätzungen ergeben, dass es in Österreich die meiste Zeit in den vergangenen 40 Jahren eine stabile Phillips-Kurve gab. Es bestand somit ein positiver Zusammenhang zwischen Inflations- und Konjunkturentwicklung, der aber in den 1990er-Jahren vorübergehend schwächer wurde. In dieser Phase dürften externe ­Faktoren, wie der EU-Beitritt, die Errichtung der WWU und die Globalisierung einen stärkeren Einfluss auf die ­österreichische Inflation bekommen haben. Interessanterweise hatte die Geldpolitik erst ab dem Beginn der WWU einen messbaren Einfluss auf die laufende Inflationsentwicklung, was darauf hindeutet, dass die Transmission der ­stabilitätsorientierten Geldpolitik des Eurosystems in Österreich gut funktioniert.

Die Entwicklung des EU-Haushalts und die Auswirkungen auf Österreich

Walpurga Köhler-Töglhofer, Lukas Reiss

Der EU-Haushalt bildet die finanziellen Verflechtungen der EU mit den einzelnen EU-Mitgliedstaaten und die ­politischen Prioritäten der EU ab. Die Prioritäten haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Dies zeigt sich vor allem im sinkenden Anteil der Ausgaben für die Agrarpolitik an den Gesamtausgaben der EU. Auch die ­Einnahmenstruktur hat sich im Laufe der Zeit verschoben und ist aufgrund diverser Rabatte auf die Mitgliedsbeiträge komplex. Österreich ist seit seinem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 1995 durchgehend ein Nettozahler ins EU-Budget. Als einer der größten Nettozahler profitiert Österreich allerdings seit dem Finanzrahmen 2001–2007 von einem Rabatt auf seine Mitgliedsbeiträge. Gleichzeitig erhält Österreich vergleichsweise mehr Rückflüsse aus Mitteln der Agrarpolitik als zahlreiche andere EU-Mitgliedstaaten mit hohem Bruttonationaleinkommen pro Kopf. Der – politisch noch nicht ausverhandelte – mehrjährige Finanzrahmen der EU für die Periode 2021–2027 bringt ebenfalls eine durch die neue EU-Kommission veränderte Prioritätensetzung mit sich und wird darüber hinaus stark vom ­Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU beeinflusst. Die bislang von der Europäischen Kommission zur ­Diskussion gestellten Vorschläge signalisieren insbesondere einen zunehmenden Druck auf die EU-Agrar- und ­Regionalpolitik zugunsten anderer Politikbereiche wie dem Wiederaufbau der EU-Volkswirtschaften nach der ­COVID-19-Krise und dem Klimawandel.

Wirtschaftspolitische Empfehlungen in der EU und deren Umsetzungsbilanz in Österreich

Maria Auböck, Doris Prammer

Die Grundzüge der Wirtschaftspolitik der Europäischen Union sind seit dem Jahr 1993 ein konstanter Parameter zur Koordinierung der Wirtschafts- und Haushaltspolitik der EU-Mitgliedstaaten. Aus ihnen werden wirtschaftspolitische Prioritäten für die einzelnen Mitgliedstaaten abgeleitet und in Form länderspezifischer Empfehlungen an jedes EU-­Mitglied gerichtet. An Österreich werden vor allem Empfehlungen zur Senkung der Steuerlast auf Arbeit, zur Sicherstellung der langfristigen Tragfähigkeit des Pensionssystems, zur Verbesserung des Bildungssystems und der Anreizsysteme am Arbeitsmarkt sowie zur Erhöhung des Wettbewerbs (z. B. im Dienstleistungsbereich) gerichtet. Da die Umsetzung der länderspezifischen Empfehlungen durch die EU-Mitgliedstaaten rechtlich nicht bindend ist, erfolgt deren Umsetzung oftmals nur in geringem Maße. Seit Beginn des Europäischen Semesters 2011 wurden in Österreich nur 5% (EU 9%) der Empfehlungen vollständig umgesetzt, während bei 9% noch keine Umsetzungsfortschritte ­gemacht wurden (EU 5%). Generell hoch ist die Umsetzung im Finanzsektor, wo der Marktdruck stark auf das ­politische Handeln Einfluss nimmt. Ähnliches gilt auch bei hohen Leistungsbilanz- und Budgetdefiziten, wo der ­resultierende Druck am Finanzmarkt ein Treiber für Reformen ist.

Makroökonomische Effekte der ­25-jährigen EU-Mitgliedschaft Österreichs

Fritz Breuss 2

Wissenschaftliche Begutachtung: Gerhard Fenz, OeNB; Martin Schneider, OeNB

Österreich ist – zusammen mit Finnland und Schweden – vor 25 Jahren der EU beigetreten. Als Mitglied der Europäischen Freihandelsassoziation (European Free Trade Association, EFTA) hat sich Österreich über das Freihandelsabkommen mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1973 und durch die Teilnahme am Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) 1994 handelspolitisch der EU bereits zuvor stark angenähert. Österreich hat mit dem Beitritt zur EU 1995 an allen darauffolgenden vertiefenden Schritten der EU-Integration (Wirtschafts- und Währungsunion, WWU mit der Einführung des Euro; Schengener Abkommen) und an der EU-Erweiterung teilgenommen. Politisch ist Österreich durch die EU-Mitgliedschaft europäischer und moderner geworden und auch ökonomisch hat es von allen Stufen der Integration profitiert. Die Teilnahme am EU-Binnenmarkt, an der WWU mit dem Euro und an den EU-Erweiterungen hat zu einem jährlichen Anstieg des realen BIP von 0,8 Prozentpunkten beigetragen. Die größten wirtschaftlichen Impulse kamen von der Teilnahme am Binnenmarkt (+0,4 Prozentpunkte) und der EU-­Erweiterung (+0,3 Prozentpunkte); die Einführung des Euro steuerte 0,1 Prozentpunkte zum jährlichen BIP-Wachstum bei. Bereits durch die Ostöffnung 1989 rückte Österreich vom Rand Europas in dessen Mitte. Die EU-Erweiterungen beginnend ab 2004 verstärkten diese Entwicklung und erlaubten Österreich eine volle Teilhabe an der „Mini-Globalisierung“ vor der Haustüre.

JEL classification: F15; C51; O52

Keywords: Europäische Integration; Modellsimulationen; Länderstudien

Österreich war – zusammen mit Finnland und Schweden – vor 25 Jahren einer EU mit zwölf Mitgliedstaaten beigetreten, die bis 2013 auf 28 Mitgliedstaaten anwuchs. Mit dem Brexit schrumpfte sie auf 27 Länder. Als EFTA-Mitglied hat sich Österreich über das Freihandelsabkommen mit der EWG 1973 und durch die Teilnahme am EWR 1994 handelspolitisch der EU bereits zuvor stark angenähert. Österreich hat mit dem Beitritt zur EU 1995 an allen darauffolgenden vertiefenden Schritten der EU-Integration (WWU mit dem Euro; Schengener Abkommen) und an der EU-Erweiterung teilgenommen. Politisch ist Österreich durch die EU-­Mitgliedschaft europäischer und offener geworden und auch ökonomisch hat es von allen Stufen der Integration profitiert.

Jedes EU-Mitglied muss am Kernelement der EU-Integration, dem Binnenmarkt teilnehmen 3 . Daraus resultieren die wichtigsten ökonomischen Effekte auf den Handel und das Wirtschaftswachstum 4 . In jenen Ländern, die den Euro einführten, verstärkten sich die Binnenmarkt-Effekte zusätzlich. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und der folgenden Ostöffnung – ein Geschenk für Österreichs Wirtschaft – und durch die schrittweise EU-Mitgliedschaft der ehemaligen Ostblockstaaten im Zuge der großen EU-Erweiterung 2004 rückte Österreich vom Rand in die Mitte Europas. Österreichs Wirtschaft erfuhr als EU-Mitglied der erweiterten Union zusätzliche Impulse in Form einer raschen Ausweitung von Handel und Direktinvestitionen.

Im vorliegenden Beitrag werden die makroökonomischen Auswirkungen der 25-jährigen EU-Mitgliedschaft Österreichs mit einem Integrationsmodell insgesamt und für die einzelnen Integrationsstufen (Binnenmarkt, WWU mit dem Euro, EU-Erweiterung) geschätzt. Als Vorstufe zur österreichischen EU-Integration werden auch die ökonomischen Folgen des historisch wichtigen Jahres 1989 beleuchtet.

1 Österreichs Weg nach Europa

Österreich war seit 1960 Mitglied der EFTA gewesen, seit 1994 im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) und trat gemeinsam mit Finnland und Schweden vor 25 Jahren der EU bei. Dem EU-Beitritt ging eine intensive politische Diskussion in Österreich voraus; vor allem gab es zunächst Bedenken wegen des Status der ­immerwährenden Neutralität (Breuss, 1996; Gehler, 2002; Griller et al., 2015). Diese fielen mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Zerfall der Sowjetunion weg, sodass sich die österreichische Bundesregierung im Juli 1989 entschloss, einen Antrag auf den EU-Beitritt zu stellen.

Die Zweigleisigkeit der europäischen Integration in den 1960er-Jahren (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, EWG versus EFTA) wurde durch die Freihandels­abkommen zwischen den EFTA-Mitgliedsländern und der EWG 1973 überwunden. Diese schufen bis Mitte des Jahres 1977 einen großen Freihandelsraum in Europa (zumindest für industriell-gewerbliche Waren). Der nächste Schritt zur EU-Annäherung Österreichs erfolgte mit der Teilnahme am EWR, der bereits eine Zweidrittel-­Teilnahme am EU-Binnenmarkt ermöglichte. Die vollständige Liberalisierung ­erfolgte dann am 1. Jänner 1995 durch die Teilnahme an den vier Freiheiten des EU-Binnen­marktes (Breuss, 2020c).

Vor Beginn eines jeden Integrationsschritts wurden in der EU 5 und auch in Öster­reich (vor allem vom Wifo) mehrere Studien durchgeführt, um die möglichen Integrationseffekte im Voraus abzuschätzen 6 . Darin wurde eine Steigerung des Wohlstandes in Österreich von jährlich rund ½ Prozentpunkt des realen BIP prognostiziert.

Die stetige Vertiefung der EU-Integration hat die Komplexität der möglichen Integrationseffekte erhöht. Die 1968 errichtete Zollunion der EWG konnte noch mit den einfachen von Viner (1950) entwickelten theoretischen Effekten – Handels­schaffung und Handelsumlenkung – bewertet werden. Mit dem Fortschreiten der EU-Integration – Binnenmarkt (mit den vier Freiheiten) sowie die WWU und die Einführung des Euro – mussten neben reinen Handelseffekten auch andere makroökonomische Wirkungen berücksichtigt werden.

2 Eine immer engere Union?

Mit dem Beitritt zur EU kam es zur Einschränkung der nationalstaatlichen Autonomie und der Abgabe von Kompetenzen an die EU zu Gunsten einer verstärkten Mitgestaltung in der Gemeinschaft 7 . Die Teilnahme an der supranationalen Organisation Europäische Union (sie ist ein Zwitter zwischen Staatenbund und Bundesstaat, nämlich ein Staatenverbund) hatte erhebliche Änderungen der österreichischen Verfassung zur Folge (Öhlinger, 2015). Der Versuch, mittels eines Vertrags über eine Verfassung für Europa allmählich die „Vereinigten Staaten von Europa“ – ein alter Traum – zu schaffen, scheiterte an den negativen Referenden in Frankreich und den Niederlanden im Jahr 2005. Letztlich wurden aber wesentliche Bestandteile in den derzeit gültigen Vertrag von Lissabon – in Kraft seit 1. Dezember 2009 – in Form von zwei Teilverträgen (EUV und AEUV) übernommen. In der Präambel des Vertrags über die Europäische Union (EUV) wird die Finalität der EU „… Schaffung einer immer engeren Union der Völker Europas, in der die Entscheidungen entsprechend dem Subsidiaritätsprinzip möglichst bürgernah getroffen werden …“ relativ vage, aber doch entschieden angesprochen. Für die Briten war diese Zielsetzung ein Schritt zu viel. Sie schätzten bei Ihrem Brexit-Referendum 2016 offensichtlich den Nutzen dieser immer stärkeren Kompetenzverschiebung nach Brüssel geringer ein als die Wiedererlangung staatlicher Autonomie („taking back control“).

Seit dem Inkrafttreten des Lissabon-Vertrags sind die Kompetenzen zwischen der EU und den Mitgliedstaaten in drei Kategorien aufgeteilt (Artikel 3–6 AEUV):

  • Ausschließliche Zuständigkeit der EU: Zollunion (Gemeinsamer Zolltarif, GZT), gemeinsame Handelspolitik (GHP), Wettbewerbspolitik für einen fairen Wettbewerb im Binnenmarkt, gemeinsame Währungs- bzw. Geldpolitik für die Euro-­Länder, Abschluss internationaler Abkommen.
  • Mit den Mitgliedstaaten geteilte Zuständigkeit: Binnenmarkt, Sozialpolitik, Regional­politik, gemeinsame Agrarpolitik (GAP), Umwelt, Energie, Verbraucherschutz, Verkehr, transeuropäische Netze (Trans-European Networks, TEN), Raum der Freiheit, Sicherheit und des Rechts, Forschungsprogramme, Entwicklungszusammenarbeit.
  • Unterstützende, koordinierende oder ergänzende Zuständigkeiten der EU: Schutz und Verbesserung der menschlichen Gesundheit, Industrie, Kultur, Tourismus, Bildung, Jugend und Sport, Katastrophenschutz, Verwaltungszusammenarbeit.

Darüber hinaus koordinieren die Mitgliedstaaten ihre Wirtschaftspolitik innerhalb der Union (Art. 5 AEUV):

  • Für die Mitgliedstaaten, deren Währung der Euro ist, gelten besondere Regelungen. Auf Grund der asymmetrischen Konstruktion der WWU (zentrale Geld- und dezentrale Fiskalpolitik) steht als Gegenpol zur zentralisierten Geldpolitik ein ganzes Arsenal (das nach der großen Rezession 2009 und der anschließenden Eurokrise noch ausgeweitet wurde) von Verfahren (u. a. das Europäische Semester) und Instrumenten (Reform des Stabilitäts- und Wachstumspakts, Fiskalpakt mit Pflicht zur Schuldenbremse etc.) zur Koordinierung der unterschiedlichen Fiskal­politiken der EU- und Euro-Mitgliedstaaten zur Verfügung. Diese notwendige Koordinierung gelingt relativ gut in „Schönwetterperioden“, aber kaum in Zeiten von Krisen (große Rezession und während der Eurokrise).
  • Die Union trifft Maßnahmen zur Koordinierung der Beschäftigungspolitik der Mitgliedstaaten, insbesondere durch die Festlegung von Leitlinien für diese Politik.
  • Die Union kann Initiativen zur Koordinierung der Sozialpolitik der Mitgliedstaaten ergreifen.

Besonders einschneidend ist für die Euro-Länder die Zentralisierung der Geldpolitik im Europäischen System der Zentralbanken (ESZB) und für alle EU-Mitgliedstaaten die Vergemeinschaftung der Außenhandelspolitik (GHP, GZT) und die gemeinsame Agrarpolitik (GAP). Aber auch die notwendige Koordination der Wirtschaftspolitik (vor allem der Fiskalpolitik) nötigt den Mitgliedstaaten viel politischen Goodwill ab.

Österreich hat sich nach dem EU–Beitritt an allen Schritten der Vertiefung der Union beteiligt: ein Muss ist für jedes neue Mitglied der Eintritt in den Binnenmarkt. Er gewährt die vier Freiheiten für Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeit. Österreich war auch unter den ersten elf Ländern, die 1999 die WWU gründeten und 2002 den Euro als gesetzliches Zahlungsmittel eingeführten. Zwischenzeitlich sind 19 EU-Mitgliedstaaten Euro-Länder. Auch dem Schengener Abkommen trat Österreich am 28. April 1995 bei, das zum Wegfall der Grenzkontrollen mit 1. April 1998 führte. Damit ist Österreich (im Gegensatz zu Schweden, das den Euro noch nicht eingeführt hat) rein formal zu einem EU-Musterschüler avanciert. Dass es in der Praxis nicht ganz so ist, zeigt die mangelnde Umsetzung von EU-Recht (Wolfmayr, 2019; Europäische Kommission, 2018). Im Großen und Ganzen ist Österreich und seine seit 1995 wechselnden Regierungen aber recht gut mit den geänderten politischen Rahmenbedingungen als EU-Mitglied umgegangen und hat der Union viele wichtige Impulse gegeben. Nicht zuletzt hat sich Österreich mit der „Wiener Initiative“ mit den durch die Finanzkrise in Not geratenen neuen Mitgliedstaaten solidarisch gezeigt (Selmayr, 2019). Gelegentliche Ausreißer (Volksbegehren zum EU-Austritt 2015; das Andenken eines Öxit von H.-C. Strache nach dem Brexit-Referendum) sind seit dem Ringen um den Brexit aus der politischen ­Debatte verschwunden und werden von der Bevölkerung auch mehrheitlich abgelehnt (Schmidt, 2019).

3 Vergleich von Österreich mit Finnland und Schweden

Volkswirtschaften entwickeln sich mit und ohne EU-Mitgliedschaft. Bevor analysiert wird, wieviel von der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung auf die EU-Mitgliedschaft zurückzuführen ist, lohnt ein vergleichender Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung der drei 1995 der EU beigetretenen Mitgliedstaaten Finnland, Österreich und Schweden (Tabelle 1).

Tabelle 1: Makroökonomische Kennzahlen ausgewählter Länder für 1995–2020 ­(Durchschnitte pro Jahr)
Indikator Einheit Österreich Finnland Schweden EU-15 Deutschland USA Schweiz
BIP real in % 1,60 1,95 2,23 1,20 1,11 2,14 1,57
BIP real pro Kopf in % 1,14 1,62 1,58 0,93 1,01 1,25 0,76
BIP nominell 2020 in Mrd KKS 344 184 371 13.073 3.029 14.054 404
BIP nominell pro Kopf 20201 in KKS 38.602 33.224 35.804 31.777 36.380 42.470 46.485
Inflation2 in % 1,78 1,37 1,16 1,74 1,39 2,14 0,54
Arbeitslosenquote in % 4,82 9,13 7,60 8,88 7,24 5,84 4,13
Budgetsaldo in % des BIP –2,51 0,05 –0,21 –2,98 –1,87 –5,86 –0,34
Staatsverschuldung 2020 in % des BIP 78,8 69,4 42,6 100,3 75,6 136,2 42,0
Intra-EU-Exporte in % 5,99 3,87 4,05 4,34 4,97 . .
Intra-EU-Exporte 2020 Anteil in % 70,8 58,8 57,9 61,1 58,4 . .
Leistungsbilanz in % des BIP 1,19 2,33 4,82 1,10 4,15 –3,16 9,61
Netto-Beitrag zum EU-Haushalt3 in % des BNE4 –0,25 –0,14 –0,34 . –0,38 . .
Quellen: Europäische Kommission: Frühjahrsprognose 2020 (AMECO Datenbank), IMF: World Economic Outlook April 2020.
1 KKS = Kaufkraftstandard.
2 Nationaler Verbraucherpreisindex.
3 Europäische Kommission: Operating budgetary balance, Durchschnitte 1995–2108.
4 BNE= Brutto-Nationaleinkommen.
  • Das durchschnittliche jährliche Wachstum des realen BIP zwischen 1995 und 2020 war in Österreich mit 1,6% niedriger als jenes in Finnland (2,0%) und Schweden (2,2%). In Österreich (–1,4 Prozentpunkte) und Finnland (–1,0 Prozentpunkte) war das Wirtschaftswachstum in den 25 Jahren nach dem EU-Beitritt schwächer als in den 25 Jahren zuvor. Nur Schweden (+0,3 Prozentpunkte) verbesserte sich. Während die drei 1995 beigetretenen Länder rascher als Deutschland wuchsen (Österreich +0,5%, Finnland +0,8%, Schweden +1,1%), war die BIP-Entwicklung mit Ausnahme Schwedens schwächer als in den USA.
  • Österreich, Finnland und Schweden gehören (gemessen am realen BIP pro Kopf) zu den reichsten EU-Mitgliedstaaten. Gemessen am BIP pro Kopf war Österreich unter den 15 EU-Mitgliedern 1995 das zweitreichste Land der EU, Finnland lag an zehnter und Schweden an fünfter Stelle. Im Jahr 2020 liegt Österreich in der EU-27 am dritten Platz, Finnland am siebten und Schweden am sechsten Platz.
  • Die Inflationsrate lag im letzten Vierteljahrhundert in Österreich mit 1,8% höher als in Finnland (1,4%) und Schweden (1,2%). In allen diesen drei Ländern ist sie gegenüber den 25 Jahren zuvor gesunken – in Finnland (–6,2%) und Schweden (–6,0%) stärker als in Österreich (–2,1%).
  • Im Hinblick auf die Arbeitslosigkeit hat Österreich die beste Position. Die Arbeitslosenrate lag hier mit 4,8% im Durchschnitt wesentlich niedriger als in Finnland (9,1%) und Schweden (7,6%).
  • Fiskalpolitisch fiel Österreich gegenüber Finnland und Schweden sowohl bei der Entwicklung des Budgetsaldos als auch der Staatsverschuldung zurück.
  • Österreich hat bereits von der Ostöffnung 1989 stark profitiert und konnte seinen Außenhandel nach der EU-Erweiterung 2004 weiter steigern. Insgesamt hat ­Österreich daher seinen Intra-EU-Handel viel stärker ausgeweitet als Finnland und Schweden. Dies zeigt sich im durchschnittlichen jährlichen Zuwachs der Intra-EU-Exporte (Österreich +6,0%, Finnland +3,9%, Schweden +4,1%). Damit liegt Österreich mit einem Intra-Export-Anteil von 70,8% deutlich vor Finnland (58,8%) und Schweden (57,9%).
  • Die Leistungsbilanz insgesamt hat sich in allen drei Ländern im letzten Vierteljahrhundert verbessert, am deutlichsten in Schweden (4,8% des BIP), aber auch in Finnland (2,3%) und Österreich (1,2%).

Österreich konnte – nicht zuletzt wegen der immer stärkeren Teilnahme an EU-Forschungsprogrammen – seine F&E-Quote (Forschungs- und Entwicklungsquote) bis an jene von Schweden (rund 3 ½% des BIP) anheben. Finnland ist von 3,9% im Jahr 2009 auf unter 3% zurückgefallen. Während Österreich und Finnland ab 1999 den Euro einführten, konnte Schweden durch Abwertungen der Schwedischen Krone (seit 1995 um 0,7% pro Jahr) seine internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Allerdings führte gerade in Österreich die Euro-Einführung dazu, dass der zuvor starke Aufwertungstrend des Schilling gestoppt wurde.

Im Hinblick auf den Kampf gegen den Klimawandel sind die skandinavischen Länder erheblich weiter fortgeschritten als Österreich. Der CO2-Ausstoß (pro Kopf) ist von 1995 bis 2017 in Finnland um 27%, in Schweden um 38% und in Österreich nur um 0,4% gesunken. Nicht zuletzt trug die frühe Einführung einer CO2-Steuer in Finnland 1990 und in Schweden 1991 dazu bei.

Angesichts der besseren gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Finnland und Schweden im Vergleich zu Österreich (Tabelle 1) verwundert es, dass fast alle Studien, die die Effekte der EU-Mitgliedschaft der drei Länder mit unterschiedlichen Schätzmethoden bewerten, für die skandinavischen Länder schlechter ausfallen als für Österreich (Tabelle 2). Ein Hauptgrund dafür dürfte sein, dass die meisten Studien die EU-Effekte ausschließlich mit Handelszuwächsen begründen. Österreich hatte – weil sein Intra-EU-Handel dynamischer verlaufen ist – in dieser Hinsicht einen Vorteil.

Tabelle 2: Schätzungen von Integrationseffekten im Vergleich
Autoren Methode Maßstab Zeitraum Österreich Finnland Schweden
London Economics (2017) Ökonometrische Schätzungen mit 5 Indikatoren BM BIP pro Kopf % 1995–2015 2,58 1,71 1,50
Felbermayr et al. (2018) ifo-Handelsmodell BM Wohlfahrt kum. % 2000–2014 6,17 3,78 4,22
Mion-Ponattu (2019) CGE-Modell BM Wohlfahrt kum. % 2010–2016 3,92 2,52 2,80
in ’t Veld (2019) QUEST-DSGE- Modell BM BIP, real kum %langfristig 11,80 7,70 7,70
Oberhofer (2019) Gravitäts- und I-O-Modell BIP real in % pro Jahr 1995–2014 0,70 0,30 0,20
Breuss (2020 Integrations- Makromodell BIP, real % pro Jahr 1995–2020 0.461(0.81)2 0.441 0.411
Breuss CGE-Modell GTAP103 Wohlfahrt kum. % BIP 1995–2014 7,9 3,8 5,3
Quelle: Eigene Darstellung.
1 Ergebnis des auf Handel und FDI reduzierten EU-Integrationsmodells von Kapitel 5;
2 Ergebnis des vollständigen EU-Integrationsmodells von Kapitel 5;
3 In den GTAP10-Simulationen (ein 10x10 Modell mit 10 Ländern und 10 Sektoren) wird unterstellt, dass der EU-Beitritt den Abbau von 20% der nichttarifären Handelshemmnisse ­impliziert.
Anmerkungen: BM = Binnenmarkt; kum = kumuliert;

4 Integrationsmodell für Österreich

Eine Schätzung der makroökonomischen Integrationseffekte nach 25 Jahren EU-­Mitgliedschaft muss die wichtigsten eingetretenen Effekte (Außenhandel, Direktinvestitionen, Wachstumsvorsprung, Beschäftigung, Preisentwicklung) erklären. Dazu wird ein kleines makroökonomisches Integrationsmodell basierend auf den aktuellen Zahlen der Europäischen Kommission (AMECO-Datenbank) mit EViews für die Periode 1995–2020 geschätzt.

Die größten Effekte des österreichischen EU-Beitritts ergeben sich aus der vollen Teilnahme am EU-Binnenmarkt 8 mit den vier Freiheiten und schlagen sich in mehr Außenhandel und Direktinvestitionen (foreign direct investment, FDI) nieder. Daneben sichert das EU-einheitliche Wettbewerbsrecht einen fairen Wettbewerb auf dem Binnenmarkt. Verschärfter Wettbewerb senkt die Preise. Als relativ reiches Land ist Österreich ein Nettozahler in den EU-Haushalt. Die Freizügigkeit der Arbeitskräfte hat auch die Netto-Migration in Österreich beeinflusst. Abbildung 1 stellt schematisch die Hauptelemente des Integrationsmodell für Österreich dar 9 . Im Anhang A finden sich die Gleichungen des vollständigen Modells.

  • Handel und FDI stimulieren das BIP: Nach einer einjährigen Mitgliedschaft im EWR ab 1994 nahm Österreich ab 1995 voll am EU-Binnenmarkt teil. Damit trat Österreich seine Autonomie in der Handelspolitik an die EU ab und musste seine Außenzölle an das Niveau des gemeinsamen Zolls der EU (GZT) anpassen. Das bedeutete eine Senkung von den in der Uruguay-Runde akkordierten 10,5% auf den GZT der EU von 5,7% . Da durch das Freihandelsabkommen von 1973 und die Teilnahme am EWR zwischen Österreich und der EU (außer den Sonder­regelungen im Agrarbereich) keine Zölle mehr existierten, zog die Binnenmarktteilnahme nur noch den Abbau der (restlichen) nichttarifären Handels­hemmnisse (non-tariff barriers, NTB) nach sich: Wegfall der Grenzkontrollen, Vereinheitlichung der grenzüberschreitenden Warenabwicklung und Anerkennung von Standards.

Die Abschaffung aller NTB werden im Modell in den Export- und Importgleichungen (Waren und Dienstleistungen, gemessen real zu Preisen 2010) sowie in den Gleichungen für die FDI im Ausland und in Österreich durch eine Variable NTB berücksichtigt. Für die Teilnahme am EU-Binnenmarkt gilt NTBEU. Sie hatte den Wert 30 vor dem EU-Beitritt und sank ab 1995 in sechs Fünferschritten auf 0 10 . Das gilt auch für den Beitritt zur WWU und die Einführung des Euro (NTB€) ab 1999 und ab 2004 für die EU-Erweiterung (NTBERW). Damit können die Handels- und FDI-Effekte separat erfasst werden 11 . Neben den NTB-Variablen bestimmen auch Einkommens- (Y, YEU) und Wechselkurseffekte (REER) die ­gesamten österreichischen Exporte (X) und Importe (M) von Waren und Dienstleistungen.

Eine stärkere Teilnahme an der europäischen Integration (EU-Binnenmarkt, WWU/Euro und EU-Erweiterung) steigert durch mehr Außenhandel (Nettoexporte) und mehr Direktinvestitionen (Netto-FDI) die totale Faktorproduktivität (TFP). Diese wird zusätzlich durch die Arbeitsproduktivität (Y/E) und Forschungs- und Entwicklungsausgaben (F&E, in % des BIP) stimuliert. Neben den Produktionsfaktoren Kapital (K) und Arbeit (E), die ihrerseits von den relativen Faktorpreisen (Zinssatz R zu Löhnen W) abhängen, steigert die TFP wesentlich das reale Bruttoinlandsprodukt (Y) zu Preisen von 2010.

Abbildung 1 zeigt die Gleichungen des Integrationsmodell in schematischer Form. Die Formeln finden sich im Detail in Anhang A.

Österreich hat (zusammen mit Deutschland) vor der Teilnahme an der WWU (1999) und der Einführung des Euro (2002) stetig real aufgewertet, d. h. an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verloren, da die Weichwährungsländer (in der Peripherie der EU) bei jeder Verschlechterung ihrer Leistungsbilanzen gegenüber dem Deutsche-Mark-Block abgewertet hatten. Diese Abwertungswettläufe waren eine permanente Bedrohung für den Binnenmarkt. Seit dem WWU-Beitritt hat sich dieser Nachteil gegenüber anderen EU-Mitgliedstaaten in einen Vorteil verkehrt. Die Verbesserung der relativen Wettbewerbsfähigkeit Österreichs schlug sich in einer geringeren Aufwertung des realen effektiven Wechselkurses gegenüber 37 Industriestaaten (REER) nieder. Mit einer leichten Korrektur in der Variablen REER von rund 3% zwischen 1999–2020 wird dieser positive Effekt der Einführung des Euro auf den österreichischen Außenhandel in den Simulationen der Export- und Importgleichungen berücksichtigt.

  • Produktivitätsstimulierende F&E-Ausgaben: Die EU-Mitgliedschaft und auch die WWU-Teilnahme hat zu Anpassungs- bzw. Produktivitätsschocks geführt. Dieser kurzfristige Impuls wird über eine Anhebung der F&E-Ausgaben 1995 und 1999 in der F&E-Gleichung berücksichtigt. Dadurch wird die gesamte Faktorproduktivität (TFP) und damit das reale BIP-Wachstum kurzfristig gesteigert. Generell hat der EU-Beitritt dazu geführt, dass Österreich voll an allen EU-Forschungsprogrammen teilnehmen konnte. Die F&E-Ausgaben legten seit 1995 trendmäßig stark zu: von 1,5% des BIP auf 3,4% im Jahr 2020.
  • Mehr Preiswettbewerb senkt Preise und dämpft das BIP-Wachstum: Der Eintritt in den Binnenmarkt erhöhte die preisliche Wettbewerbsfähigkeit, was durch einen Abschlag auf die Lohnstückkosten (Markup) in der Preisgleichung von 10% seit dem EU-Beitritt berücksichtigt wird 12 . Dadurch sinken die Verbraucherpreise; die Auswirkungen auf das BIP sind leicht negativ.
  • Die Kosten des EU-Beitritts: Dem ökonomischen Gewinn stehen die Kosten des EU-Beitritts gegenüber. Sie sind allerdings wesentlich geringer als die ökonomischen Vorteile. Österreich ist als derzeit drittreichstes Land der EU (gemessen am Pro-Kopf-BIP in Kaufkraftstandards) ein Nettozahler in den EU-Haushalt. Im Durchschnitt von 1995 bis 2018 betrug der österreichische Nettobeitrag pro Jahr 0,25% des BIP 13 . Das belastet den österreichischen Staatshaushalt und die Leistungsbilanz entsprechend.
  • Nettomigration: Dieser Effekt war seit dem EU-Beitritt 1995 eher bescheiden. Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 zog es immer mehr Arbeitnehmer aus Deutschland auf den österreichischen Arbeitsmarkt. In der Simulation wird die Nettomigration von 1995 bis zur EU-Erweiterung 2004 berücksichtigt, die über dem normalen Trend lag. Einen stärkeren Zustrom gab es bei der Ostöffnung 1989 aus den Balkanstaaten. Der Befürchtung einer neuen Welle von Arbeitsmigration aus Osteuropa in Folge der EU-Erweiterung 2004 wurde mit siebenjährigen Übergangsfristen begegnet. In den Simulationen wurden bereits ab 2004 Nettomigrationszuflüsse oberhalb des normalen Trends berücksichtigt.

Als Vorläufer der europäischen Integration kann – insbesondere für Österreich – die historische Ostöffnung im Jahr 1989 angesehen werden. Die Grenzöffnung 1989 (Brait und Gehler, 2014) und die damit verbundene Ostöffnung haben Österreich bereits starke Impulse auf den Außenhandel und die Direktinvestitionen beschert. Ihre Effekte werden mit einer separaten Simulation berücksichtigt. Die Ostöffnung führte zu einer Liberalisierung im Außenhandel und bei den Direktinvestitionen und kann als Regimewechsel bezeichnet werden, weil sie die Rahmenbedingungen für die österreichischen Exporteure und Investoren änderte. Die Handelseffekte werden durch einen Term (OST) in den separaten Export- und Importgleichung berücksichtigt, der den Abbau von Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen erfasst. OST erhält den Wert 0,2 von 1989 bis 2004 und nach der ersten EU-Erweiterung bis 2012 den Wert 0,1.

Die Effekte auf die Direktinvestitionen werden mit einer Zeit-Dummy-­Variable (von 1989 bis vor dem EU-Beitritt 1994) erfasst, die in die separaten Gleichungen für FDI-Ex- und Importe eingeht. Neben Handels- und Direktinvestitionseffekten führte die Öffnung Osteuropas 1989 auch zu Nettomigrationseffekten. Kurz nach dem Zusammenbruch des ehemaligen Jugoslawiens in den frühen 1990er-Jahren kam es zum größten Nettozustrom von Migranten nach Österreich. Im Integrationsmodell fließen die Nettozuwanderungsströme exogen über die Arbeitslosengleichung in das Arbeitskräfteangebot ein. Die Migration beeinflusst das Pro-Kopf-BIP, weil dadurch die Bevölkerung zunimmt.

5 Ergebnisse des Integrationsmodells

Österreich hat sich bereits im Rahmen der EFTA-Mitgliedschaft über die Liberalisierung des Handels durch das Freihandelsabkommen von 1973 stark der EU angenähert. Diese Annäherung wurde durch die einjährige Mitgliedschaft im EWR noch weiter ausgebaut. Durch die EU-Mitgliedschaft und die Teilnahme am Binnen­markt, der Einführung des Euro und durch die EU-Erweiterung kam Österreich aber erst in den vollen Genuss des Freihandels mit den wichtigsten Handelspartnern. Vorgelagert war dieser Entwicklung das welthistorische Ereignis des Jahres 1989, als der Kommunismus zerbrach, die ehemaligen Planwirtschaften in Osteuropa zu Markwirtschaften transformierten und sich von der Sowjetunion, die sich 1991 auflöste, emanzipierten und die Nähe zur NATO und EU suchten.

  • 25 Jahre EU-Mitgliedschaft und volle Teilnahme am Binnenmarkt: Die vollständige Nutzung der Integrationseffekte durch die Beteiligung am Binnenmarkt führte zu einem Anstieg des realen BIP um 0,4 Prozentpunkte pro Jahr. Aufgrund des verschärften Wettbewerbs ging die Inflation zurück. Pro Jahr konnten 8.000 Arbeitsplätze geschaffen werden, die Arbeitslosigkeit ging erheblich zurück. Die volle Teilnahme an den vier Freiheiten des EU-Binnenmarktes stimulierte den gegenseitigen Handel und die Direktinvestitionen. Die realen Exporte von Waren und Dienstleistungen stiegen kumuliert von 1995 bis 2020 um 12%; infolge der starken Wettbewerber aus den alten EU-Mitgliedstaaten nahmen die Importe aber um 23% zu. Zehn Jahre lang verbesserte sich die Leistungsbilanz, danach schwenkte sie ins Defizit (Grafik 1 14 und Tabelle 3).
    Grafik 1 zeigt die Wachstumseffekte der 25-jähren EU-Mitgliedschaft Österreichs als Liniendiagramm. Es werden in die Effekte für die Ostöffnung, die Teilnahme am EU/Binnenmarkt, die Teilnahme an der WWU und dem Euro, der EU-Erweiterung sowie die Summe all dieser Effekte für den Zeitraum 1989 bis 2020 dargestellt.
  • Teilnahme an der WWU und Einführung des Euro: Zusätzlich zur EU-Mitgliedschaft trugen die Teilnahme an der WWU und die Einführung des Euro nur 0,1 Prozentpunkte zum jährlichen realen BIP-Wachstum bei (Grafik 1 und Tabelle 3). Diese Ergebnisse liegen unter den Schätzungen mit der synthetischen Kontrollmethode (SKM) von Breuss (2019). Demnach führte die Einführung des Euro zu einem jährlichen BIP-Zuwachs von 0,3Prozentpunkte. McKinsey Deutschland (2012) errechnete wesentlich stärkere Effekte des Euro für die ersten zehn Jahre nach seiner Einführung: Österreich kumuliert +7,8% mehr reales BIP (ein Wachstum von 0,8% pro Jahr), gefolgt von Finnland (6,7%) und Deutschland (6,4%) und den Niederlanden (6,2%). Der Euroraum hat demnach in zehn Jahren um 3,6% zugelegt 15 .
    Tabelle 3: Integrationseffekte der 25-jährigen EU-Mitgliedschaft Österreichs
    Reales BIP VPI Beschäftigung Arbeitslosigkeit Leistungs-­bilanz Budget-­saldo
    (Inflation) gesamt Arbeits­losenquote Anzahl
    in % in Mrd EUR 2010 Preise in % in % in Tsd. in Prozent­punkten in Tsd. in % des BIP in % des BIP
    EU-Mitgliedschaft 1995 - 25 Jahre
    1995–2020
    kumuliert 10,94 37,46 –1,98 5,49 237,90 –1,14 –43,21 –4,27 0,37
    pro Jahr 0,44 1,50 –0,08 0,18 7,53 –0,64 –1,27 –0,97 0,44
    WWU-Teilnahme 1999 - 21 Jahre
    1999–2020
    kumuliert 2,26 8,39 0,17 1,11 49,92 –0,24 –9,62 –1,06 0,10
    pro Jahr 0,11 0,40 0,01 0,04 1,74 –0,13 –0,31 –0,15 0,11
    EU-Erweiterung 2004 und 2007 - 16 Jahre
    2004–2020
    kumuliert 5,27 19,02 0,25 2,68 119,33 –0,53 –20,44 –1,89 0,23
    pro Jahr 0,33 1,19 0,02 0,13 5,61 –0,31 –0,79 –0,55 0,32
    Integrationseffekte gesamt seit 1995 - 25 Jahre
    1995–2020
    kumuliert 20,36 64,24 –1,78 10,09 418,45 –1,99 –72,37 –7,02 0,79
    pro Jahr 0,81 2,57 –0,07 0,40 16,74 –0,96 –2,89 –1,36 0,77
    Ostöffnung 1989 - 31 Jahre
    1989–2020
    kumuliert 2,41 8,93 0,17 1,19 53,56 –0,26 –10,28 –0,22 0,10
    pro Jahr 0,08 0,29 0,01 0,03 1,34 –0,10 –0,23 0,41 0,08
    Quelle: Eigene Berechnungen.

Nach hier vorliegenden Berechnungen sind durch die Teilnahme an der WWU und der Einführung des Euro die realen Exporte seit 1999 kumuliert um 6%, die Importe um 9% gestiegen. Die Leistungsbilanz hat sich in den ersten zehn Jahren verbessert, seither leicht verschlechtert.

  • EU-Erweiterung 2004: Die EU-Erweiterung ergänzte den bereits bestehenden Vorteil durch die Ostöffnung für Österreich 16 . Das reale BIP konnte zusätzlich um 0,3 Prozentpunkte pro Jahr gesteigert werden. Die meisten Studien zur EU-Erweiterung finden eine 1:10-Regel. Das bedeutet, dass die Wohlfahrtsgewinne der neuen EU-Mitgliedstaaten zehnmal höher sind als die der alten EU-Mitgliedstaaten (Breuss, 2002; ähnlich Levchenko und Zhang, 2012 17 ). Die österreichischen Exporte stiegen durch die EU-Erweiterung seit 2004 real kumuliert um 10%, die Importe um 14%. Der anfänglichen Verbesserung der Leistungsbilanz folgte im Zuge der zunehmenden Konkurrenz aus den neuen Mitgliedstaaten eine Verschlechterung.
  • Gesamteffekte von 25 Jahren EU-Mitgliedschaft: Eine Bewertung von 25 Jahren EU-Mitgliedschaft umfasst für Österreich drei Stufen der EU-Integration: Teilnahme am Binnenmarkt, an der WWU/Euro und an der EU-Erweiterung. Eine separate Berechnung dieses Gesamtpakets ergibt folgende Effekte für ­Österreich: das reale BIP stieg kumuliert seit 1995 um rund 20%, jährlich um 0,8%. Pro Kopf und Jahr ist die österreichische Bevölkerung um 7.100 EUR (zu Preisen von 2010) reicher geworden. Es konnten kumuliert rund 420.000 Arbeitsplätze geschaffen werden 18 . Die Inflation sank jährlich um rund 1∕₁₀ Prozent­punkt. Die Leistungsbilanz verbesserte sich durch die EU-Integration anfänglich stark. In den letzten Jahren schwächte sich diese Tendenz ab. Trotz seiner Position als EU-Nettozahler konnte Österreich seinen Staatshaushalt verbessern. Die realen Exporte stiegen kumuliert um 31%, die Importe um 55%, was im Durchschnitt (Ex- und Importe) einem zusätzlichen Handelsvolumen von 43% entspricht 19 . Die FDI-Bestände Österreichs im Ausland verbesserten sich kumuliert um 48% des BIP, jene der Ausländer im Inland um 36% des BIP. Die Wohlfahrt (BIP pro Kopf und Jahr) verbesserte sich in Österreich kumuliert um 7.100 EUR (zu Preisen von 2010) bzw. um 14.600 USD pro Kopf (zu Preisen und Kaufkraftstandards von 2011).

Von allen drei Stufen der europäischen Integration hat die Teilnahme am Binnenmarkt (inklusive WWU/Euro) Österreichs Wirtschaft am nachhaltigsten stimuliert 20 .

Der Verlauf der Wachstumseffekte in Grafik 1 zeigt, dass jeweils nach einem Integrationsschritt die Effekte zunehmen und anschließend abklingen (sinkende Grenzerträge der Integration). Zu einer Dämpfung hat die große Rezession 2009 und die folgende Krise des Euroraums beigetragen. Der Wachstumsimpuls der Ostöffnung wurde durch jenen der EU-Erweiterung abgelöst. Insgesamt haben sich die Wachstumsimpulse durch die EU-Integration nach der Lösung der Eurokrise wieder stabilisiert.

Die Plausibilität der hier vorgelegten Modellergebnisse wird bestätigt, wenn man die Wirtschaftsleistung Österreichs mit jener anderer Länder innerhalb oder außerhalb der EU vergleicht (Tabelle 1). Diese Wachstumsdividende ist, wenn überhaupt, schwer zu erklären, wenn man von den Integrationseffekten der Beteiligung Österreichs an allen politischen Schritten der EU abstrahiert.

  • Ostöffnung: Die Grenzöffnung 1989 war ein Glücksfall für die österreichische Wirtschaft. Dieses historische Ereignis rückte Österreich politisch und ökonomisch vom Rand ins Zentrum Europas. Österreichs hat diese neuen Chancen für Handel und ausländische Direktinvestitionen schnell genutzt. Dabei half sicherlich auch der Effekt der vergangenen Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Die Ostöffnung führte zu einem jährlichen Anstieg des realen BIP um rund 0,1% , schuf zusätzliche Arbeitsplätze und verringerte die Arbeitslosigkeit. Die Leistungsbilanzposition verbesserte sich (Grafik 1 und Tabelle 3). Die realen ­Exporte und Importe stiegen seit 1989 jeweils kumuliert um 8% 21 .

6 Schlussfolgerungen und Ausblick

Mit dem EU-Beitritt hat Österreich nicht nur seinen Wohlstand gesteigert, es war auch von allen Krisen der EU betroffen. Die „Schönwetterperiode“ in der EU und im Euroraum endete mit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise und der ­folgenden großen Rezession 2009. Interessanterweise hat dies die EU und ihre Mitgliedstaaten viel schwerer getroffen als das Verursacherland, die USA (Breuss, 2017). Insgesamt gibt es auch ein sogenanntes EU-Integrationsrätsel (Breuss, 2014). Es besteht darin, dass schwer zu erklären ist, warum die EU, die nach Schaffung der Zollunion 1968 sich integrationspolitisch stetig vertiefte (Binnenmarkt, Euro) und erweiterte, im Durchschnitt kein höheres Wirtschaftswachstum erzielen konnte als die USA, die seit dem Zweiten Weltkrieg unverändert organisiert waren. Das widerspricht allen Voraussagen der diversen Integrationstheorien.

Während die EU im Durchschnitt also insgesamt keine (Andersen et al., 2019) oder nur geringe (Breuss, 2018b) Wachstumsimpulse erzielen konnte, trifft dies auf einzelne Länder, die der EU beitraten, nicht zu. Das gilt sowohl für Österreich (+0,8 Prozentpunkte) als auch für Finnland und Schweden (Tabelle 2).

Trotz des positiven Urteils über die letzten 25 Jahre, muss man davon ausgehen, dass die besten Jahre der österreichischen EU-Mitgliedschaft bereits hinter uns liegen (Breuss, 2020a, 2020b). Selbst wenn man in Betracht zieht, dass durch eine volle Ausschöpfung des Binnenmarktpotenzials (Wolfmayr, 2019) das Realeinkommen noch rund ½ Prozentpunkt höher liegen könnte, geben vier Entwicklungen Anlass zur Annahme, dass für Österreichs Wirtschaft in naher Zukunft kaum ­wesentliche neue Integrationsimpulse zu erwarten sind:

Erstens der Ausfall der Ostdynamik: Bisher sind die neuen EU-Mitgliedstaaten in Zentral-und Osteuropa immer rascher gewachsen als die alten. Das war auch im Sinne des notwendigen Aufholprozesses an die reichen Weststaaten notwendig. Mit Ausnahme Polens, das die große Rezession 2009 ohne Wachstumseinbruch überstanden hatte, mussten alle neuen EU-Mitgliedstaaten 2009 (ganz besonders dramatisch in den baltischen Staaten) einen viel stärkeren Rückgang des Wirtschaftswachstums hinnehmen als die alten Mitgliedstaaten. Die jüngsten Prognosen deuten allerdings darauf hin, dass sich die Wachstumsraten der neuen EU-Mitgliedstaaten langsam an jene der alten anpassen. Die Ostdynamik, die vor allem der österreichischen Außenwirtschaft starken Auftrieb gab, wird sich deutlich verlangsamen. Betrug der Wachstumsvorsprung der 13 neuen EU-Mitgliedstaaten gegenüber den alten von 2004 bis 2019 noch 2,2 Prozentpunkte, so wird er in den kommenden Jahren auf 1,8 schrumpfen.

Die Verlangsamung der Ostdynamik spiegelt sich auch in einer Abflachung der Außenhandelsdynamik wider. Die Exporte steigen langsamer als die Importe. Der österreichische Handelsbilanzüberschuss mit den neuen EU-Mitgliedstaaten ist seit 2009 rückläufig. Ähnliches gilt für die Entwicklung der Direktinvestitionen. ­Österreichs Unternehmen waren nach der Ostöffnung rasch in den neuen Märkten Zentral- und Osteuropas mit Direktinvestitionen aktiv. Nach der großen Rezession 2009 nahm die Zunahme an aktiven FDI in den neuen EU-Mitgliedstaaten ab, mit Ausnahme von Polen. Dort steigen die österreichischen FDI absolut und relativ zu den gesamten Beständen an FDI-Importen. Auch eine EU-Erweiterung um die restlichen Balkanstaaten wird den Ausfall Großbritanniens nicht kompensieren können (Breuss, 2018a).

Zweitens kann man kaum neue Impulse für den Außenhandel und das Wirtschaftswachstum bei einer allfälligen Ausdehnung des Euroraums erwarten. Selbst wenn in naher Zukunft der Euro in allen EU-Mitgliedstaaten eingeführt werden würde (Breuss, 2019), würde der Euroraum nur um – mit Ausnahme Polens – eher kleine Länder (Bulgarien, Dänemark, Kroatien, Polen, Tschechien, Rumänien, Schweden und Ungarn) erweitert werden, sodass nur unwesentliche Wachstumseffekte ausgelöst werden könnten.

Drittens sind die möglichen Kosten, die mit dem endgültigen Brexit – hart oder weich – verbunden sein können, nicht zu unterschätzen. Selbst bei einem weichen Brexit mit einem umfassenden Handelsabkommen mit der EU kommt es – zwar zu einer minimalen, aber immerhin – zu einer Dämpfung der Wirtschaftsentwicklung in den restlichen 27 EU-Mitgliedstaaten. Zudem dürfte dies Einschränkungen im EU-Haushalt mit sich bringen. Die Lücke, die der Nettozahler Großbritannien hinterlässt, muss entweder durch Einsparungen oder Mehrzahlungen im mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) 2021–2027 der EU kompensiert werden. Insbesondere wenn man an das ehrgeizige Programm des Green Deals der neuen EU-Kommission (Von der Leyen, 2019) denkt, das 1 Billion EUR für die Umgestaltung (Dekarbonisierung) der europäischen Wirtschaft bis zum Jahr 2050 vorsieht.

Viertens dürfte die Corona-Krise nicht nur eine schwere Rezession im Jahr 2020 zur Folge haben, sondern auch den europäischen Integrationsprozess maßgeblich bremsen.

Anhang A: Geschätztes Integrationsmodell für Österreich 1995–2020

BIP, real (Cobb-Douglas-Produktionsfunktion; Mrd. EUR zu Preisen von 2010)
GDPR = (TFP) * ( (K^0.26) * (EE^0.74) )

Gesamte Faktorproduktivität (TFP)
DLOG(TFP) = - 0.0115513602064 + 0.00343489045653 * RAD + 0.980468755002 * DLOG(AP) + 0.000205561263848 * D(XGSR - MGSR) + 0.000191728249692 * D(FDISOUT - FDISIN)

F&E (in % des BIP)
RAD = 0.00543703513179 * LOG(GDPR) + 0.948217360421 * RAD(-1) + 0.06309481172 * T_RAD_1960_2021

Privater Konsumdeflator (2010=100)
DLOG(PCN) = 0.973345280023 * DLOG(CPI) - 0.00710155715314 * D_2002

VPI (nationale Definition; 2010=100)
DLOG(CPI) = 0.00559135702408 + 0.205883461631 * MARKUP * DLOG(ULC) + 0.237529163211 * MARKUP * DLOG(PM) + 0.43120071218 * DLOG(CPI(-1)) + 0.0154653606767 * D_1984

HVPI (2015=100)
DLOG(HICP) = 0.988146178238 * DLOG(CPI)

BIP-Deflator (2010=100)
DLOG(PGDP) = 0.921837196067 * DLOG(CPI) + 0.401225862217 * DLOG(PX) - 0.288713045394 * DLOG(PM)

Löhne und Gehälter pro Beschäftigte (Phillips curve)
DLOG(WE) = - 0.00144743531813 + 0.60314981739 * DLOG(CPI) + 0.231489831239 * DLOG(AP(-1)) + 0.0665357832197 * 1 / U - 0.0239259147163 * D_1980

Löhne und Gehälter (Mrd. EUR)
WN = (WE * E) / 1000

Zinssätze, kurzfristige für Eurozone in % (Taylor-Regel)
RSH_EA19 = 2 + @pc(HICP_EA19) + 0.5 * (@pc(HICP_EA19) - 2.0) + 0.5 * (@pc(GDPR_EA19) - 1.5)

Zinssätze, kurzfristig für Österreich (%)
RSH = 0.2813195042 + 0.909901586304 * RSH_EA19 - 4.45121787297 * D_1973 + 2.76474757889 * D_1978

Zinssätze, langfristig kurzfristig für Österreich in %
RLH = 0.225015979932 * RSH + 0.143006702322 * DLOG(CPI) * 100 + 0.743335335312 * RLH(-1)

Nachfrage nach Kapital, real (Mrd. EURl zu Preisen von 2010)
DLOG(K) = 0.000335532315786 + 0.000521308221411 * D(BUD) - 0.000363147344055 * PRDEF + 0.116291490499 * DLOG(GDPR) + 0.0002415867123 * D(DLOG(WE) * 100 - (RLH - DLOG(PGDP) * 100)) + 0.874359058305 * DLOG(K(-1))

Kapitalkoeffizient (K/Y)
KY = (K / GDPR)

Nachfrage nach Arbeit (Gesamtbeschäftigung in 1.000 Personen)
DLOG(EE) = 0.174282710432 * DLOG(GDPR) - 0.0648226270585 * DLOG(WE) + 0.00181138757852 * D(BUD) + 0.712691222869 * DLOG(EE(-1))

Unselbständig Beschäftigte (in 1.000 Personen)
DLOG(E) = - 0.00172975608038 + 0.792494447278 * DLOG(EE) + 0.167695322004 * DLOG(GDPR) + 0.260455670288 * DLOG(E(-1))

Arbeitsangebot (in 1.000 Personen)
LS = EE + US

Arbeitsproduktivität (Gesamtwirtschaft)
AP = (GDPR / EE)

Lohnstückkosten
ULC = (WN / GDPR)

Arbeitslosenquote in % (Okuns Gesetz)
D(U) = 0.0899290856351 - 6.57851403943 * DLOG(GDPR) + 0.00137828071958 * D(POP - MIGR_OST89 - MIGR_EU95 - MIGR_EUEW04) - 0.0396818448546 * BUD + 0.690466863733 * D_1981

Arbeitslosigkeit (in 1000 Personen)
US = ( (U * LS) / 100 )

Exporte von Gütern und Dienstleistungen gesamt, real (zu Preisen von 2010)
LOG(XGSR) = - 14.4504818744 + 1.9915543252 * LOG(GDPR_EU28) - 0.390799429609 * NTBEU / 100 - 0.19513552264 * NTBEUR / 100 - 0.307095611781 * NTBERW / 100 - 0.112788237886 * LOG(REER_IC37)

Exporte von Gütern und Dienstleistungen gesamt, nominell (Mrd. EUR)
XGSN = XGSR * (PX / 100)

Exportquote (in % des BIP)
XQUOTA = (XGSN / GDPN) * 100

Importe von Gütern und Dienstleistungen gesamt, real (zu Preisen von 2010)
LOG(MGSR) = - 5.21774023861 + 1.80352291311 * LOG(GDPR) - 0.0665619172878 * NTBEU / 100 - 0.150426467896 * NTBEUR / 100 - 0.134041596563 * NTBERW / 100 + 0.0449696756976 * LOG(REER_IC37)

Importe von Gütern und Dienstleistungen gesamt, nominell (Mrd. EUR)
MGSN = MGSR * (PM / 100)

Importquote (in % des BIP)
MQUOTA = (MGSN / GDPN) * 100

Leistungsbilanz, nominell (Mrd. EUR; AMECO)
CA = XGSN - MGSN

Leistungsbilanz in % des BIP (AMECO)
CAGDPN = ( ( XGSN - MGSN ) / GDPN) * 100

Leistungsbilanz, nominell (Mrd. EUR; OeNB)
CA_OeNB = CA - CA_Diff_to_OeNB

Leistungsbilanz in % des BIP (OeNB)
CA_OeNBGDPN = ( ( CA_OeNB) / GDPN ) * 100

Leistungsbilanz in % des BIP (OeNB) ohne Nettozahlungen an den EU-Haushalt
CA_OeNBGDPNNET = CA_OENBGDPN - NETEU

FDI-Exportströme in % des BIP
FDIEX = 0.703968274259 + 0.741382771715 * D(FDISOUT)

FDI-Exportbestände in % des BIP
FDISOUT = 14.304433363 + 0.00014808669276 * GDPR_EU28 - 11.7312176306 * NTBEU / 100 - 9.21771473506 * NTBEUR / 100 - 28.7059040904 * NTBERW / 100 + 0.688135856646 * FDISOUT(-1)

@ADD FDISOUT FDISOUT_A

'

FDI-Importströme in % des BIP
FDIIN = 0.725996441314 + 0.439090477198 * D(FDISIN)

FDI-Importbestände in % des BIP
FDISIN = 11.6701989236 + 0.0117185993352 * GDPR - 6.10296354243 * NTBEU / 100 - 13.7055564787 * NTBEUR / 100 - 19.4658892546 * NTBERW / 100 + 0.653910055198 * FDISIN(-1)

Verfügbares persönliches Einkommen der Privathaushalte, nominell (Mrd. EUR)
YDN = 2.35636745533 + 0.0759779943024 * GDPN + 0.881837747918 * YDN(-1) + 4.96323529651 * D_2005

Verfügbares persönliches Einkommen der Privathaushalte, real (Mrd. EUR)
YDR = (YDN / (PCN / 100))

BIP, nominell (Mrd. EUR)
GDPN = (GDPR * (PGDP / 100))

BIP, real pro Kopf (in 1.000 EUR zu Preisen von 2010; AMECO) – Wohlfahrtsmaß 1
GDPRPC = ( (GDPR * 1000) / (POP - MIGR_OST89 - MIGR_EU95 - MIGR_EUEW04) )

BIP, real pro Kopf (in 1000 KKP zu USD-Preisen von 2011; Penn World Table 9.1) – Wohlfahrtsmaß 2
LOG(GDPPCPPP$) = - 2.58963785105 + 1.74146931255 * LOG(GDPRPC) - 0.0825262148723 * D_2007

Budgetsaldo Gesamtstaat (Net-Lending in % des BIP)
BUD = - 1.08904308859 + 0.308961287997 * DLOG(GDPR) * 100 - 0.473192047278 * ELEC + 0.742733243961 * BUD(-1) - 3.22284182454 * D_2004

Budgetsaldo Gesamtstaat in % des BIP inkl. Nettozahlungen an den EU-Haushalt
BUDNET = BUD - NETEU

Österreichische Nettozahlungen an den EU-Haushalt (Mrd. EUR)
NETEUABS = (NETEU * GDPN) / 100

Staatsschuldendynamik: Brutto-Staatsschuld in % des BIP
DEBT = DEBT(-1) - PRDEF + SNOW + SF

Primärsaldo des Staatshaushalts in % des BIP
PRDEF = BUD + INTEREST

Zinszahlungen des Staates in % des BIP
INTEREST = - 0.0632261236689 + 9.19806662511 * (RLH / 100) * ((DEBT(-1)) / GDPN(-1)) + 0.956786618317 * INTEREST(-1)

Schneeball-Effekt in % des BIP
SNOW = 0.464617030002 + 0.00694800310066 * (RLH - DLOG(GDPN) * 100) * DEBT(-1)

Lohnquote in % des BIP
LQ = 12.6049410926 - 0.0268023693165 * (XQUOTA + MQUOTA) - 0.0434597223178 * D(FDISOUT + FDISIN) + 0.818198250529 * LQ(-1) + 3.73678321626 * D_1975

DLOG(Variable) = %-Veränderung. D_Jahr = Dummy-Variable. Schätzungen mit EViews 9.0 für die Period 1960-2020. Datenquelle: AMECO-Datenbasis der Europäischen Kommission (Leistungsbilanz- und FDI-Daten: OeNB). NTBEU (NTBEUR, NTBERW) = nicht-tarifarische Handelshemmnisse im EU-Binnenmarkt (WWU/Euro, EU-Erweiterung).

Anhang B: Modellinputs für 3 Integrationsszenarien: EU/Binnenmarkt, WWU/Euro und EU-Erweiterung

Tabelle B1: Modellinputs für drei Integrationsszenarien
Szenario 1 Szenario 2 Szenario 3
EU/Binnenmarkt 1995 WWU/Euro 1999 EU-Erweiterung 2004
NTBEU MARKUP RAD NETEU MIGR_EU95 NTBEUR REER_IC37 NTBERW MIGR_EUEW04
1989 30 1 1,55 0,00 0 30 103,41 30 0
1990 30 1 1,60 0,00 0 30 102,57 30 0
1991 30 1 1,65 0,00 0 30 102,08 30 0
1992 30 1 1,70 0,00 0 30 103,25 30 0
1993 30 1 1,75 0,00 0 30 109,49 30 0
1994 30 1 1,80 0,00 0 30 111,96 30 0
1995 25 1 1,86 –0,44 –2 30 113,88 30 0
1996 20 1 1,91 –0,15 0 30 109,19 30 0
1997 15 1 1,96 –0,44 –2 30 103,98 30 0
1998 10 1 2,01 –0,34 4 30 103,31 30 0
1999 5 1 2,06 –0,33 15 25 101,59 30 0
2000 0 1 2,11 –0,20 13 20 97,35 30 0
2001 0 1 2,16 –0,25 33 15 97,48 30 0
2002 0 1 2,22 –0,09 29 10 97,68 30 0
2003 0 1 2,27 –0,14 36 5 100,25 30 0
2004 0 1 2,32 –0,15 0 0 100,35 25 33
2005 0 1 2,37 –0,11 0 0 99,42 20 26
2006 0 1 2,42 –0,11 0 0 100,21 15 6
2007 0 1 2,47 –0,20 0 0 101,38 10 7
2008 0 1 2,52 –0,12 0 0 101,94 5 7
2009 0 1 2,58 –0,14 0 0 104,11 0 0
2010 0 1 2,63 –0,23 0 0 101,80 0 3
2011 0 1 2,68 –0,26 0 0 101,73 0 13
2012 0 1 2,73 –0,34 0 0 101,16 0 26
2013 0 1 2,78 –0,39 0 0 104,28 0 20
2014 0 1 2,83 –0,38 0 0 105,16 0 30
2015 0 1 2,89 –0,25 0 0 103,80 0 30
2016 0 1 2,94 –0,28 0 0 103,88 0 30
2017 0 1 2,99 –0,25 0 0 104,19 0 26
2018 0 1 3,04 –0,35 0 0 105,10 0 17
2019 0 1 3,09 –0,40 0 0 103,68 0 17
2020 0 1 3,14 –0,50 0 0 102,20 0 17
Ohne Effekte: immer 30 ab 1995 1,1 1995 1,36 0,00 0 immer 30 immer 30 0
EU/Euro/EU-Erweiterung 1999 1,39 ab 1999 1–4% ­weniger
Quelle: Eigene Berechnungen.
Anmerkung: NTBEU (NTBEUR, NTBERW) = nichttarifäre Handelshemmnisse im EU-Binnenmarkt (WWU/Euro, EU-Erweiterung) in den Handels- und FDI-Gleichungen; MARKUP = Preisaufschlag in Preisgleichungen; NETEU = Nettobeitrag Österreichs zum EU-Haushalt in % des BIP; MIGR_EU95 = Netto-Immigration nach dem österreichischem EU-­Beitritt 1995; REER_IC37 = Index des realen effektiven Wechselkurs (Euro vis á vis 37 Industriestaaten; 2015=100); MIGR_EUEW04 = Netto-Immigration nach den EU-­Erweiterungen ab 2004.

Literaturverzeichnis

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2 WIFO, Fritz.Breuss@wu.ac.at; Fritz.Breuss@wifo.ac.at. Dieser Beitrag wurde noch vor dem Ausbruch der COVID-19-­Krise verfasst.

3 Die Vollendung des EU-Binnenmarktes ist auch nach 27 Jahren noch nicht vollständig abgeschlossen. Er soll noch um zahlreiche Elemente ausgebaut werden: Kapitalmarktunion, Energie-Binnenmarkt, digitaler Binnenmarkt, etc. Allerdings bestehen weiterhin Hindernisse, insbesondere ein Mangel an Harmonisierung auf dem Binnenmarkt: uneinheitliche nationale Steuersysteme, isolierte nationale Märkte für Finanzdienstleistungen sowie im Energie- und Verkehrsbereich, unterschiedliche nationale Regeln, Standards und Verfahren für den elektronischen Handel, komplexe Regeln für die Anerkennung von Berufsqualifikationen (https://europa.eu/european-union/topics/single-market_de). Beispielsweise ist die Richtlinie über Dienstleistungen im Europäischen Binnenmarkt erst nach mehrjährigen Verhandlungen im Europäischen Rat und Europäischen Parlament Ende des Jahres 2006 in Kraft ­getreten. Die Mitgliedstaaten hatten bis Ende 2009 Zeit, die Richtlinie in ihre Rechtsordnung zu übernehmen (Breuss et al., 2008). Zur Reform und Verbesserung des Binnenmarktes wurden 2011 und 2012 zwei Binnenmarktakte vorgelegt (Binnenmarktakte II, 2012: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/IP_12_1054).

4 Während die Mehrzahl der Studien zur europäischen Integration positive Wachstumseffekte findet (Badinger und Breuss, 2011), postulieren Andersen et. al. (2019), dass keine Wachstumseffekte nachweisbar seien. Obgleich die EU-Mitgliedschaft keine dauerhaften Wachstumseffekte mit sich bringt, führt die immer stärkere Vertiefung zu zahlreichen Regimewechseln und damit zu wachstumsförderlichen Schocks. In Breuss (2018b) wird das anlässlich von 25 Jahren EU-Binnenmarkt gezeigt.

5 Cecchini-Bericht (1988) für den Binnenmarkt; Europäische Kommission (1990) für den Euro.

6 Eine Übersicht über solche Studien findet sich in Breuss (2012) und Beer et al. (2017).

7 Zu den Auswirkungen des Unionsrechts auf die nationale Rechtsordnung aus rechtswissenschaftlicher Sicht siehe Griller et al. (2015).

8 Das im Maastricht-Vertrag geplante Binnenmarktprogramm ist auch nach einem Vierteljahrhundert noch immer nicht vollständig umgesetzt. Wolfmayr (2019) zeigt, dass bei einer vollständigen Umsetzung noch erhebliche Handels- und Wohlfahrtspotenziale auszuschöpfen wären. Der Intra-EU-Handel könnte um 0,5% bis 7,6%, die Realeinkommen in der EU und in Österreich um zusätzlich 0,5% steigen.

9 Einen Vorläufer des hier verwendeten Modells findet man in Breuss (2016).

10 Die detaillierten Modellinputs sind in Anhang B ausgewiesen.

11 In den Schätzungen der Handelseffekte des EU-Beitritts mit einem strukturellen Gravitationsmodell erfasst Oberhofer (2019) den EU-Effekt nur mit einer Dummy-Variable . Von 1995–2014 ist demnach der österreichische Intra-­EU-­Handel um 46% gestiegen. Die Dummy-Variable für den Euro liefert bei Oberhofer aber ein negatives Vorzeichen.

12 Badinger und Breuss (2005) analysierten die sektorale Veränderung der Aufschlagspreise nach dem EU-Beitritt in Österreich. Das Ergebnis war gemischt. Einige Sektoren verzeichneten deutliche Senkungen der Markups (Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden, Groß- und Einzelhandel, Finanzdienstleistungen und Immobilien), in ­anderen Sektoren wurden kaum Senkungen festgestellt.

13 Finnland zahlte im Durchschnitt von 1995 bis 2018 pro Jahr 0,14% des BIP netto in den EU-Haushalt ein, Schweden 0,34% (Tabelle 2).

14 Der Verlauf der Wachstumseffekte der einzelnen Integrationsschritte in Grafik 1 erscheint zeitlich stark verzögert. Dies ist auf die verwendete Glättung (12-Jahre gleitende Durchschnitte) zurückzuführen. Tatsächlich weisen die unbereinigten simulierten Integrationseffekte eine starke Volatilität auf; sie steigen aber beim jeweiligen Integrationsschritt an. Andere Glättungsmethoden, wie z. B. ein Hodrick-Prescott-Filter bringen schlechtere Ergebnisse.

15 Die McKinsey-Studie bewertet vier Kategorien von Euro-Effekten: i) Reduzierung der Transaktionskosten: geringe Auswirkungen auf das BIP; ii) Handelseffekte innerhalb des Euro-Währungsgebiets; iii) Wettbewerbsfähigkeit: dieser Effekt ist für Deutschland und (wie im vorliegenden Modell) auch für Österreich hoch; er ist für die Länder mit weichen Währungen (wie Italien) negativ, und iv) Zinseffekt: dieser Effekt ist für Deutschland und Österreich niedrig, weil der gemeinsame Zinssatz des Euro-Währungsgebiets auf jenem Deutschlands beruhte; er war hoch für die Länder mit hohen Zinssätzen vor der WWU, wie Italien und andere Länder in der Peripherie des Euro-Währungsgebiets.

16 Vor dem EU-Beitritt der EU-Beitrittskandidaten von 2004 und 2007 startete die EU bereits im Rahmen der Europa-Abkommen einen asymmetrischen Liberalisierungsprozess. Die EU hat die Zölle und NTB für Einfuhren aus den EU-Beitrittskandidaten bereits ab 1997 stufenweise abgeschafft; die zentral- und osteuropäischen Länder folgten 2002. Nach dem EU-Beitritt traten die neuen Mitgliedstaaten der Zollunion der EU bei und nahmen am EU-Binnenmarktprogramm teil. Dies bedeutete zum einen die Anpassung der nationalen Zollsätze an den GZT der EU und die Abschaffung der Grenzkontrollen, womit die verbleibenden Handelskosten eliminiert wurden.

17 Levchenko und Zhang (2012) schätzen die Wohlfahrtsgewinne aufgrund der europäischen Handelsintegration seit 2000 im Westen jährlich auf 0,14% (im Osten auf 7,94%). Im Westen ist Österreich mit +0,39% der größte Gewinner. Im Osten sind Estland mit +17,25%, Lettland +11,93% und Bulgarien +10,57% die größten ­Gewinner; die Wohlfahrtsgewinne der anderen zentral- und osteuropäischen Länder liegen unter 10%.

18 Die hier nach 25 Jahren dargestellten Schätzungen der makroökonomischen Effekte der EU-Integration decken sich größtenteils mit jenen, die vor dem EU-Beitritt vom Wifo mit einem Makromodell und Input-Output-Modell vorgenommen wurden (Breuss und Schebeck, 1989; Breuss et al. 1994).

19 Oberhofer (2019) schätzt mit einem strukturellen Gravitationsmodell den Zuwachs des österreichischen Intra-­EU-Handels für die ersten 10 Jahr EU-Mitgliedschaft (1995–2014) auf 46%. Eingefügt in das ADAGIO-Input-Output-Modell des Wifo ergibt sich daraus ein jährlicher Anstieg des realen BIP von 0,7%.

20 Das deckt sich mit den Berechnungen von Felbermayr et al. (2018), die den hypothetischen Fall einer vollständigen Auflösung der EU untersuchen. Den größten negative Effekt (gemessen am Pro-Kopf-Einkommen) hätte die Beseitigung des Binnenmarktes: Deutschland –3.9%, Österreich –6.2%. Neben der Aufgabe des Schengener Abkommens hätte der Verlust des Euro auch Einkommensverluste zur Folge: Deutschland –0.4%, Österreich –0,7%. Für ­Berechnungen der Binnenmarkteffekte siehe auch Mion und Ponattu (2019). Ihnen zufolge profitierte Österreich vom Binnenmarkt mit einem Anstieg des realen Einkommens (Wohlfahrt) um 3,9%, Finnland +2,5%, Schweden +2,8%. Nach London Economics (2017) profitierte Österreich seit 1995 vom Binnenmarkt mit einem Anstieg des BIP pro Kopf von 2,6% (EU28 +1,7%), Finnland +1,7%, Schweden +1,5%.

21 Mit der Ostöffnung ging aber offensichtlich (neben dem technischen Fortschritt) auch ein starker Druck auf die Lohnquote einher (siehe Breuss, 2010).

Konvergenz, Produktionsintegration und Spezialisierung in Europa seit 1995

Robert Stehrer 22

Wissenschaftliche Begutachtung: Christian Ragacs, OeNB; Klaus Vondra, OeNB

Die Entwicklung Österreichs infolge des EU-Beitritts am 1. Jänner 1995 ist im Zusammenhang mit dem beginnenden europäischen Integrationsprozess infolge der Osteuropaöffnung zu sehen. Wesentliche Aspekte dieses Integrationsprozesses waren die (i) Umstrukturierungs- und Aufholprozesse der osteuropäischen Länder (ii) die Einbindung in europäische und globale Wertschöpfungsketten und die damit einhergehende Entwicklung der Handelsströme und ausländischen Direktinvestitionen und (iii) die sich ergebende Entwicklung der Spezialisierungs- und Agglomerationsmuster innerhalb Europas. Aufgrund der geographischen, aber auch politischen Lage Österreichs zwischen West und Ost stellte der EU-Beitritt sowohl eine große Herausforderung als auch Chance dar. Die vorliegende Studie zeichnet die Entwicklung Österreichs entlang dieser Dimensionen im europäischen Kontext nach und diskutiert die daraus folgenden zukünftigen Herausforderungen.

JEL Klassifikation: F02, F14, F62, O47, O52

Keywords: EU Integration, Osteuropaöffnung, Aufholprozess, Wertschöpfungsketten

“… liegst dem Erdteil Du inmitten …” (Österreichische Bundeshymne)

Die österreichische wirtschaftliche Entwicklung nach dem Beitritt zur Europäischen Union vor 25 Jahren ist stark mit anderen wichtigen europäischen Ereignissen verflochten, die große Herausforderungen, aber auch Chancen mit sich brachten. Der vorliegende Beitrag stellt in Kapitel 1 selektiv einige wichtige Fakten dieses europäischen Integrationsprozesses dar und beleuchtet die Entwicklung und Position Österreichs in dieser Hinsicht. In Kapitel 2 wird die Konvergenzdynamik des Bruttoinlandsproduktes pro Kopf und der Produktivität in den letzten 25 Jahren dargestellt. Anschließend wird in Kapitel 3 die Entwicklung der Einbindung Österreichs in europäische und globale Wertschöpfungsketten durch Handelsverflechtungen (die auch stark mit Strömen von Auslandsinvestitionen verbunden sind) seit dem EU-Beitritt gezeigt. Aufgrund der Produktionsintegration und Ausbildung von Wertschöpfungsketten in Europa kam es zu Agglomerations- und Spezialisierungsmustern und der Entstehung des "EU manufacturing core", zu dem – neben Deutschland und einigen mittel-und osteuropäischen Ländern – auch Österreich gezählt wird (Stehrer und Stöllinger, 2015), wie in Kapitel 4 gezeigt wird. Im vorliegenden Beitrag wird ein besonderes Augenmerk auf den Vergleich mit Deutschland und Italien, die ebenso wie Österreich Nachbarländer der mittel- und osteuropäischen Länder sind, gelegt. Weiters steht der Vergleich mit Finnland und Schweden im Fokus, die beide ebenfalls 1995 EU-Mitglieder geworden sind und sich auch in geographischer Nähe zu den osteuropäischen Ländern befinden.

1 Der EU-Beitritt im Lichte des europäischen Integrationsprozesses

Der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union am 1. Jänner 1995 erfolgte zur Zeit eines beginnenden starken Aufholprozesses der (bis 1989 kommunistischen) osteuropäischen Länder und ihrer Integration in die europäische Wirtschaft, der schließlich 2004 zum EU-Beitritt von zehn Ländern (Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechische Republik, Ungarn und Zypern) und 2007 von zwei weiteren Ländern (Bulgarien und Rumänien) führte; Kroatien trat 2013 bei. Aus ökonomischer Sicht hatten diese Länder nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 einen starken Aufholprozess und eine Ausrichtung der Handelsströme in Richtung der westeuropäischen Länder – insbesondere der Nachbarländer Österreich, Deutschland und Italien – eingeleitet. Dieser Prozess verlief jedoch keines­wegs reibungslos: Er begann mit einer starken und schweren Rezession zu Beginn der 1990er-Jahre (der sogenannten Transformationsrezession), der die meisten Länder Mitte der 1990er-Jahre entkamen. Ende der 1990er-Jahre durchliefen einige Ländern eine Finanzkrise (z. B. die Tschechische Republik). Danach, ungefähr bis zum Ausbruch der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008, verlief der wirtschaftliche Integrations- und Konvergenzprozess eher reibungslos.

Tabelle 1: Ausgewählte politische und ökonomische Ereignisse in Europa seit 1989
Jahr Ereignis
1989 Fall des Eisernen Vorhangs
Beginn der 1990er-Jahre Deutsche Wiedervereinigung, ökonomische Abschwächung und Tranformationsrezession in Zentral- und Osteuropa
1995 EU-Beitritt von Österreich, Finnland und Schweden
1997/1998 Finanz- und Wirtschaftskrise in einigen osteuropäischen Ländern
1991–1995, 1998–1999 Balkankriege (Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo)
1999 Euro-Einführung
2001/2002 China wird WTO-Mitglied
2004 Osterweiterung der EU: Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechische ­Republik, Ungarn und Zypern
2007 EU-Beitritt von Bulgarien und Rumänien
2008–2009 Globale Finanz- und Wirtschaftskrise
2010–2012 Staatsschuldenkrisen in verschiedenen Euroländern
2015/2016 Flüchtlingskrise
2020 Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU (Brexit), Covid-19-Pandemie
Quelle: Eigene Darstellung.

In die Zeit nach 1989 fielen einige weitere wichtige politische und wirtschaftliche Ereignisse, die selektiv in Tabelle 1 dargestellt sind. Sie reichen von der wirtschaftlichen Dynamik in den europäischen Ländern über politische Krisen und Kriege in der Nachbarschaft der EU bis hin zu globalen Entwicklungen, wie dem Aufstieg der Schwellenländer der z. B. zum WTO-Beitritt Chinas im Dezember 2001 führte. In den letzten Jahren haben populistische Bewegungen und Desintegrationstendenzen – bis hin zum schmerzhaften Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU im Januar 2020 – an Dynamik gewonnen. Hinzu kommen weitere allgemeine Trends, die aus Sicht der internationalen Integration wichtig sind: Beispiele dafür sind die Entwicklung globaler Produktionsnetzwerke und Wertschöpfungsketten, Digitalisierung, demographische Entwicklungen (inklusive der Migrations­bewegungen) und die sich verschärfenden ökologischen Herausforderungen. Die Auswirkungen der Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie und ­deren Dauer sind derzeit noch nicht absehbar.

Die österreichische Entwicklung nach dem EU-Beitritt war mit allen diesen Entwicklungen, insbesondere mit jenen in den östlichen Nachbarländern aufgrund der geografischen Nähe, stark verbunden. Daraus ergaben sich einerseits eine Reihe von Chancen für die österreichischen Unternehmen, wie z. B. relativ stark wachsende Exportmärkte und durch groß angelegte Privatisierungsprogramme ­getriebene Investitionsmöglichkeiten in einigen der mittel- und osteuropäischen Länder, die zu grenzüberschreitenden Produktionsnetzwerken und der Auslagerung verschiedener Produktionsschritte (getrieben u. a. durch die dort ansässigen qualifizierten und relativ billigen Arbeitskräfte) führten. Andererseits bedeutete dies auch Heraus­forderungen, wie z. B. die Konkurrenz durch Billiganbieter und Migrationsströme, die aus verschiedenen Gründen Anlass zur Besorgnis gaben.

Zum Zeitpunkt des EU-Beitritts bestanden starke Wirtschaftsbeziehungen zu den westeuropäischen Ländern, insb. zu Deutschland, das Österreichs wichtigster Partner im Handel und bei ausländischen Direktinvestitionen war und bis heute ist. Auch die übrigen EU-Länder waren von den oben beschriebenen Entwicklungen betroffen, insbesondere auch jene, mit denen Österreich bereits starke Wirtschaftsbeziehungen unterhielt, wie z. B. Italien. In den folgenden Kapiteln werden selektiv Indikatoren dargestellt, die diese Entwicklungen hinsichtlich der österreichischen Performance zeigen.

2 Österreichs Position im europäischen Konvergenzprozess

Der Zeitpunkt des EU-Beitritts Österreichs war durch einen starken, wenn auch teilweise holprigen Konvergenzprozess der osteuropäischen Länder gekennzeichnet. Die Wachstumsdynamik vom EU-Beitritt 1995 bis zum Jahr 2018 ist in Grafik 1 dargestellt, die den Zusammenhang zwischen dem Ausgangsniveau des BIP pro Kopf (in Kaufkraftparitäten) im Jahr 1995 und den BIP-Wachstumsraten zeigt. In Übereinstimmung mit der Literatur zum Wirtschaftswachstum sieht man eine starke negative Korrelation, d. h. Länder, die in den ersten Jahren weiter zurücklagen, weisen langfristig höhere Wachstumsraten auf. 23

Im Jahr 1995 erreichten die mittel- und osteuropäischen Länder beim Pro-Kopf-Einkommen (BIP pro Kopf) zwischen einem Viertel und einem Drittel des Niveaus der reichsten europäischen Länder (ohne Luxemburg). Nur Tschechien und Slowenien erreichten fast zwei Drittel dieses Einkommensniveaus. Die osteuropäischen Länder verzeichneten durchschnittlich sehr hohe Wachstumsraten zwischen 4 und 8 Prozent, die auf einen starken Konvergenzprozess hindeuten.

Das Streudiagramm in Grafik 1 zeigt die Wachstumsraten des Pro-Kopf-Wachstums auf der vertikalen und das BIP pro Kopf 1995 in Kaufkraftparitäten. Die mittel- und osteuropäischen Länder weisen höhere Wachstumsraten zwischen 4 und 8 Prozent und ein geringeres BIP pro Kopf im Jahr 1995 (zwischen 5.000 und 10.000 EUR) auf. Hingegen zeigen die westeuropäischen Staaten geringere Wachstumsraten zwischen 2 und 4 Prozent und ein höheres anfängliches BIP pro Kopf zwischen 15.000 und 20.000 EUR auf.

Betrachtet man die westeuropäischen Länder, so ergibt sich jedoch ein anderes Bild. Wie Grafik 1 zeigt, gibt es in dieser Ländergruppe keine Konvergenz – die Wachstumsraten von zwei Ländern, Griechenland und Italien, liegen weit unter dem Durchschnitt (hauptsächlich bedingt durch die Auswirkungen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise). Die Gruppe der reichsten Länder – einschließlich Österreich – erzielte Wachstumsraten leicht über dem der Durchschnitt der EU-15. Die Wachstumsraten dieser Gruppe der reichsten Länder liegen – ähnlich wie die der Länder im mittleren Bereich des Pro-Kopf-Einkommensniveaus, wie Spanien und Portugal – auch leicht über denen Frankreichs und des Vereinigten Königreichs.

Die Persistenz der relativen Pro-Kopf-Einkommensniveaus wird noch deutlicher, wenn man diese im Verhältnis zu den gesamten EU-28 betrachtet. Grafik 2 vergleicht die Position Österreichs mit den EU-15, Deutschland und Italien sowie Finnland und Schweden, die beide ebenfalls 1995 der EU beigetreten sind.

Das Balkendiagramm zeigt das BIP pro Kopf in Kaufkraftparitäten in Relation zum EU-28 Niveau als Index (EU-28 = 100) für die Länder Österreich, Deutschland, Italien, Finland und Schweden und die EU-15 und über die Jahre 1995, 2000, 2005, 2010, 2015 und 2018. Österreich, Deutschland und Schweden weisen Indexwerte zwischen 120 und 130 auf. Der Wert für Finland liegt durchschnittlich bei etwa 110. Der Index sank für Italien von 124 im Jahr 1995 auf 96 im Jahr 2018.

Während Österreich seine relative Position zum BIP pro Kopf der EU-28 mehr oder weniger halten konnte (die relative Einkommensposition veränderte sich von 31 Prozentpunkten über dem EU-28-Durchschnitt auf 28 Prozentpunkte), ist die Position der EU-15 (relativ zur EU-28) um etwa 10 Prozentpunkte (von etwa 117 auf 107) zurückgegangen. Im Vergleich zu den beiden Nachbarländern Deutschland und Italien schnitt Österreich sogar besser ab. Während das deutsche Pro-Kopf-BIP relativ zur EU-28 anfänglich leicht zurückgegangen war, sich aber in den späteren Jahren erholte, verzeichnete Italien einen sehr starken Rückgang von etwa 23 Prozentpunkten über dem EU-28-Durchschnitt im Jahr 1995 auf 4 Prozentpunkte unter diesem Durchschnitt im Jahr 2018. Auch im Vergleich zu den beiden anderen Beitrittsländern von 1995, Finnland und Schweden, schnitt Österreich besser ab: Finnland lag im Jahr 2018 nach einem starken anfänglichen Anstieg ­seiner relativen Position nur leicht über dem relativen Niveau von 1995. Schweden hatte mit 27 Prozentpunkten über dem EU-28-Durchschnitt in einer ähnlichen, wenn auch etwas niedrigeren Position als Österreich gestartet, verzeichnete jedoch einen etwas stärkeren Rückgang auf etwa 21 Prozentpunkte im Jahr 2018.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Österreich seit dem EU-Beitritt in der Phase der starken europäischen Integration zwischen West und Ost überdurchschnittlich gut abschnitt und sogar die ausgewählten Peer-Ländern Deutschland, Italien, Finnland und Schweden überholte.

3 Österreichs Integration in europäische und globale ­Wertschöpfungsketten

Ein Grund für das gute Abschneiden Österreichs war die starke Integration in europäische und globale Wertschöpfungsketten, die unter anderem durch die zentrale geographische Lage im Zentrum Europas und eine solide ökonomischen Ausgangssituation bedingt war. Dieser Integrationsprozess stellt sich im Detail folgendermaßen dar: Der Anteil der österreichischen Exporte am BIP (Exportquote) stieg von etwas über 30 % im Jahr 1995 auf rund 55 % im Jahr 2019 und damit um rund 25 Prozentpunkte. Da in den Bruttoexporten aber auch die importierten Vorleistungen enthalten sind, überschätzt diese Zahl den Effekt auf das gesamtwirtschaftliche Einkommen. Die Verwendung von sogenannten globalen-Input-Output-­Tabellen“ ermöglicht dies zu berücksichtigen und die Exporte in Wertschöpfungseinheiten zu berechnen (Wertschöpfungsexporte, d. h. die Wertschöpfung, die tatsächlich in Österreich erstellt und anschließend exportiert wird). Gemäß diesen Berechnungen lag der Anteil der Wertschöpfungsexporte am BIP im Jahr 1995 bei 24% und stieg im Jahr 2014auf 33 %, womit er um 9 Prozentpunkte gestiegen ist. 24

Die wachsende Differenz zwischen dem Verhältnis der Bruttoexporte und der Wertschöpfungsexporte zum BIP resultiert aus dem zunehmenden Einsatz von ­importierten Vorleistungen in der Produktion. Tabelle 2 zeigt, wo die in Österreich geschaffene Wertschöpfung letztendlich als Endnachfrage (Konsum der Haushalte, Investitionen, Nachfrage des Staates) absorbiert wird. Der Anteil der Absorption in Österreich selbst ist von 71,5 % im Jahr 2000 auf 67 % im Jahr 2014 zurückgegangen, was umgekehrt dem Anteil der Wertschöpfungsexporte am BIP entspricht, die sich demgemäß im Jahr 2014 auf 33 % beliefen.

Tabelle 2: Kennzahlen der österreichischen Wertschöpfungsexporte
Wertschöpfungsexporte Anteil der Wertschöpfungexporte nach Länder(gruppen)
2000 2005 2010 2014 2000 2005 2010 2014
in % des BIP in %
Deutschland 6,8 6,5 6,5 6,6 23,8 20,8 20,3 19,9
EU-CEESE 2,8 3,5 3,7 3,3 9,8 11,2 11,4 10,0
Andere EU-Mitgliedstaaten 8,4 9,0 7,8 7,2 29,4 28,8 24,3 21,8
China 0,4 0,7 1,5 1,7 1,3 2,3 4,5 5,2
Rest der Welt 10,2 11,6 12,6 14,2 35,7 36,9 39,4 43,1
Wertschöpfungsexporte gesamt 28,5 31,3 32,0 33,0 100,0 100,0 100,0 100,0
Quelle: WIOD Release 2016; eigene Berechnungen.

Der Anteil der österreichischen Wertschöpfung (linke Seite Tabelle 2), der von den Ländern der EU-CEESE, China und dem Rest der Welt absorbiert wurde, nahm in diesem Zeitraum zu, während er für Deutschland stagnierte und in den anderen EU-Mitgliedstaaten sogar zurückging. Diese Muster zeigen sich noch ausgeprägter, wenn man die geographische Struktur der österreichischen Wertschöpfungsexporte betrachtet (rechts Seite Tabelle 2). Demnach ist die Bedeutung Deutschlands und der anderen EU-Mitgliedstaaten für die Wertschöpfungsexporte zurückgegangen, die Anteile der EU-CESEE blieben in etwa konstant und die ­Bedeutung Chinas und der übrigen Welt stieg, was den wachsenden Anteil dieser Länder an der Weltwirtschaft widerspiegelt. Umgekehrt hat Österreich die Produktion auch durch die zunehmende Produktionsverlagerung in andere Länder internationalisiert, sodass ein größerer Teil des Wertes der österreichischen Endprodukte bzw. Exporte auf importierte Vorleistungsgüter – und damit ausländische Wertschöpfung – zurückgeht.

Tabelle 3: Ausländische Wertschöpfung in der österreichischen Endgüter- und ­Exportgüterproduktion
Endgüterproduktion Bruttoexporte
2000 2005 2010 2014 2000 2005 2010 2014
in % des Wertes der Endgüterproduktion in % der Exporte1
Anteil der ausländischen Wertschöpfung 15,5 17,7 17,8 19,1 28,5 32,3 34,5 35,8
davon in % in %
Deutschland 33,0 33,0 30,0 29,6 35,1 35,2 31,8 30,8
EU-CEESE 7,9 12,4 13,2 13,5 7,7 11,8 12,3 12,6
Andere EU-Mitgliedstaaten 28,2 26,4 22,0 21,7 28,4 26,5 23,1 22,6
China 0,9 1,6 2,7 3,4 0,9 1,5 2,5 3,3
Rest der Welt 30,0 26,6 32,2 31,8 27,9 25,1 30,4 30,7
Quelle: WIOD Release 2016; eigene Berechnungen.
1 Inklusive Dienstleistungsexporte.

Tabelle 3 zeigt diese Anteile der ausländischen Wertschöpfung an der österreichischen End- und Bruttoexportproduktion. Der Anteil der ausländischen Wertschöpfung an der österreichischen Produktion von Endprodukten (von 15,5 % im Jahr 2000 auf 19,1 % im Jahr 2014) und an den Exporten (von 28,5 % auf 35,8 % im Jahr 2014) ist deutlich gestiegen. 25 In der geographischen Struktur der Auslandsbeschaffung findet man wieder eine zunehmende Bedeutung der EU-CEESE-Länder und Chinas (und teilweise der restlichen Welt), während die Rolle Deutschlands und der anderen EU-Mitgliedstaaten relativ kleiner wird. Umgekehrt führt die internationale Produktionsintegration auch dazu, dass Österreich Güter produziert, die als Vorleistungen in die Exporte anderer Länder eingehen (Stöllinger und Stehrer, 2015).

Zusammenfassend lässt sich somit feststellen, dass sich Österreich seit dem EU-Beitritt international stärker integriert hat, was sich sowohl in einem steigenden Anteil der Wertschöpfungsexporte am BIP als auch durch eine stärkere Vorwärts- und Rückwärtsverflechtung in Wertschöpfungsketten, insbesondere europäische, zeigt. Im Speziellen gewannen die Vorwärtsverflechtungen zu Deutschland und den EU-CEE-Ländern an Bedeutung, wohingegen die Rückwärtsverflechtungen vor allem mit den EU-CEE-Ländern aufgrund von Importen von Vorleistungen und Produktionsauslagerungen zugenommen haben. 26

4 Österreichs Position in der europäischen Arbeitsteilung

Das österreichische Muster der Produktionsintegration und Ausbildung von Wertschöpfungsketten innerhalb Europas – insbesondere im verarbeitenden Gewerbe und bei den Ausfuhren –ist auch als allgemeines Phänomen in Europa festzustellen. Es ist als die Entstehung des „EU manufacturing core" bekannt, d. h. die Agglomeration und Clusterbildung des verarbeitenden Gewerbes im Zentrum Europas. Das ist aus der sich entwickelnden Spezialisierungsdynamik in den europäischen Ländern zu erkennen, die in den letzten 25 Jahren als Folge des Aufholprozesses, der zunehmenden Produktionsintegration entstanden ist. Hierbei ist besonders die Bedeutung des verarbeitenden Gewerbes hervorzuheben, die sich in verschiedenen ­Indikatoren, wie etwa der Forschung- und Entwicklungsintensität und dem Anteil am Produktivitätswachstum, zeigt und woraus sich industriepolitische Implikationen ergeben. 27 Es gibt es einen engen Konnex vom verarbeitenden Gewerbe zum Dienstleistungssektor, insbesondere zu den unternehmensbezogenen Dienstleistungen, die eine wichtige Rolle im Produktionsprozess spielen (Stehrer et al., 2015). Dieser Zusammenhang zwischen dem verarbeitenden Gewerbe (NACE Rev. 2 C) und den Unternehmensdienstleistungen (NACE Rev. 2 J, K, L und M_N) 28 lässt sich durch Anteile dieser Branchen am BIP in den EU-Mitgliedstaaten im Jahr 1995 und 2017 darstellen. 29

Grafik 3 zeigt, dass die Anteile dieser beiden Branchen im Bereich um den EU-28-Durchschnitts mit Bandbreiten von etwa 10-15 Prozentpunkten liegen. Österreich liegt im südöstlichen Quadranten mit einem Anteil des verarbeitenden ­Gewerbes über dem EU-28-Durchschnitt von rund 18 % und einem Anteil der Unternehmensdienstleistungen von rund 22 % unter dem EU-28-Durchschnitt. Im Jahr 2017 zeigt sich ein klares Spezialisierungsmuster, wobei einige Länder ihren Anteil am verarbeitenden Gewerbe stark erhöht oder zumindest gehalten haben. Diese Länder umfassen hauptsächlich die mittel- und osteuropäischen Länder sowie Österreich, Deutschland (und eventuell Finnland), die den sogenannten „EU manufacturing core" bilden (Stöllinger und Stehrer, 2015). 30 Bemerkenswert ist, dass der Anteil des verarbeitenden Gewerbes für die EU-28 insgesamt mehr oder weniger gleich groß ist wie im Jahr 1995 ist (gemessen in verketteten Volumen, Referenzpreise 2010).

Grafik 3 besteht aus zwei Streudiagrammen. Beide zeigen den Anteil der unternehmensbezogenen Dienstleistungen am BIP auf der vertikalen Achse und den Anteil des Verarbeitenden Gewerbes am BIP auf der horizontalen Achse. Das obere Diagram zeigt die Werte für das Jahr 1995, das untere für das Jahr 2017. Während im Jahr 1995 die Werte der EU-Mitgliedsländer relativ nahe am Durchschnitt der EU-28 lagen (17 Prozent für das Verarbeitende Gewerbe und 27 Prozent für unternehmensbezogene Dienstleistungen) streuen diese Werte im Jahr 2017 wesentlich stärker. Der Anteil des Vearbeitenden Gewerbes liegt im Jahr 2017 zwischen 10 und 30 Prozent.

Obwohl der Anteil der Unternehmensdienstleistungen in den meisten Länder des „EU manufacturing core“ gestiegen ist, liegt er immer noch unter dem Durchschnitt der EU-28. Eine Gruppe anderer Länder, insbesondere Frankreich, die Niederlande und das Vereinigte Königreich, hat sich stärker auf Unternehmensdienstleistungen spezialisiert, wobei die Anteile des verarbeitenden Gewerbes in diesen teilweise gesunken sind. Schließlich hat eine weitere Gruppe von Ländern (z. B. Belgien, Dänemark, Schweden) ihre relative Position zwischen diesen beiden stärker spezialisierten Ländergruppen mehr oder weniger gehalten. Insgesamt zeigt sich jedoch die angesprochene Agglomeration des industriellen Gewerbes im Zentrum Europas deutlich.

Tabelle 4: Anteile des verarbeitenden Gewerbes und der Unternehmensdienstleistungen im Ländervergleich
Verarbeitendes Gewerbe Unternehmensbezogene Dienstleistungen Verarbeitendes ­Gewerbe Unternehmensbezogene Dienstleistungen
1995 2017 1995 2017 1995 2017 1995 2017
in % der Wertschöpfung zu laufenden Preisen in % der Wertschöpfung zu realen Werten1
Österreich 19,9 18,6 22,3 27,2 17,8 20,6 21,3 26,6
EU-15 19,6 16,0 28,2 33,0 16,4 15,8 27,7 33,6
Deutschland 22,8 23,4 29,1 30,0 22,0 24,1 29,7 30,8
Finnland 25,4 17,6 21,6 30,2 15,8 18,4 25,4 29,3
Italien 20,9 16,6 26,0 32,2 18,4 16,8 28,9 32,6
Schweden 22,8 15,4 24,8 31,1 14,4 15,3 25,9 33,1
Quelle: EU-KLEMS Release 2019, eigene Berechnungen.
1 verkettete Volumina, Referenzpreise 2010.

In Tabelle 4 sind die Zahlen für Österreich und die Peer-Länder dargestellt, sodass eine noch detailliertere Beurteilung der österreichischen Leistung seit dem EU-Beitritt 1995 möglich ist. Die österreichische Wirtschaftsstruktur hat sich – hin­sichtlich des Anteils des verarbeitenden Gewerbes und der damit verbundenen unternehmensbezogenen Dienstleistungen – im Vergleich zu den Peer-Ländern gut entwickelt, was insbesondere die realen Anteile (rechter Teil Tabelle 4) zeigen. Bei den unternehmensbezogenen Dienstleistungen blieb der Abstand zu den Peer-­Ländern mit Ausnahme Deutschlands mehr oder weniger konstant, was teilweise auf den stärkeren Anstieg (zu realen Preisen) des verarbeitenden Gewerbes zurückgeführt werden kann. 31

Grafik 4 zeigt ein Balkendiagramm mit den Anteilen technologieintensiver Industries an der Wertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes in Prozent für die Jarhe 1995 und 2017. Im Jahr 2017 schwanken die Werte zwischen fast 60 Prozent in Ungarn und 10 Prozent in Litauen. Diese Anteile sind insbesondere in den mittel- und osteuropäischen Staaten, Österreich und Deutschland relativ hoch oder sind stark gestiegen.

Angesichts der relativen Bedeutung des österreichischen verarbeitenden Gewerbes als Teil des „EU manufacturing core" sind auch die dortigen Spezialisierungsmuster wichtig. Grafik 4 zeigt die Veränderung der Anteile der Hochtechnologiesektoren (NACE Rev. 2 C21, C26, C27, C28, C29_C30) 32 an der gesamten Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes. Es zeigt sich, dass die Länder des „EU manufacturing core" durch relativ große Anteile oder starke Zuwächse der technologieintensiven Industrien am verarbeitenden Gewerbe gekennzeichnet sind, was auf eine erfolgreiche Spezialisierung in diesen hinweist. Dies mag nicht überraschen, da die in Kapitel 3 hervorgehobene internationale Integration der Produktion und die damit verbundenen ausländischen Direktinvestitionen in diesen Branchen besonders ­dynamisch verliefen. Für Österreich stieg der Anteil der technologieintensiven Branchen an der Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes von fast 30 auf 40%. Österreichs Strukturentwicklung lag damit eher am unteren Ende der Länder des „EU manufacturing core". Es ist allerdings zu berücksichtigen, dass die höheren Anteile in den EU-CEE-Ländern zu einem großen Teil durch Assembly-Aktivitäten und entsprechende Muster der funktionalen Spezialisierung erklärt werden (Stöllinger, 2019).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Österreich seit dem EU-Beitritt 1995 von der Integration in europäische Wertschöpfungsketten und dem daraus resultierenden größeren Anteil der verarbeitenden Industrie sowie der Aufwertung der Produktionsstrukturen zu höherwertigen Industrien und Unternehmensdienstleistungen profitierte.

5 Schlussfolgerungen

Die obigen Ausführungen zeigen, dass sich Österreich im Großen und Ganzen gut im – nicht immer harmonischen – Konzert der europäischen Entwicklung seit dem EU-Beitritt 1995 behaupten konnte; sowohl im Allgemeinen als auch im direkten Vergleich mit Peer-Ländern wie den Nachbarstaaten Deutschland und Italien, aber auch wie Schweden und Finnland, die ebenfalls 1995 der EU beitraten. Es wurde gezeigt, dass die langfristige Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens in Österreich über dem Durchschnitt ähnlich reicher Länder liegt und sich die Unternehmen gut in die entstehenden europäischen Produktionsnetzwerke einbinden konnten. Der Anteil der verarbeitenden Industrie an der Wertschöpfung blieb im Vergleich zu anderen Ländern hoch und auch der Anteil der unternehmensbezogenen Dienstleistungen stieg, liegt jedoch noch immer unter dem Durchschnitt vergleichbarer Länder. Die zentrale Lage Österreichs in Europa und die geographische Nähe zu Deutschland spielte eine wichtige Rolle, um von den stark wachsenden Volkswirtschaften in Zentral- und Osteuropa, der Integration in die europäischen Produktionsnetzwerke und den sich daraus ergebenden Muster der europäischen Arbeitsteilung, d. h. den Agglomerations- und Spezialisierungstendenzen, zu profitieren. Die EU-­Mitgliedschaft war in diesem sich rasch wandelnden Umfeld ­sicherlich ein wichtiger Katalysator. Die Mitgliedschaft in einer funktionierenden Europäischen Union ist auch in Zukunft wichtig, um sich gegen die abzeichnenden mittel- und langfristigen Herausforderungen zu wappnen, die von verschiedenen Szenarien für das Europäischen Projekt als solches, technologischen Herausforderungen (z. B. Digitalisierung), demographischen Entwicklungen (z. B. Bevölkerungsschwund in verschiedenen Ländern Europas, Alterung, Migration) 33 , den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie und ihren wirtschaftlichen Folgen, den potenziellen geopolitischen Trends (z. B. Handelsdesintegration, Aufstieg Chinas zur Weltmacht, Konflikte in der europäischen Nachbarschaft) bis hin zu ökologischen Herausforderungen reichen.

Literaturverzeichnis

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Stöllinger, R. 2019. Testing the Smile Curve: Functional Specialisation in GVCs and Value Creation. wiiw Working Paper No. 163, The Vienna Institute for International Economic Studies (wiiw).

Stöllinger R., N. Foster-McGregor, M. Holzner, M. Landesmann, J. Pöschl und ­­­R. Stehrer. 2013. A ‘Manufacturing Imperative’ in the EU – Europe’s Position in Global Manufacturing and the Role of Industrial Policy, wiiw Research Report 391, The Vienna Institute for International Economic Studies (wiiw).

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Timmer, M., E. Dietzenbacher, B. Los, R. Stehrer und G. de Vries. 2015. An Illustrated User Guide to the World Input-Output Database: The Case of Global Automative Production. In: Review of International Economics 23(2). 99–120.

22 Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw), Robert.Stehrer@wiiw.ac.at. Der Autor dankt Christian Ragacs und Klaus Vondra für wertvolle Kommentare und Vorschläge.

23 Ein ähnlich starker Zusammenhang besteht, wenn man die Produktivitätsentwicklung nach beschäftigten Personen oder geleisteten Arbeitsstunden betrachtet. Für eine detailliertere Darstellung der Produktivitätsentwicklungen seit 1995 siehe Adarov und Stehrer (2019a).

24 Diese Zahlen wurden mit Hilfe der World Input-Output Database (WIOD) Release 2016 berechnet (www.wiod.org); siehe Timmer et al. (2015).

25 Die Differenz ist hauptsächlich auf die unterschiedlichen Anteile von Dienstleistungen im Endgüterkonsum und den Exporten zurückzuführen.

26 Hier gibt es eine starke Korrelation mit den ausländischen Direktinvestitionen (Adarov und Stehrer, 2019).

27 Für eine Diskussion im europäischen Kontext siehe Stöllinger et al. (2013) und Landesmann und Stöllinger (2020).

28 Diese sind definiert als Informations- und (J); Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (K), Grundstücks- und Wohnungswesen (L); und Freiberufliche und technische Dienstleistungen, Wissenschaftliche Forschung und ­Entwicklung, Sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen (M_N).

29 Diese Daten basieren auf den EU KLEMS Daten www.euklems.eu (Stehrer et al. 2019).

30 Stöllinger und Stehrer (2015) inkludieren darin die Länder Deutschland, Österreich, Polen, Slowakei, Tschechien und Ungarn.

31 Jedoch zeigt sich, dass in diesem Bereich noch Aufholpotenzial vorhanden ist, was aber einer genaueren Untersuchung des Dienstleistungssektors bedarf (siehe z.B. Stehrer, et al., 2015).

32 Herstellung von pharmazeutischen Erzeugnissen (C21); Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen (C26), Herstellung von elektronischen Ausrüstungen (C27), Maschinenbau (C28), Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen; Sonstiger Fahrzeugbau (C29_C30).

33 Siehe beispielsweise Leitner et al. (2019) und Leitner und Stehrer (2019).

Entwicklung von Produktivität und ­Profitabilität heimischer Unternehmen ­während der EU-Mitgliedschaft

Gerhard Fenz, Christian Ragacs, Martin Schneider, Klaus Vondra 34

Wissenschaftliche Begutachtung: Fritz Breuss, WIFO

Österreich weist eine – im europäischen Vergleich – überdurchschnittlich hohe Produktivität je geleisteter Arbeitsstunde auf. Im Zeitraum seit dem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 1995 bis zum Jahr 2017 liegt das Niveau rund 20% über jenem der EU-28, allerdings 6% unter dem des wichtigsten Handelspartners Deutschland. Diese Abstände haben sich im Beobachtungszeitraum von 1995 bis 2017 nicht wesentlich verändert. Das Produktivitätswachstum ist in Österreich – einem internationalen Trend folgend – von 2% vor der Wirtschafts- und Finanzkrise auf unter 1% danach zurückgegangen. Die Ergebnisse einer Shift-Share-Analyse zeigen, dass das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum durch das Wachstum innerhalb einzelner Branchen erklärt wird, während der Strukturwandel das gesamtwirtschaftliche Produktionswachstum dämpft. Branchen mit einer hohen Produktivität haben zugunsten von Branchen mit einer niedrigen Produktivität an Bedeutung verloren. Angebotsseitig wird mehr als die Hälfte des Produktivitätswachstum in Österreich von der Gesamtfaktorproduktivität getragen. Auf makro­ökonomischer Ebene ist ein enger Zusammenhang zwischen dem Produktivitätswachstum je geleisteter Arbeitsstunde und der Veränderung der Gewinnquote in Österreich zu beobachten. Nach einem Anstieg um 7 Prozentpunkte erreichte die Gewinnquote im Jahr 2008 mit 37% ihren Höhepunkt im Beobachtungszeitraum und ging anschließend auf 31% im Jahr 2017 zurück. Ein ähnlicher Zusammenhang ist für Profitabilitätsmaße auf Basis von Bilanzkennzahlen nicht zu erkennen.

JEL classification: E23, E24

Keywords: Productivity, Profit-Share, Austria, European Union

Produktivität und Profitabilität sind zentrale Größen der Leistungsfähigkeit von Unternehmen und Volkswirtschaften. Sie werden von einer Reihe von Faktoren bestimmt. Die Literatur zur Produktivitätsentwicklung einer Volkswirtschaft ist umfassend (siehe beispielsweise Schneider, 2014 für Österreich und Sachverständigen­rat, 2019 für Deutschland). Ein wichtiger Zweig dieser Literatur ist die Diskussion der Bestimmungsgründe für den Rückgang der Produktivitätsdynamik („productivity slowdown“), der in vielen Ländern empirisch belegbar ist (siehe z. B. OECD, 2019).

Empirisch wurden zahlreiche Bestimmungsfaktoren für das Produktivitätswachstum identifiziert (Kim und Loayza, 2019). Neben Innovation, Ausbildung, Markteffizienz und Infrastruktur spielen institutionelle Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle, dazu zählt auch der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union vor 25 Jahren und in weiterer Folge zur WWU. Die Teilnahme Österreichs an der europäischen Integration ging zeitlich mit dem weltweiten Trend einer zunehmenden Globalisierung einher.

Der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union führte zu einem höheren Wirtschaftswachstum, als dies ohne Beitritt der Fall gewesen wäre (Beer et al., 2017). Neuen Absatzchancen für österreichische Unternehmen standen erhöhte Konkurrenz und steigender Lohndruck entgegen. All diese Faktoren wirken sich auf die Entwicklung der Produktivität und der Gewinnspannen aus. Breuss (2020) schätzt in seinem Beitrag in dieser Publikation die makroökonomischen Auswirkungen des EU-Beitritts und der weiteren europäischen Integrationsschritte Österreichs. Im Zeitraum von 1995 bis 2017 war demnach das Produktivitätswachstum (gemessen als BIP pro Beschäftigten) kumuliert um über 5 Prozentpunkte höher, als dies ohne Österreichs EU-Mitgliedschaft der Fall gewesen wäre.

In diesem Beitrag wird die Entwicklung der Produktivität und der Gewinnquoten in Österreich seit 1995 diskutiert. Insbesondere gehen wir der Frage nach, welche Wirtschaftssektoren und welche Produktionsfaktoren für das Produktivitäts­wachstum entscheidend waren und welchen Einfluss der Strukturwandel auf das Produktivitätswachstum gehabt hat. In Kapitel 1 wird zunächst die Entwicklung der Arbeitsproduktivität in Österreich mit jener in ausgewählten Ländern verglichen. Im Anschluss wird im Rahmen einer Shift-Share-Analyse untersucht, in welchem Ausmaß die Produktivitätsentwicklung auf das Produktivitätswachstum innerhalb einzelner Branchen oder auf Strukturverschiebungen zwischen den Branchen zurück­zuführen ist. Schließlich diskutieren wir die angebotsseitigen Bestimmungsfaktoren der Arbeitsproduktivität. In Kapitel 2 wird die Profitabilität anhand von zwei Datenquellen, der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und den Unternehmensbilanzen laut BACH-Datenbasis, dargestellt. In Kapitel 3 werden die ­Ergebnisse zusammengefasst.

1 Entwicklung und Bestimmungsfaktoren der Arbeitsproduktivität

In diesem Kapitel diskutieren wir die Entwicklung und die Bestimmungsfaktoren der Arbeitsproduktivität. Nach einer kurzen Darstellung der Entwicklung der Arbeitsproduktivität im internationalen Vergleich analysieren wir die Bedeutung der einzelnen Wirtschaftssektoren und des Strukturwandels für das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum. Anschließend diskutieren wir die Beiträge der Produktionsfaktoren zum Wachstum der Arbeitsproduktivität.

1.1 Entwicklung der Arbeitsproduktivität

Die Arbeitsproduktivität in Österreich lag im Jahr 2017 mit 37,6 EUR je geleisteter Arbeitsstunde unter dem Wert für Deutschland (40,5 EUR), jedoch deutlich über dem EU-Durchschnitt von 31,7 EUR. 35 Im langfristigen Vergleich liegt die Arbeitsproduktivität pro Stunde in Österreich um knapp 6% unter dem Wert von Deutschland. Lediglich im Krisenjahr 2009 führte der stärkere Konjunktureinbruch in Deutschland dazu, dass sich die Produktivitätsniveaus kurzfristig anglichen.

Vergleich man die Arbeitsproduktivität pro Kopf, so liegt diese in Österreich um durchschnittlich 12% über dem deutschen Wert. Dies ist auf die in Österreich deutlich höhere Zahl der geleisteten Arbeitsstunden je Beschäftigten (2017: 1.617 Arbeits­stunden je Beschäftigten) im Vergleich zu Deutschland (1.360 Arbeitsstunden je Beschäftigten) zurückzuführen.

Im Zeitraum 1995 bis 2017 stieg die Arbeitsproduktivität je geleisteter Arbeitsstunde in Österreich um 32,5% und damit gleich stark wie in Deutschland (32,8%) und im Euroraum (32,1%). Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 1,3%. Das Produktivitätswachstum war in Österreich in den Jahren unmittelbar nach dem EU-Beitritt bis 2007 (also vor der Wirtschafts- und Finanzkrise) mit 2% deutlich stärker als in den Jahren danach, aber höher als in Deutschland (1,5%) und im Euroraum (1,4%). Nach der Wirtschafts- und ­Finanzkrise schwächte sich das Produktivitätswachstum in Österreich auf durchschnittlich 0,5% ab und war damit niedriger als in Deutschland (0,8%) und als im Euroraum (0,9%).

Die Liniengrafik im linken Panel zeigt die Entwicklung der Arbeitsproduktivität je geleisteter Arbeitsstunde in Österreich, Deutschland und der EU im Zeitraum zwischen 1995 und 2017. Das rechte Panel zeigt die Entwicklung der Arbeitsproduktivität je Beschäftigtem. Die Entwicklungen sind im Detail im Text beschrieben.

Das Wachstum der Arbeitsproduktivität pro Kopf blieb in den Jahren 1995 bis 2017 mit einem Plus von 23,8% oder 1% pro Jahr deutlich hinter jenem je geleisteter Arbeitsstunde zurück. Der starke Anstieg der Teilzeitquote in Österreich führt dazu, dass das Wachstum der Arbeitsproduktivität pro Kopf niedriger ausfällt. Diese Entwicklung muss bei der Interpretation dieses Maßes berücksichtigt werden. Im Weiteren verwenden wir daher ausschließlich die Arbeitsproduktivität je geleisteter Arbeitsstunde als Maßzahl für die Produktivitätsanalyse.

1.2 Die sektorale Dimension der Arbeitsproduktivität

In diesem Abschnitt widmen wir uns der Bedeutung einzelner Wirtschaftssektoren für die gesamtwirtschaftliche Produktivität. Eingangs stellen wir die Frage, welche Branchen in welchem Ausmaß zur gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsentwicklung seit dem Jahr 1995 beigetragen haben. Danach analysieren wir für den gleichen Zeitraum die Auswirkungen des Strukturwandels (Veränderungen der relativen Bedeutung einzelner Branchen) auf die Produktivitätsentwicklung. Hierzu präsentieren wir die Ergebnisse einer Shift-Share-Analyse. Im Rahmen dieser Analyse kann die Produktivitätsentwicklung auf drei Effekte zurückgeführt werden: ­Erstens auf einen „Intra-Industrie-Effekt“ 36 , der jenen Teil des Produktivitätswachstums beschreibt, wenn es zu keinen Verschiebungen zwischen den Wirtschaftssektoren kommt; zweitens auf einen strukturellen „Shift-Effekt“, der die Auswirkungen von Änderungen der sektoralen Beschäftigungsanteile auf das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum beschreibt; und drittens auf einen strukturellen „Interaktions-Effekt“, der die Wechselbeziehung zwischen dem sektoralen Produktivitäts­wachstum und den Änderungen der sektoralen Beschäftigungsanteile erfasst. Der „Shift-Effekt“ und der „Interaktions-Effekt“ messen zusammen die Auswirkungen von sektoralen Strukturveränderungen auf das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum. Zu Details betreffend die Shift-Share-Analyse siehe Kasten 1.

In einer Reihe von Branchen stellt die Messung der Produktivität ein großes Problem dar. Im öffentlichen Sektor stellt sich das Problem der Output-Messung (die oft kostenseitig erfolgt). Im Realitätenwesen ist die Produktivität durch ein ungewöhnlich hohes Verhältnis von Wertschöpfung zu Beschäftigung verzerrt (u .a. durch imputierte Mieten, auf die mehr als die Hälfte der Wertschöpfung im Realitätenwesen entfällt). In der Landwirtschaft ist die Produktivitätsentwicklung durch einen hohen Grad an Nebenerwerbstätigkeit bestimmt, der jedoch im Zeitablauf deutlich zurückgeht. Aus diesen Gründen erfolgt unsere weitere Analyse unter Ausschluss der genannten drei Sektoren. Die Daten sind daher nicht unmittelbar mit den Ergebnissen anderer Studien vergleichbar, die die gesamtwirtschaftliche Produktivitätsentwicklung analysieren (siehe z. B. Schneider, 2014). Die Datenbasis unserer Analyse ist die KLEMS-Datenbank (Stehrer et al., 2019), die wiederum in vielen Bereichen auf Daten von Eurostat basiert. 37 Die Branchenaufgliederung ­erfolgt auf Ebene der NACE-Einsteller. Die Produktivität wird immer auf Basis der geleisteten Arbeitsstunden gemessen.

Tabelle 1 zeigt die Bedeutung der für die weitere Analyse verwendeten Wirtschaftssektoren für die Gesamtwirtschaft. 38 Die Beschäftigung aller betrachteten Branchen deckt im langfristigen Durchschnitt 1995 bis 2017 rund 70% der ­Gesamtbeschäftigung ab, die Wertschöpfung rund 72%. Die bezüglich der Wertschöpfung wichtigste Branche ist die Sachgütererzeugung (C) mit einem Anteil von 18%, gefolgt von den Dienstleistungsbranchen Handel (G) mit 12% und Wissenschaftliche und sonstige Dienstleistungen (M-N) und dem Bausektor mit jeweils 8%. Zusätzlich zeigt die Tabelle die Bedeutung aller privater Dienstleistungssektoren für die Gesamtwirtschaft (G-K, M, N und R-T, siehe Fußnote 5). In Summe decken alle Dienstleistungssektoren im langfristigen Durchschnitt 46% der Gesamt­beschäftigung und knapp 42% der realen gesamten – nach unserer eingeschränkten Version – Wertschöpfung Österreichs ab.

Die linke Abbildung in Grafik 2 zeigt das Wachstum der Arbeitsproduktivität und die Hauptergebnisse der Shift-Share-Analyse für Österreich für unterschiedliche Zeiträume. Der in der Literatur oft beschriebene langfristige Rückgang der Produk­tivitätsdynamik ist auch für Österreich feststellbar. Während die durchschnittliche Wachstumsrate der Stundenproduktivität in den Jahren 1995 bis 2007 noch bei 2,0% lag, erreichte sie im Zeitraum 2014 bis 2017 nur rund 1,0%. Im Jahr 2017 betrug sie zwar 1,5%, lag aber immer noch deutlich unter dem Höchstwert von 3,5% im Jahr 1998. Der deutliche Einbruch der Produktivitätsdynamik aufgrund der Wirtschaftskrise in den Jahren 2008 und 2009 konnte in den Folgejahren nicht mehr vollständig aufgeholt werden.

Tabelle 1: Sektorale Wirtschaftsstruktur in Österreich
Sektoren
Sektorale Beschäftigungsanteile C D E F G H I J K M–N R S T Dienstleistungen1 (G–T) Gesamt
in % der geleisteten Arbeitsstunden in der Gesamtwirtschaft – NACE A bis U
1995–2001 17,0 0,8 0,5 7,2 14,8 6,0 6,7 2,2 3,1 7,0 1,1 2,3 0,3 43,6 69,0
2002–2007 15,7 0,7 0,5 6,6 14,8 6,0 6,9 2,6 3,1 9,2 1,3 2,4 0,2 46,4 69,9
2008–2013 14,9 0,7 0,6 6,9 14,5 5,5 7,1 2,5 3,2 11,0 1,4 2,5 0,2 47,8 70,8
2014–2017 14,7 0,6 0,6 6,8 14,2 5,4 7,2 2,9 2,9 11,9 1,4 2,6 0,1 48,6 71,3
1995–2017 15,7 0,7 0,5 6,9 14,6 5,8 6,9 2,5 3,1 9,4 1,3 2,4 0,2 46,2 70,1
Sektorale Wertschöpfungsanteile in % der gesamtwirtschaftlichen realen Wertschöpfung – NACE A bis U
1995–2001 16,9 2,7 1,3 9,5 12,6 6,5 5,3 2,8 3,4 6,6 1,4 1,8 0,2 40,4 70,9
2002–2007 17,4 2,9 1,1 8,6 12,5 6,2 5,1 3,4 4,0 7,8 1,3 1,6 0,1 42,0 72,0
2008–2013 17,9 2,2 0,9 7,1 12,2 5,8 5,2 3,4 4,5 8,9 1,3 1,5 0,1 43,0 71,1
2014–2017 19,0 1,9 1,0 6,3 12,0 5,7 5,1 3,5 4,3 9,6 1,3 1,5 0,1 43,0 71,3
1995–2017 17,7 2,5 1,1 8,1 12,4 6,1 5,2 3,2 4,0 8,0 1,3 1,6 0,1 41,9 71,3
Sektorales Produktivitätswachstum Durchschnittliche Veränderung zum Vorjahr in %
1995–2001 3,7 7,9 1,0 0,8 1,6 1,6 –0,1 –0,1 5,9 –1,0 –1,4 –0,3 –3,1 1,1 1,8
2002–2007 4,3 0,3 –1,2 1,2 1,7 2,1 0,8 5,2 4,7 1,3 0,1 0,8 –1,6 2,0 2,0
2008–2013 1,5 –1,6 –1,1 –3,2 0,4 1,1 1,0 –1,2 1,3 0,4 –0,5 –0,5 –1,9 0,4 0,5
2014–2017 2,9 1,3 1,9 –0,6 1,4 1,0 –0,8 –0,2 2,9 0,5 0,4 –1,5 4,1 0,7 1,0
1995–2017 3,1 2,0 –0,0 –0,5 1,3 1,5 0,3 1,0 3,8 0,3 –0,4 –0,3 –1,1 1,0 1,3
Quelle: Eurostat, eigene Berechnungen.
1 Nach unserer Brachendefinition sind die Dienstleistungssektoren L („Realitätenwesen“) und O-Q („Öffentliche Verwaltung, Bildung und Gesundheit“) hier nicht enthalten.
Anmerkung: Für die Sektorbezeichnungen siehe Fußnote 5 im Text.

Die Shift-Share-Analyse zerlegt das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum in ein intrasektorales Produkt­ivitätswachstum (der „Intra-Industrie-­Effekt“) und in die Effekte sektoraler Strukturverschiebungen. Generell würden wir erwarten, dass im Lauf der Zeit aufgrund des permanenten Wettbewerbsdrucks eine laufende Strukturverschiebung hin zu produktiveren Branchen stattfindet. Dies würden wir besonders für die Zeit nach der Krise erwarten. In unserer Analyse entspräche dies einem positiven Wachstumsbeitrag des Strukturveränderungseffekts (Shift-Effekt plus Interaktions-Effekt) zum gesamten Wachstum der Arbeitsproduktivität. 39 Wir kommen allerdings zum gegenteiligen Ergebnis: Der Strukturveränderungseffekt trägt negativ zum gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstum bei, auch wenn die Beiträge insgesamt vergleichsweise gering sind. Im Zeitablauf ist dieser dämpfende Effekt weitgehend stabil. Das bedeutet, dass Branchen mit hoher Produktivität zugunsten von Branchen mit niedriger Produktivität an Bedeutung verloren haben. So gehen beispielsweise die Beschäftigungsanteile in der überdurchschnittlich produktiven Industrie (Sektoren C–E) zurück (siehe Tabelle 1), während unterdurchschnittlich produktive Dienstleistungssektoren (insbesondere „freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen sowie sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen“; Sektoren M–N) Beschäftigungsanteile gewinnen. Diese Strukturveränderungen dämpfen das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum. Dies ist auch aus Tabelle 1 ersichtlich. Der Anteil der Beschäftigung im Dienstleistungssektor insgesamt stieg von 43,6% (Durchschnitt der Jahre 1995 bis 2001) um 5 Prozentpunkte auf 48,6% (Durchschnitt der Jahre 2014 bis 2017). Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil an der realen Wertschöpfung um 2,6 Prozentpunkte. Im dem exponierteren aber aufgrund der sehr guten Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit sehr kompetitiven Sektor der Herstellung von Waren (C) ist der Wertschöpfungsanteil im gleichen Zeitraum mit 2,1 Prozentpunkten ähnlich zum Dienstleistungssektor angestiegen. Dieser Anstieg war aufgrund des höheren Produktivitätswachstums aber von einem Rückgang des Beschäftigungsanteils von 2,3 Prozentpunkten begleitet. Der durchschnittliche jährliche Produktivitätsanstieg lag im Zeitraum 1996 bis 2017 bei der Herstellung von Waren bei 3,0% und bei den Dienstleistungen bei 1,0%.

Die Säulengrafik im linken Panel zeigt die Hauptergebnisse der Shift-Share-Analyse für Österreich für den Zeitraum 1995 bis 2017 und die Subperioden 1995 bis 2001, 2002 bis 2007, 2008 bis 2013 und 2014 bis 2017. Der Strukturveränderungseffekts (Shift-Effekt plus Interaktions-Effekt) trägt in allen Perioden negativ zum gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstum bei, auch wenn die Beiträge mit -0,2 Prozentpunkten pro Jahr insgesamt gering sind. Im Zeitablauf ist dieser dämpfende Effekt weitgehend stabil. Das Produktivitätswachstum wird daher weitgehend vom Intra-Industrie-Effekt getragen. Die Säulengrafik im rechten Panel zeigt für die gleichen Perioden die Beiträge der einzelenen Wirtschaftssektoren zum Intra-Industrie-Effekt. Die Ergebnisse werden detailliert im Text bechrieben.

Das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum wird vom Produktivitätswachstum innerhalb der Sektoren getragen. Dieser Intra-Industrie-Effekt ist als hellgrüner Balken in der linken Abbildung von Grafik 2 aufgetragen. Die rechte ­Abbildung in Grafik 2 zeigt die Wachstumsbeiträge der Wirtschaftssektoren ­gemäß NACE-Einstellern zum Intra-Industrie-Effekt. Die Wirtschaftsbranchen trugen in einem sehr unterschiedlichen Ausmaß zum Intra-Industrie-Effekt bei. Herausragend ist die Bedeutung der Sachgütererzeugung (Sektor C) für das ­Produktivitätswachstum. Im Zeitraum von 1995 bis 2017 zeichnet dieser Sektor für knapp über 50% des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstum verantwortlich; das ist deutlich mehr als der Wertschöpfungsanteil von 25% (gemessen an unserer Branchendefinition) erwarten ließe. Besonders hoch ist die relative ­Bedeutung im Zeitraum während und nach der Krise (2008–2013), der auch die krisenbedingten Nachholeffekte in den Folgejahren des Wirtschaftseinbruchs ­umfasst. Obwohl das Produktivitätswachstum der Sachgüterindustrie in diesem Zeitraum mit 1,5% pro Jahr auf die Hälfte des langjährigen Durchschnitts zurückging, erklärt es 90% des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstums. ­Hintergrund ist die sehr schwache Entwicklung in zahlreichen anderen Sektoren, insbesondere in der Bauwirtschaft, die stark negativ zum gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstum beitrug. Die Bauwirtschaft (Sektor F) ist neben den ­öffentlichen Dienstleistungen (Sektoren R–T) auch der einzige Sektor, der über den gesamten Beobachtungszeitraum von 1995 bis 2017 im Durchschnitt keinen positiven Beitrag zum Produktivitätswachstum leistete. Die privaten Dienstleistungen erklären rund 45% des Produktivitätswachstums und damit weniger, als ihrem Wertschöpfungsanteil von 55% entspräche.

Die Shift-Share-Analyse

Die hier durchgeführte Shift-Share-Analyse der Produktivität pro geleisteter Arbeitsstunde basiert auf European Commission (2003, 110 ff) 40 . Die Produktivität pro geleisteter Arbeitsstunde (Pt) ist wie folgt definiert:

P_t=\frac{Y_t}{L_t}=\frac{\sum_{i}\ Y_{i,t}}{\sum_{i}\ L_{i,t}}=\frac{Y_{1,t}}{L_{1,t}}+\frac{Y_{2,t}}{L_{2,t}}+\ldots\ \ (1)

(1)

wobei Yi,t für die reale Wertschöpfung im Sektor i zum Zeitpunkt t steht und Li,t für die geleisteten Arbeitsstunden. Nach Bildung erster Differenzen und einigen Umformungen erhält man folgende in drei Terme untergliederte Gleichung für die Shift-Share-Analyse:

\frac{P_t-P_{t-1}}{P_{t-1}}=i∆Pi,tPi,t-1yi,t-1+i∆li,t pi,t-1⬚+i1Pt-1∆Pi,t∆li,t,

(2)

wobei Variablen in Kleinbuchstaben die jeweiligen Industrieanteile an den gesamtwirtschaftlichen Werten bezeichnen. Das Wachstum der Produktivität pro geleisteter Arbeitsstunde untergliedert sich in einen Intra-Industrie-Effekt (erster Term auf der rechten Seite von Gleichung 2), einen Shift-Effekt (zweiter Term) und einen Interaktions-Effekt (dritter Term).

Der Intra-Industrie-Effekt ist als die Summe der sektoralen Produktivitätswachstumsraten, gewichtet mit dem Anteil des jeweiligen Wirtschaftssektors an der gesamtwirtschaftlichen realen Wertschöpfung, definiert. Er bestimmt jenen Teil des Produktivitätswachstums, der sich ergibt, wenn es zu keinen Verschiebungen zwischen den Wirtschaftssektoren kommt (d. h. die relative Größe der Wirtschaftssektoren, gemessen an ihren Output-Anteilen, unverändert bleibt). In empirischen Untersuchungen ist der Intra-Industrie-Effekt typischerweise der wichtigste ­Bestimmungsfaktor des Produktivitätswachstums.

Effekte von sektoralen Verschiebungen der Beschäftigungsstruktur auf das Produktivitätswachstum werden durch den Shift-Effekt gemessen. Er ist definiert als Summe der Änderungen der sektoralen Beschäftigungsanteile, gewichtet mit den relativen Produktivitätsniveaus. Eine Verschiebung des Anteils an den gesamtwirtschaftlichen geleisteten Arbeitsstunden hin zu ­Sektoren mit einer überdurchschnittlichen Produktivität trägt positiv zum gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstum bei.

Die dritte Komponente („Interaktions-Effekt“) erfasst die dynamische Komponente des Strukturwandels, indem die Wechselbeziehung zwischen sektoralem Produktivitätswachstum und den Änderungen der sektoralen Beschäftigungsanteile gemessen wird. Gewinnen Sektoren mit einem höheren Produktivitätswachstum Beschäftigungsanteile, so ist der Interaktionsterm positiv, verlieren sie Beschäftigungsanteile, ist er negativ. Im ersten Fall wirken der Intra-Industrie-­Effekt und der Shift-Effekt komplementär, im zweiten Fall substitutiv. Quantitativ ist der Interaktionsterm in der Regel sehr niedrig, weil er sich aus der Multiplikation von zwei Veränderungsraten ergibt. Empirische Untersuchungen finden meist einen negativen Beitrag zum Produktivitätswachstum.

Der „Shift-Effekt“ und der „Interaktions-Effekt“ messen zusammen die Auswirkungen von sektoralen Strukturveränderungen auf das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum.

1.3 Beiträge der Produktionsfaktoren zur Arbeitsproduktivität

In der EU-KLEMS-Datenbank werden die Beiträge der Produktionsfaktoren zum Wachstum der Arbeitsproduktivität ausgewiesen. Dabei wird das Wachstum der Arbeitsproduktivität in seine Beiträge aus der Veränderung der Beschäftigungsstruktur, der Vertiefung des Informations- und Kommunikationstechnologie-Kapitals (IKT), der Vertiefung des Nicht-IKT-Kapitals, der Vertiefung des intangiblen Kapitals und der Gesamtfaktorproduktivität zerlegt. 41

Grafik 3 zeigt drei Säulengrafiken zu den Beiträgen der Produktionsfaktoren zum Wachstum der Arbeitsproduktivität für den Zeitraum 1996 bis 2017 und die Subperioden 1996 bis 2001, 2002 bis 2007, 2008 bis 2013 und 2014 bis 2017. Die linke Säulengrafik zeigt die Werte für Österreich, die mittlere Garfik für Deutschland und die rechte Grafik für die EU. Die Ergebnisse werden detailliert im Text bechrieben.

Grafik 3 zeigt die Zerlegung für Österreich, Deutschland und die EU-20 42 für den Zeitraum 1996 bis 2017. Für die EU-20 stehen die Daten erst ab 2009 zur Verfügung. Der mit Abstand stärkste Beitrag zum Produktivitätswachstum kommt in Österreich (wie auch in Deutschland) von der Gesamtfaktorproduktivität (GFP). Im Durchschnitt der Jahre 1996 bis 2017 erklärt die GFP mehr als die Hälfte (0,8 Prozentpunkte) des gesamten Produktivitätswachstums von 1,5% p.a. In Deutschland spielt die GFP ebenso die wichtigste Rolle. Der zweitwichtigste ­Faktor ist die Vertiefung des Nicht-IKT-Kapitals (0,3 Prozentpunkte). In Österreich wurde das Produktivitätswachstum in der Vergangenheit auch noch durch die ­Veränderung der Beschäftigungsstruktur getrieben (0,2 Prozentpunkte). Dieser Beitrag hat sich jedoch sukzessive abgeschwächt und ist seit dem Jahr 2014 auf null zurückgegangen. Der Beitrag des intangiblen Kapitals liegt relativ konstant bei 0,1 Prozentpunkten. Die Rolle des IKT-Kapitals ist mit einem Wachstumsbeitrag von 0,03 Prozentpunkten zu vernachlässigen.

Die Entwicklung der Arbeitsproduktivität in Österreich und Deutschland unterscheidet sich vor allem in den ersten beiden Subperioden. In Österreich ­beschleunigte sich das Produktivitätswachstum in den 2000er-Jahren gegenüber der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre, während in Deutschland eine Verlangsamung zu be­obachten war. Seit der Wirtschafts- und Finanzkrise verlief die Entwicklung ähnlich.

2 Gewinnentwicklung

Die Profitabilität von Unternehmen ist ein wichtiger Indikator der Wettbewerbsfähigkeit. Sie ist die Grundlage für die Fähigkeit zu investieren und stärkt die Wider­standskraft gegenüber Abschwüngen. In diesem Abschnitt wird die Profitabilität anhand von zwei Datenquellen – der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) und den Unternehmensbilanzen laut BACH-Datenbasis – dargestellt.

2.1 Gewinnentwicklung laut Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung

Die Gewinnquote ist definiert als Anteil der Nettobetriebsüberschüsse (Brutto-­Betriebsüberschüsse minus Abschreibungen) an der Wertschöpfung (Brutto-Wertschöpfung zu Marktpreisen abzüglich Abschreibungen sowie Produktionssteuern minus Subventionen):

GQ=\frac{GOS-D}{GVA-D-T}\ ,

(1)

wobei GQ für die Gewinnquote steht, GOS für die Brutto-Betriebsüberschüsse, D für die Abschreibungen und T für die Produktionssteuern minus Subventionen. Schreibt man die Variablen auf der rechten Seite von Gleichung (1) in Prozent der Wertschöpfung, so erhält man:

GQ=\frac{gos-d}{1-d-t} ,

(2)

Kleinbuchstaben bezeichnen die entsprechenden Variablen in Prozent der Wertschöpfung. Aus Gleichung (2) ist unmittelbar ersichtlich, dass Anstiege der ­Betriebsüberschüsse zu einer Erhöhung der Gewinnquote führen, während höhere Abschreibungen die Gewinnquote verringern.

Tabelle 2: Entwicklung der Gewinnquote
1995 2007 2018
in %
Gewinnquote 29,6 37,1 31,3
1995–2018 1995–2007 2007–2018
in Prozentpunkten
Veränderung der Gewinnquote 1,6 7,4 –5,8
davon: in Prozentpunkten
Veränderung Betriebsüberschüsse 3,8 8,1 –4,4
Abschreibungen –2,2 –0,5 –1,5
Gütersteuern –0,0 –0,1 0,1
Diskrepanz –0,0 0,0 –0,1
Quelle: Eurostat, eigene Berechnungen.

In der Periode 1995 bis 2018 stieg die Gewinnquote in Österreich nur ­geringfügig von 29,6% auf 31,3%. Diese scheinbar stabile Entwicklung verdeckt aber starke Veränderungen im Zeitablauf. In den ersten Jahren stieg die Gewinnquote um 7,4 Prozentpunkte und erreichte im Jahr 2008 mit 37,1% den höchsten Wert im Beobachtungszeitraum. Mit dem Beginn der ­Finanz- und Wirtschaftskrise setzte ein Trendumkehr ein, und die Gewinnquote sank in den Jahren 2007 bis 2018 um 5,8 Prozentpunkte.

Dieses Muster ist für alle wichtigen Wirtschaftssektoren zu beobachten, am ausgeprägtesten ist es allerdings für den Industriesektor. Im Bereich der Marktdienstleistungen ist die Gewinnquote im Zeitablauf hingegen deutlich stabiler. Die höchsten Gewinnquoten weisen die Sektoren Landwirtschaft und Realitätenwesen auf, beide werden jedoch aus weiter oben ausgeführten Gründen nicht in der Analyse berücksichtigt. Auffallend auf Einzelsektorenebene ist ein über den gesamten Zeitraum stetig steigender Trend im Bereich der Transportdienstleistungen und ein stetig fallender Trend bei den Finanzdienstleistungen.

Tabelle 3: Sektorale Gewinnquoten für Österreich
Gesamt B-E F G-N ohne L O-U Gesamt ohne A,L,O-U
in %
1996 29,6 24,1 30,7 31,7 11,9 29,0
1997 30,3 26,5 33,9 31,7 12,2 30,2
1998 30,9 29,5 31,7 32,2 11,4 31,2
1999 31,3 28,7 34,4 32,5 12,5 31,5
2000 31,1 30,2 34,8 30,7 12,5 31,0
2001 32,1 31,6 35,1 32,6 12,5 32,6
2002 32,4 33,2 34,2 32,4 12,6 32,9
2003 32,8 32,1 36,6 33,3 12,7 33,3
2004 32,9 32,0 41,0 32,7 12,6 33,4
2005 34,4 35,5 42,3 32,9 12,9 34,9
2006 35,4 36,7 42,7 33,8 13,3 35,7
2007 36,3 39,6 41,3 34,7 13,1 37,0
2008 37,1 40,7 42,5 35,7 13,3 38,1
2009 35,6 37,2 42,0 35,2 13,1 36,6
2010 32,6 32,5 39,4 32,3 12,7 33,1
2011 33,0 33,8 37,4 32,7 12,2 33,6
2012 33,6 33,7 36,5 33,7 12,4 34,0
2013 32,2 32,1 36,0 31,4 12,3 32,1
2014 31,1 29,8 36,5 29,7 12,2 30,5
2015 31,2 29,2 35,2 30,4 12,7 30,5
2016 31,2 30,0 34,2 30,8 12,5 30,9
2017 31,5 31,5 34,8 30,1 12,3 31,0
2018 31,6 32,2 36,5 29,6 12,1 31,1
Quelle: Eurostat, eigene Berechnungen.
Anmerkung: Für die Sektorbezeichnungen siehe Fußnote 5 im Text.

Im Gegensatz zu Österreich ist die Gewinnquote im EU-Durchschnitt im Beobachtungszeitraum von 33,9% im Jahr 1995 auf 32,9% im Jahr 2018 leicht gesunken. Mit Ausnahme der Jahre 2006 bis 2008 liegt das Niveau der Gewinnquote im EU-Durchschnitt jedoch über jenem in Österreich. In den Jahren bis zum Ausbruch der Finanz­krise weist die Gewinnquote im EU-­Durchschnitt keinen steigenden Trend auf. In Deutschland entwickelte sich die Gewinnquote sehr ähnlich wie in ­Österreich, im Niveau liegt sie jedoch durchschnittlich um 2½ Prozentpunkte unter jener in Österreich.

Grafik 4, eine Liniengrafik, zeigt die Entwicklung der Gewinnquoten in Österreich, Deutschland und der EU im Zeitraum 1995 bis 2018. Die Gewinnquote stieg in Österreich von 29,6% im Jahr 1995 auf 37,1% im Jahr 2007 und sank dann auf 31,3% im Jahr 2018. In Deutschalnd stieg die Gewinnquote von 29,2% im Jahr 1995 auf 34,2% im Jahr 2007 und sank dann auf 26,5% im Jahr 2018. In der EU stieg die Gewinnquote von 33,9% im Jahr 1995 auf 36,1% im Jahr 2007 und sank dann auf 32,9% im Jahr 2018.

2.2 Gewinnentwicklung laut Firmenbilanzen

In diesem Abschnitt werden ausgewählte Profitabilitätsindikatoren aus der BACH-Datenbank dargestellt. Diese enthält international harmonisierte Bilanzdaten für neun europäische Länder für die Jahre 2000 bis 2017. Insgesamt sind 113 Bilanzkennzahlen für 88 NACE-2-Steller verfügbar. Neben den Mediankennzahlen eines Sektors sind auch Werte für Firmengrößenklassen und Quartile der Verteilung vorhanden. Wir analysieren die Entwicklung der Profitabilität anhand der Kennzahlen EBITDA zu Nettoumsatz (R33) und Eigenkapitalrendite (R38).

Das EBITDA beschreibt die operative Leistungsfähigkeit vor dem Abzug von Investitionsaufwendungen. Das Verhältnis von EBITDA zu Nettoumsatz (R33) stellt damit die Umsatzrendite dar. Diese verharrte von 2000 bis 2013 relativ stabil im Bereich von 10–12%. Seit 2014 ist jedoch ein Anstieg zu beobachten. Österreich liegt damit im oberen Bereich im Vergleich zu Belgien, Deutschland, Frankreich und Italien. 43 Die Eigenkapitalrendite (R38) wird als das Verhältnis von Gewinnen zu Eigenkapital berechnet. Sie weist einen ähnlichen Verlauf wie die Umsatzrendite auf, reagiert jedoch stärker auf zyklische Entwicklungen. Dies lässt sich deutlich aus dem Anstieg in den Hochkonjunkturjahren vor der Krise und dem Einbruch während der Krise ablesen. Hier liegen die österreichischen Unternehmen ebenfalls im oberen Bereich der betrachteten vier Länder.

Die Liniengrafik im linken Panel zeigt die Entwicklung der Profitabilität gemessen an EBITDA (Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization) durch Nettoumsatz in Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland und Italien im Zeitraum von 2000 bis 2017. In Österreich stieg sie von 10% im Jahr 2000 auf 13% im Jahr 2017. In den anderen Ländern kam es zu keinen großen Veränderungen der Quote. Im Jahr 2017 lag sie in Belgien bei 10%, in Frankreich bei 8%, in Deutschland und Italien bei 9%. Die Liniengrafik im rechten Panel zeigt die Entwicklung der Eigenkapitalrendite gemessen an Nettorpofit durch Eigenkapital in Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland und Italien im Zeitraum 2000 bis 2017. In Österreich stieg sie geringfügig von 13% im Jahr 2000 auf 14% im Jahr 2017. Auch in den anderen Ländern kam es zu keinen großen Veränderungen der Quote. Im Jahr 2017 lag sie in Belgien bei 6%, in Frankreich bei 10%, in Deutschland bei 9% und in Italien bei 8%.

Die Gewinnkennzahlen laut Unternehmensbilanzen haben im Vergleich zur Gewinnquote lt. VGR einen anderen Verlauf. Während die Unternehmensbilanzen auf eine relativ stabile Gewinnentwicklung in den Jahren 2000 bis 2012 ohne ­nennenswerten Einbruch während der Krise und einen Anstieg in den Jahren 2013 bis 2017 hinweisen, zeigt die VGR einen stetigen Anstieg der Gewinnquote bis vor der Krise und einen Rückgang seither an (Tabelle 2). Die Gewinnkennzahlen laut Unternehmensbilanzen und VGR weisen jedoch erhebliche konzeptionelle Unterschiede auf und sind daher nur bedingt vergleichbar. Ein wesentlicher Punkt liegt in der unterschiedlichen Berechnung der Abschreibungen. Die VGR verwendet zur Berechnung laufende Marktpreise, während in den Unternehmensbilanzen üblicher­weise Anschaffungspreise verwendet werden, was in Zeiten steigender Preise für Kapitalgüter zu signifikanten Unterschieden führen kann. Weitere wichtige Unterschiede bestehen in der Bewertung der Lagerbestände, der Behandlung von geistigem Eigentum und Leasing sowie der Berücksichtigung außergewöhnlicher Transaktionen wie Kapitalgewinne/-verluste. In der VGR werden weiters Vermögenseinkommen berücksichtigt, und es werden in manchen Sektoren Zuschätzungen für Betrug vorgenommen. Bei multinationalen Unternehmen werden in der VGR nur die im Inland erzielten Gewinne ausgewiesen, während in den Unternehmensbilanzen auch die im Ausland erwirtschafteten Gewinne enthalten sind. Dadurch können auch Unterschiede in der Steuerpolitik bezüglich multinationaler Unternehmen einen Einfluss auf die Gewinnquoten gemäß VGR und BACH-Daten haben. Für eine detaillierte Erläuterung siehe Lequiller und Blades (2014, S. 220 ff).

Wie hängen Produktivität und Profitabilität zusammen?

Die Arbeitsproduktivität beschreibt das Verhältnis der produzierten Menge im Verhältnis zur eingesetzten Menge an Arbeit. Sie hängt von einer Reihe technischer Faktoren ab und ist ­darüber hinaus konjunkturellen Schwankungen unterworfen. Die Profitabilität beschreibt die Ertragskraft von Unternehmen. Die Gewinne sind dabei definiert als die Differenz zwischen nominellen Erträgen und den Kosten der Produktion. Wenn sie zu einer Referenzgröße wie Eigenkapital, Gesamtkapital oder Umsatz in Relation gesetzt werden, erhält man Maßzahlen für die Profitabilität. Für den Zusammenhang zwischen Arbeitsproduktivität und Profitabilität siehe z. B. Genscá-Garrigos und Griffel-Tatjé (1992) oder Grifell-Tatjé und Lovell (1999). Die Profitabilitätsentwicklung wird durch die Produktivität beeinflusst. Letztere ist jedoch bei weitem nicht die einzige Determinante (siehe Abschnitt 2.2). Die Profitabilitätsentwicklung auf Unternehmensebene wird in der empirischen Literatur üblicherweise in drei Faktoren zerlegt: erstens in die Entwicklung der Produktivität, zweitens in einen Preiseffekt (Veränderung von Input- und Output-Preisen); drittens in einen Aktivitätseffekt. Dieser umfasst Veränderungen in den Skalenerträgen und – allerdings weniger häufig – der Ausrichtung der wirtschaftlichen Aktivität des Unternehmens. Empirisch lässt sich anhand der BACH-Daten kein enger Zusammen­hang zwischen gesamtwirtschaftlicher Arbeitsproduktivität und Gewinnkennzahlen erkennen.

Die makroökonomische Gewinnquote gibt – vereinfacht dargestellt – an, welcher Anteil des Bruttoinlandsprodukts dem Produktionsfaktor Kapital zufließt. Empirisch ist ein enger ­Zusammenhang zwischen der Veränderung der makroökonomischen Gewinnquote gemäß VGR und dem Wachstum der Stundenproduktivität in Österreich zu erkennen. Dies gilt sowohl im längerfristigen Trend als auch für kurzfristige Schwankungen. Die Zeit seit dem EU-Beitritt lässt sich in zwei Perioden mit stark unterschiedlichen Trends einteilen. Die Jahre bis zur Wirtschafts- und Finanzkrise waren durch ein hohes Produktivitätswachstum und einen Anstieg der Gewinnquote gem. VGR gekennzeichnet, die Jahre danach durch ein niedriges Produktivitätswachstum bei gleichzeitigem Rückgang der Gewinnquote. Auch innerhalb dieser beiden Perioden weisen beide Größen einen engen Gleichlauf auf. Das spiegelt die Tatsache wider, dass die Wertschöpfung deutlich stärker schwankt als die Beschäftigung und die Stundenlöhne.